Hubert Aiwanger Freie Wähler
Hubert Aiwanger, Spitzenkandidat der Freien Wähler, vor einer Almhütte / dpa

Freie Wähler - Der lange Weg nach Berlin

Auf kommunaler und regionaler Ebene sind die Freien Wähler eine feste Institution. Ihre bundes­poli­tischen Ambitionen sind insofern konsequent. Doch kann die Partei, die nie eine Partei sein wollte, in drei Wochen wirklich die Fünf-Prozent-Hürde in der Hauptstadt knacken?

Autoreninfo

Ben Krischke ist Redakteur bei Cicero und lebt in München.

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An den Stufen des neuen Rathauses von Rottenburg an der Laaber plätschert ein Brunnen. Auf ihm ein gusseiserner Reiter, der vom Ross herab einen Drachen mit dem Speer durchbohrt. Die Skulptur bildet Sankt Georg ab, der eine jungfräuliche Prinzessin rettet und sich anschließend taufen lässt. Ist der Drache die Berliner Politik? Hubert Aiwanger lacht. „Nein“, sagt er in markantem Niederbayerisch, „der Drache ist Frau Merkel.“ Und er sagt auch: „Wir wollen nach Berlin, um die Heimat zu retten, bevor sie andere ausradieren.“

Die Region, der Landkreis Landshut, ist Aiwangers Heimat und so etwas wie die Keimzelle seiner Partei im Süden der Republik. Aiwanger, Sohn eines Landwirts und Diplom-Agraringenieur, ist bayerischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident des Bundeslands. Als Bundesvorsitzender der Freien Wähler (FW) will er die Partei im September in den Bundestag führen – und sich selbst gleich mit. 

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Rob Schuberth | Fr, 3. September 2021 - 12:44

Auf der kommunalen Ebenen hat sich schon lange gezeigt wie gut die Freien Wähler bei den Bürgern ankommen.

Sie haben noch so etwas wie Bürgernähe.

Daher finde ich es richtig gut jetzt auch bundesweit die Partei wählen zu können.

Die bundesweiten "Freien Wähler" sind durchaus nicht identisch mit "Freien Wählergemeinschaften" auf lokaler Ebene. Letztere haben überhaupt kein Interesse daran, bundesweit in Erscheinung zu treten. Tatsächlich sind es diese lokalen Akteure, die oft fernab parteipolitischer Interessen durchaus erfolgreich kommunale Politik machen.
Dabei agiert man pragmatisch - nicht links, rechts, konservativ oder liberal.

Insofern sind die "Freien Wähler" auch eine Mogelpackung. Denn eine Partei kann per se keine "freie Wählergemeinschaft sein", müssen sich doch auch dort die Mitglieder einer gewissen Parteiräson unterwerfen.

Stattdessen handelt es sich um eine politische Formation, die irgendwo rechts der Mitte anzusiedeln ist.

Aber zugegeben: Für Leute, denen die CDU zu weit in der Mitte steht, ist das vielleicht eine wählbare Alternative. Sicher wählbarer als die Rechtsextremisten, die sich mit dem gleichfalls irreführenden Namen "Alternative" schmücken.

Rob Schuberth | Fr, 3. September 2021 - 19:20

In reply to by Gerhard Lenz

...anschließen, werter Herr Lenz.

M. E. ist es erfrischend wenn jetzt die FW bundesweit in Erscheinung treten, denn so könnten def. einige Stimmen nicht bei der Union landen die es sonst (aus Angst die AfD zu wählen) doch wieder tun würden.

Wir sind uns also d'accord.

Heidemarie Heim | Fr, 3. September 2021 - 12:56

Danke werter Herr Krischke! Das war sicher keine leichte Aufgabe, diese "Gemengelage"? einzusortieren bzw. abzubilden. Auf den ersten Blick eine inhomogene Ansammlung verschiedenster Charaktere und Interessen, fernab des üblichen Parteialltags mit all seinen Auswüchsen und erforderlichen Kompromissen. Jeder kann und darf denken und sagen was er möchte, solange es einigermaßen vernünftig klingt und keine Persönlichkeitsrechte eines anderen angreift. Wie unbequem das für die etablierte Politik und Medien sein kann, hat man bei den ersten Querdenkerdemos gesehen, die sich ebenfalls jeglicher "Ordnung" entzogen und in keine bis dahin bekannte Schublade passen wollten. Also versuchte man flugs die Spreu vom Weizen zu trennen, notfalls mit Kanonen auf Spatzen. Bin gespannt auf die Berichterstattung betreffs FW in anderen Medien, wenn diese statt das FW-Programm zu beleuchten sich auf Herr Aiwanger einschießen, der sich OHA! offen einer Impfung verweigert. Deshalb, gute Arbeit Hr. Krischke!

Christoph Kuhlmann | Fr, 3. September 2021 - 13:41

Vielen Dank für diese differenzierte Darstellung einer Nichtpartei, die für den Bundestag kandidiert und damit der Verfassung mehr entspricht als Parteien, die ja im Grundgesetz gar nicht vorgesehen sind. Die Abgeordneten sind ihrem Gewissen verpflichtet, niemandem sonst. Theoretisch jedenfalls. Das bürgerliche Lager lässt sich von einzelnen Personen das Maul auf Dauer nicht verbieten. Sehr schön. Die Politik ist schon viel zu langweilig geworden.

Bernd Muhlack | Fr, 3. September 2021 - 15:40

"Die Zahl ihrer Mitglieder, die im öff. Dienst beschäftigt sind, sei gering, Menschen mit dezidiert akademischem Lebenslauf die Ausnahme."

Bekanntlich wohne ich in einem kleinen Kaff.
Der örtliche Gemeinderat weist die Mindestanzahl auf, nämlich acht Mitglieder; zurzeit kein Weibsvolk anwesend, nur Männer!
Einmal CDU, zweimal SPD und fünfmal FW.
Auf dem Dorf kennt man sich, duzt sich meist.

Einer der FW-Gemeinderäte ist eigentlich "AfD-ler", das stört jedoch nicht; er hat vernünftige Ansichten.
Zwei erfolgreiche Kleinunternehmer (Bauunternehmen sowie Malerbetrieb).
Nein, keine Akademiker, öff. Dienst; okay der "AfD-ler" ist Lokführer.

Natürlich wird hier nicht qua Krieg und Frieden, Globalisierung und Klimagedöns debattiert, aber es werden (meist) sehr vernünftige Entscheidungen vor und für den Ort getroffen!
FW sind mMn näher an den Problemen der Bürger.

Im Briefkasten häuft sich die Wahlwerbung:
im Prinzip schreiben alle das Gleiche.
Ist Hochglanzpapier nicht "böse"?

Wählen Sie!

Urban Will | Sa, 4. September 2021 - 08:33

ging dann irgendwann – so in den 90ern – zu den FW über. Kommunal waren dort die einzig vernünftigen Leute zu finden. Bodenständigkeit und gesunder Menschenverstand sind durchaus gute, oft die einzig richtigen Leitlinien in der Politik. Der Bundes – Dilettanten – Stadl hat sie in den letzten Jahren schmählich missen lassen.
Es wäre ein Gewinn für die deutsche Politik, wenn Hubsi es schafft, zumindest wären die <5% Wählerstimmen von konservativ, vernünftig denkenden Bürgern nicht verloren.
Was mir nicht ganz einleuchtet, ist, wie man den geforderten Atomausstieg mit dem Schutz der Heimat verbinden möchte. Gerne ja, wenn regenerativ mit entsprechend Speichermöglichkeiten, etc. eine absolut dauerhafte und ausreichende Versorgung gewährleistet werden kann, da sind wir wohl noch Jahrzehnte von entfernt.
Sollte Hubsi seine fehlenden 2 % oder noch mehr nicht nur im bürgerlichen, sondern auch im grünen Lager holen, könnte er das Zünglein an der Waage sein. In der Tat, ich würde es ihm gönnen.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 4. September 2021 - 12:43

Ein sehr guter Artikel, der die Problematik der FW sehr gut beschreibt. Gab es bis letzte Wahl auch in meiner Gemeinde. Im Kreis sind die stark vertreten, auch in vielen Nachbargemeinden. Wie Herr Muhlack schreibt, sehr vernünftige und besonnene Menschen, die in erster Linie sich wegen ihrer lokal politischen Situation dazu entschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Kenne einige FW. Denen geht es speziell um die Sache, die Probleme in ihrer Heimat, am Ort, in dem sie leben. Da kommen auch wirklich gute Dinge heraus. Bundespolitisch sehe ich das Problem, dass sie dem gleichen Parteienproporz verfallen, wie die anderen Parteien auch. Dass das viele kommunale FW nicht wollen, weil ihr Hauptanliegen lokaler Natur sind, wo sich immer noch etwas bewegen lässt, kann ich verstehen. Es ist schon bezeichnend, das die FW nötig wurden, weil CDU und FDP mit ihren Fraktionszwängen und Apparatschiks parteipolitisch alles gleichgeschaltet haben oder ihren Kern, wie die CDU verraten haben.