Gabriele Pauli - Die Insellösung

Gabriele Pauli war schon vieles: die schöne Landrätin, die Zerstoiberin, die mit den Latex-Handschuhen. Die einstige CSU-Rebellin hat es nun in die Stichwahl um das Bürgermeisteramt auf Sylt geschafft. Auch weil sie behutsam vorgeht 

Gabriele Pauli
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Merle Schmalenbach

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Dieser Text ist in der Oktober-Ausgabe des Cicero erschienen. Bei der Bürgermeisterwahl am 14. Dezember bekam Gabriele Pauli 30 Prozent der Stimmen – und damit die Mehrheit. Am 11. Januar tritt sie in einer Stichwahl gegen den Baumtsleiter Nikolas Häckel an.

Gabriele Pauli verspätet sich etwas, also schaut man schon mal ohne sie auf die Speisekarte: Trüffelpommes, Lachs-Sashimi, Bison-Steak. Es gibt auch eine Flasche Champagner für 3800 Euro. Ah, da unten ist ein Stück Apfelkuchen für 4,50 Euro. Gott sei Dank. Pauli hat den Treffpunkt auf Sylt selbst ausgesucht. Ursprünglich sollte es das Café Luzifer sein, dann schwenkte sie auf das Restaurant Sansibar um. Politiker wie Wolfgang Schäuble kommen hierher. Einst ging auch Brigitte Bardot ein und aus. Es ist ein Sehen und Gesehenwerden, ein Ort der Inszenierung.

Pauli tritt ein. Kaum hat sie Platz genommen, kommt der Wirt, Herbert Seckler, ein gut vernetzter Mann mit grauen Haaren. Gedämpfte Stimme. Mit wem sie zuletzt gesprochen habe, fragt er. Ah, okay. Als Nächstes könne sie ja mal zu dem und dem gehen, rät Seckler. Pauli trifft gerade viele Leute. Sie will als Sylter Bürgermeisterin kandidieren. Am Vortag ist sie auf der Insel angekommen, um 20 Uhr, und hat die Koffer in ihre neue Wohnung gewuchtet.

Die mit den Latexhandschuhen – auf Sylt


Die Geschichte geht so: Die Insulaner suchen ein neues Oberhaupt. Für den Job braucht man etwas Glamour, aber vor allem staubtrockene Verwaltungserfahrung. Geeignete Bewerber, vor allem mit Charisma, waren zuerst rar. Eines Tages saßen ein paar Sylter Bürger zusammen und grübelten über die Lage. Bis Paulis Name fiel. Sie war 18 Jahre Fürther Landrätin. Sie kennt sich mit Lokalpolitik aus, mit Müllsäcken und Bushaltestellen. Sie trägt elegante Kleider. Am nächsten Tag klingelte ihr Telefon. Sie nahm ab.

Gabriele Pauli war schon viel in ihrem Leben. Sie war die schöne Landrätin, die Zerstoiberin, die mit den Latex-Handschuhen. Sie hat über Polit-PR promoviert. 2007 wurde sie bekannt, als sie sich in der CSU gegen Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber stellte. Sie trat in Talkshows auf, war kurz Liebling der Medien. Doch nach Stoibers Rücktritt wurde es für sie eng in der CSU. Manche in der Partei schimpften sie Hexe und Schlimmeres. Danach wurde sie mit den Freien Wählern unglücklich; mit der Freien Union, einer Neugründung, übernahm sie sich. Es ging nicht mehr weiter. Letztes Jahr nahm sie Abschied aus der Politik. Sie hat ihre Biografie veröffentlicht und bietet Coachings für Politneulinge an. Jetzt zieht es sie in die Manege zurück. „Mein Leben vollzieht sich in Abschieden und Kapiteln“, sagt sie.

Gabriele Pauli: „Hier habe ich gesessen. Erst vorne, dann hinten.“


Eine Woche bevor sie sich endgültig für Sylt entscheidet, wartet Pauli vor dem Münchner Landtag. Sie darf ihn lebenslang betreten, weil sie mal Abgeordnete war. Auch diesen Treffpunkt hat sie vorgeschlagen. Ob man mal reinwolle, fragt sie? Warum nicht.

Pauli erklimmt die Treppen, geht durch die leeren Gänge. An den Wänden hängen Ölschinken, sie erzählen von Schlachten und Krönungen. Pauli betritt den Plenarsaal. „Hier habe ich gesessen“, sagt sie. „Erst vorne, dann hinten.“ Sie geht zu ihrem Stuhl, legt die Hände auf die Lehne. Die Abgeordneten sind außer Haus. Es ist menschenleer. Nur eine schemenhafte Gestalt bewegt sich oben auf dem Glasdach. Pauli blickt hoch, sieht einen Wischmopp über sich. Er klatscht auf das Glas.

Im Landtag stürzt ein Mann auf sie zu, der Saaldiener. Wie es ihr gehe, fragt er. Sie strahlt. Ob er das mit Sylt gehört habe? Er runzelt die Stirn. Da kenne sie doch bestimmt niemanden, sagt er.

Auf Sylt ist der Promifaktor gerne gesehen


Tatsächlich sind die Sylter Nachfahren von Seefahrern. Sie schipperten aufs Meer hinaus, manchmal versanken sie. „Sie sind sehr offen“, sagt Pauli. Ihre neuen Bekannten hätten ihr die Wohnung, einen Leihwagen und Gesprächspartner vermittelt. Die klappert sie jetzt ab. Es gibt viele Probleme auf der Insel: Die jungen Sylter ziehen weg. Die Wohnungen sind knapp. In den Kassen bleibt wenig hängen. Pauli wirbt deshalb für eine Erhöhung der Zweitwohnsitzsteuer und eine Geburtsstation. „Gefühlt gibt es eine sehr große Chance für Frau Pauli“, sagt der Chefredakteur der Sylter Rundschau, Michael Stitz. „Nach anfänglicher Skepsis haben sich viele wichtige Stimmen für sie ausgesprochen.“ Sie habe den passenden Lebenslauf und trete auf der Insel behutsam auf. Zudem werde auf Sylt der Promifaktor gerne gesehen.

Sylt. Pauli stapft in ihren lila Sneakers durch den Sand. Der Wind weht durch ihre Haare. Sie ist jetzt 57 Jahre alt. Ihr Vater ist vor einiger Zeit gestorben, auch ihr Bruder. Er sagte zu ihr: Du hast nur ein Leben. Sie hat lange darüber nachgedacht. Der Politikbetrieb ist unbarmherzig. Bei einer Rede im Landtag sprach sie einmal von der Abwesenheit des göttlichen Gedankens in der Politik. Es war ein authentischer Moment, bei all der Inszenierung.

Die Sonne bricht durch, Pauli atmet die Luft tief ein. Man kann auf Sylt kilometerweit am Strand wandern, der Blick geht ins Unendliche. Nur hier vorne am Wasser, da warnt ein Schild vor den Strömungen: Wenn man in der Mitte bleibt, innerhalb der grünen Fähnchen, ist alles gut, steht da. Aber wenn man nicht aufpasst, dann reißt das Meer einen mit.

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