Cliff Okoro
Cliff Okoro / Foto: Ahmann und Schlieker

Warum Deutschland weniger Empörung braucht - „Das Problem ist unser fehlendes Wir“

Boykott oder gemeinsames Erlebnis? Während die Kritik an der WM 2026 wächst, sieht Gastautor Cliff Okoro im Turnier auch eine Chance: Fußball könne Menschen wieder zusammenbringen – in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt immer seltener wird.

okoro

Autoreninfo

Cliff Okoro ist seit 2025 Vorsitzender der Jungen Union im Münsterland und war zuvor Kreisvorsitzender im Kreis Steinfurt. Er ist kommunalpolitisch aktiv und arbeitet als Wirtschaftsinformatiker bei einem Industrieunternehmen in Münster.

So erreichen Sie Cliff Okoro:

Die Fußball-WM 2026 kann mehr sein als nur ein Turnier.

Noch bevor der erste Ball der Fußball-WM 2026 gespielt wurde, diskutiert Deutschland bereits über den Boykott. Nicht über Taktik. Nicht über Spieler. Nicht über Chancen auf den Titel.

Sondern darüber, ob wir überhaupt noch gemeinsam feiern wollen. Kritik gibt es reichlich: an der FIFA, an der Kommerzialisierung des Sports, an Donald Trump als Gastgeber eines WM-Landes, an Menschenrechtsfragen und geopolitischen Spannungen. Laut einer aktuellen MAZ-Umfrage sprechen sich sogar rund zwei Drittel der Teilnehmer für einen Boykott der Weltmeisterschaft durch die deutsche Nationalmannschaft aus.

Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem unserer Zeit: Wir sprechen ständig über Spaltung. Aber immer seltener darüber, was uns verbindet.

Sehnsucht nach Gemeinschaft wächst

Natürlich sind viele dieser Fragen berechtigt. Sport findet nicht im luftleeren Raum statt. Und trotzdem lohnt sich eine andere Frage: Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, die kaum noch gemeinsame Momente zulässt? Denn genau das scheint Deutschland zunehmend zu verlieren.

Wir erleben politische Lagerbildung bis tief in Familien und Freundeskreise hinein. Öffentliche Debatten eskalieren innerhalb von Minuten. Algorithmen verstärken Empörung. Jeder lebt in seiner eigenen digitalen Wirklichkeit. Das Vertrauen in Institutionen sinkt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Und genau hier liegt die eigentliche Bedeutung großer Sportereignisse.

Fußball ist nicht nur Unterhaltung. Fußball ist einer der letzten gesellschaftlichen Räume, in denen Millionen Menschen gleichzeitig dasselbe erleben. Nicht als Zielgruppe. Nicht als Milieu. Nicht als Parteianhänger. Sondern einfach gemeinsam.

Das war die eigentliche Kraft des „Sommermärchens“ 2006.

Damals ging es nicht nur um ein Halbfinale gegen Italien. Es ging um ein Land, das für einige Wochen wieder lernte, unverkrampft zusammenzukommen. Schwarz-Rot-Gold stand plötzlich nicht für Ausgrenzung, sondern für Zugehörigkeit. Nicht für Überheblichkeit, sondern für Heimat. Nicht gegen andere, sondern gemeinsam mit anderen. „Zu Gast bei Freunden“ war mehr als ein Marketing-Slogan. Es war ein gesellschaftliches Gefühl.

Studien des ifo-Instituts zur WM 2006 zeigen tatsächlich messbare Effekte: rund 700.000 zusätzliche Hotelübernachtungen, erhebliche Tourismuseinnahmen und vor allem eine deutlich positivere internationale Wahrnehmung Deutschlands. Aber der eigentliche Wert lag woanders: im emotionalen Klima des Landes.

Demokratie lebt von emotionalem Zusammenhalt

Heute wirkt Deutschland oft wie das Gegenteil davon.

Wir stellen mittlerweile selbst gemeinsame Freude unter Generalverdacht. Sobald Fans Fahnen schwenken, beginnt sofort die nächste kulturpolitische Debatte. Als hätte dieses Land verlernt, zwischen demokratischem Gemeinschaftsgefühl und aggressivem Nationalismus zu unterscheiden.

Dabei wäre gerade das dringend nötig.

Denn eine Demokratie lebt nicht allein von Institutionen und Regeln. Sie lebt auch von emotionalem Zusammenhalt. Von gemeinsamen Erinnerungen. Von Erfahrungen, die Menschen verbinden, obwohl sie unterschiedlich denken.

Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken will, darf deshalb nicht nur über Gesetze, Förderprogramme oder politische Strategien sprechen. Er muss auch verstehen, wie Gemeinschaft emotional entsteht. Große Sportereignisse können genau das leisten.

Nicht, weil Fußball alle Probleme löst. Sondern weil er für kurze Zeit etwas schafft, das im Alltag selten geworden ist: ein gemeinsames Wir.

Eine Gesellschaft zerfällt selten plötzlich

Das zeigt sich selbst heute noch. Trotz aller Kritik wollen laut einer Umfrage des YouGov Multi-Country Reports 41 Prozent der Deutschen die WM 2026 verfolgen, unter jüngeren Menschen ist das Interesse sogar deutlich höher. Die Sehnsucht nach solchen gemeinsamen Erlebnissen ist also keineswegs verschwunden.

Und vielleicht brauchen wir gerade deshalb einen anderen Umgang mit dieser Weltmeisterschaft. Nicht naiv. Nicht unkritisch. Aber eben auch nicht zynisch. Denn wenn ein Land nur noch seine Spaltung beschreibt, verlernt es irgendwann, Gemeinsamkeit überhaupt noch zuzulassen.

Natürlich wird die WM 2026 kein zweites Sommermärchen wie 2006. Die Welt ist eine andere geworden. Deutschland auch. Die gesellschaftliche Stimmung ist angespannter, die politische Debatte härter, die wirtschaftlichen Sorgen größer. Viele Kommunen planen bislang nicht einmal mehr öffentliche Fanmeilen, auch wegen Sicherheits- und Auflagenfragen.

Gerade deshalb wäre es falsch, dieses Turnier vorschnell kleinzureden.

Vielleicht brauchen wir heute keine perfekte Euphorie. Vielleicht reicht etwas anderes schon aus: wieder gemeinsam auf öffentlichen Plätzen zu stehen. Gemeinsam mitzufiebern. Gemeinsam zu jubeln. Menschen zu begegnen, die man sonst nur noch als Profilbild oder politische Meinung wahrnimmt.

Eine Gesellschaft zerfällt selten plötzlich. Sie verliert zuerst ihre gemeinsamen Räume.

Die Fußball-WM wird Deutschland nicht retten. Aber sie könnte uns daran erinnern, dass wir mehr sind als unsere Konflikte. Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht mit der nächsten politischen Debatte. Vielleicht beginnt er damit, wieder gemeinsam auf Fanmeilen zu jubeln.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Wolfgang Borchardt | Mo., 8. Juni 2026 - 12:58

Oder doch Pilgerstätte für Radaubrüder mit viel Polizeieinsatz/Steuergeldern? Diejenigen, denen es um Fußball geht, sind mittlerweile Minderheit oder sie bleiben daheim

Markus Michaelis | Mo., 8. Juni 2026 - 13:18

Ich sehe es auch so: man muss auch das Gemeinsame sehen und Gemeinschaften leben auch von gemeinsam Erlebten, gemeinsamen Ritualen, Erinnerungen. Aber warum das eher schwindet, da habe ich auch andere Gedanken.

Mehr Freiheit lässt ab einem Punkt weniger Raum für dieses Gemeinsame. Die Gemeinsamkeiten sind immer auch ein Balanceakt, weil sie immer auch eine Auswahl/Einschränkung aus einer größeren Welt sind.

Unsere Gesellschaften haben da einen etwas schwierigen Weg gewählt: auf den einen Seite ist die staatstragende Mitte sehr speziell geworden in ihren Sichtweisen, auf der anderen Seite will man das als vollständig weltoffen erklären, alles Wir und Die überwindend.

Ich glaube, unserer Gesellschaft fehlt es mit "Wir und Die" umzugehen. Es fehlt daran auch das Trennende sehen zu können. Wir können uns "Die" und Trennendes nur als Abwertung denken. Das ist eher ein Defizit der "alten Mitte". Dagegen setzen wir ein "Welt-Wir" - das ist weder gut noch real.

Michael Kaufmann | Mo., 8. Juni 2026 - 14:00

Oha, da leb ich nun in einem Land das schon von Politik wegen anders denkende ausgrenzt, beleidigt und auch sanktioniert. Aufgesprungen sind dann all die Moralisten mit allem möglichen Unfug. Kulturelle Aneignung, Woche; Klima Corona , Kriege usw.
und nun merkt jemand das ein Wir fehlt.
Das WIR wurde oder wird leider nicht gefragt. Auch ist nicht ganz klar was wir alles schaffen und tun sollen. Ich nehme nur wahr das sobald ein WIR auftaucht es Problematisch für die meisten von uns wird.

Sunstreet | Mo., 8. Juni 2026 - 15:16

Antwort auf von Michael Kaufmann

… durch eine vollständig kommerzialiserte Fussball-WM?
Ein auf Konsum ausgelegtes Merchandising und Medienspektakel? So ein Vorschlag kann eigentlich nur von einem unbedarften Politikneuling kommen. Das Eventpublikum wird wieder einmal mit den schwarz-rot-goldenen Aldi-Fanartikeln vor den Fernsehern sitzen, wie die Kommentatoren und Experten kluge Sprüche von sich geben und Unterstützung simulieren. Die Fussballinteressierten wenden sich, wie es ein Mitforist bereits erwähnt hat, mit Grausen ab.

Patenter Anwalt | Di., 9. Juni 2026 - 07:13

Antwort auf von Michael Kaufmann

"... sobald ein WIR auftaucht es Problematisch für die meisten von uns wird".

Das WIR gilt nur für die Leute "unserer Demokratie".

Immer im Hinterkopf behalten:
"Ein dummer Spruch beim dritten Bier,
schon stehen die Bu.... vor der Tür!"

Herr Merz überholt wohl noch Fr. Bärbock bei den Anzeigen wegen Politikerbeleidigung. Da bleib ich lieber Zuhause!

Maria Arenz | Mo., 8. Juni 2026 - 14:39

unter ernst zu nehmenden Migrationsforschern (z.B. Collier, Kloopmann) eine Binsenweisheit- je heterogener eine Gesellschaft desto geringer Gemeinsinn und dessen unverzichtbare Grundlage "mutual trust". Nicht nur zwischen den diversen ethnischen Gruppen sondern auch innerhalb derselben. Dagegen helfen keine Predigten. Ob vom Papst oder von grünen Damen Typ Handarbeitslehrerin.

Urban Will | Mo., 8. Juni 2026 - 16:45

Politik seiner eigenen Partei (so etwa keine Fanmeilen... warum wohl?), v.a. der Zerstörerin aus der Uckermark. Ich schreibe ihm allerdings hier keine direkte Mitschuld zu, dafür ist er wohl noch nicht lange genug bei der Union, aber das, was er hier anmahnt, sollte er mal seinem Chef gegenüber sagen.
Niemand spaltet dieses Land und zerstört das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen derzeit mehr als dieser Un-Kanzler.
Ich bin mir sicher, dass von denen, die ungezwungen und fröhlich, ohne über solchen Blödsinn wie Boykott oder anderes Zeug zu reden, diese WM feiern, die meisten AfD wählen.
Dort wird noch ungezwungen Patriotismus hochgehalten.
Und nun kommt dieser Merz, dessen geistige Verfassung einem mittlerweile Sorgen machen muss, daher und sieht in dieser Partei die Fortsetzung der Nazis. Unterstellt Millionen von Wählern, sie würden wieder Holocaust und Vernichtungskrieg wollen.
So unfassbar unfähig, dumm und hetzerisch kann ein normaler Mensch eigentlich nicht sein.

Walter Buehler | Mo., 8. Juni 2026 - 20:23

... sich die deutsche Gesellschaft wieder auf gemeinsame Räume besinnen würde, wo alle gemeinsam Feste feiern könnte.
---
Aber ist jede Organisation, die sich für Staatsknete oder Rundfunkgebühren dafür anbietet, auch tatsächlich für Feste geeignet?

Ich erlebe es so, dass der einfallslosen und grobschlächtigen deutschen Unterhaltungsindustrie die Organisation solcher Räume überlassen wird.

Hässliche Fähnchen, T-Shirts und Parolen sind schon längst TV-tauglich gedruckt, mit denen wir, das Volk, herumhüpfen sollen, und zwar so dämlich abgeschmackt, wie man es vom ESC, vom CSD, vom Ballermann, von Talkshows, vom Kölner Karneval oder von den (autonomeren) Fußballfans her kennt.
---
Ich feiere gerne, aber gewiss andere und echte Feste.

Ingbert Jüdt | Di., 9. Juni 2026 - 13:17

Interessant ist der Unterschied der Kontexte! Bei Kubicki Kritik am politischen grünen Brantner-Gouvernanten-Wir, bei Okoro Plädoyer fürs kompensatorisch-unpolitische Gemeinsam-Feiern-Wir. Der Bezug von beidem aufeinander, dem Partei-Wir und dem Party-Wir, legt die eigentliche Kulturdiagnose nahe: hier die Sterilität des politisch verordneten Wir, dort das Exzessive und Ekstatische, aber Episodische des Kompensations-Wir in sauberer Arbeitsteilung.

Das politische Wir der autoritär-moralischen Zerknirschungs-Disziplinierung ist dem ökonomischen Ich der marktkonformen Hamsterrad-Selbstoptimierungs-Disziplinierung allerdings paradox verwandt. Dem Party-Wir bleibt da nur die dazu umgekehrt proportionale Enthemmung, die schon in byzantinischen Zirkusparteien anschaulich wird: »Grüne« gegen »Blaue« sind geradewegs als historisches Menetekel geeignet.

Unsere »spätmoderne« Konstellation ist eine sehr verfahrene: für das Finden neuer Gleichgewichtsformeln sollte man Preisgelder ausloben!

Sabine Lehmann | Di., 9. Juni 2026 - 13:42

Wer soll das eigentliche sein, dieses "Wir"? Unabhängig von sportlichen Ereignissen wird dieser Gemeinschaft suggerierende Begriff inzwischen inflationär missbraucht, um etwas herbeizureden, was es de facto gar nicht gibt, um es dann für (meist) politische Zwecke zu missbrauchen, oft in Kombination mit totalitärem Denken u. herrschaftlichem Ansinnen. Diese politische Monokultur hat in den vergangenen 10 Jahren Hochkonjunktur, vor allem in Deutschland. Beide politischen Lager, von ganz rechts bis ganz links möchten immer wieder dieses "Wir" beschwören.
So lange es aber Menschen gibt, die das Teil zwischen den Ohren noch zum Denken benutzen, wird es das so nicht geben, der Individualität sei Dank. Das große Ganze, der gemeinsame Nenner für Alle, das kann man durch gemeinsame Regeln manifestieren, wie durch das Grundgesetz und das Strafrecht, Regeln, die für Alle gelten(sollten). Ansonsten sollte es plural bleiben, egal wieviele Parteien es dafür braucht. Einheitsgesinnung? Nein Danke!