Freie Wähler in Bayern - Der Unterschätzte

Hubert Aiwanger schaut dem Volk aufs Maul und macht daraus Politik. Mit der „Spezlwirtschaft“ der CSU hat er immer gefremdelt, und die Partei hat ihn lange belächelt. Doch nach der Bayernwahl muss sie vielleicht mit seinen Freien Wählern koalieren

03.09.2018, Bayern, Abensberg: Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Landesvorsitzender der Freien Wähler in Bayern und Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Freie Wähler, spricht beim politischen Frühschoppen auf dem Volksfest Gillamoos.
Hubert Aiwanger könnte bald neben Markus Söder Platz nehmen, obwohl er diesen einen „Diktator“ nennt / picture alliance

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Mike Schier leitet das Politikressort des Münchner Merkur

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Unter bayerischen Journalisten kursierte zuletzt ein lustiges Spielchen: Trat Hubert Aiwanger ans Rednerpult des Landtags, führten sie Strichlisten darüber, wie oft es dem Fraktionschef der Freien Wähler gelänge, in seiner Rede das Wortungetüm „Straßenausbaubeitragssatzung“ unterzubringen. Und ganz egal, worüber im Plenum gerade diskutiert wurde, die Zahl der Striche lag im zweistelligen Bereich.

Die Episode erzählt viel über Hubert Aiwanger und sein Verhältnis zur politischen Elite in München. Der Niederbayer, dem man seine Herkunft deutlich anhört, kümmert sich mit Hingabe um Probleme, die die einfachen Leute auf dem Land umtreibt, von denen Städter aber nie gehört haben. Mit der Straßenausbaubeitragssatzung zogen Gemeinden Grundbesitzer zur Finanzierung von Straßenarbeiten heran – gerade dort, wo lange Wege zu abgelegenen Häusern führen, eine teure Angelegenheit. Aiwanger startete ein Volksbegehren. Von der CSU wurde das belächelt, die Leserbriefseiten der Regionalzeitungen aber waren voll mit begeisterten Reaktionen. Als die Landesregierung die Regelung änderte, war es zu spät: Aiwanger wird bei der Landtagswahl am 14. Oktober Kapital aus dem sperrigen Thema schlagen.

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Joachim Wittenbecher | Mi, 10. Oktober 2018 - 13:59

Danke Mike Schier vom Münchner Merkur für diesen Bericht; guter Zeitungs-Journalismus aus München ist eine wohltuende Überraschung. Die Freien Wähler sind in Deutschland kommunal breit aufgestellt und machen oft gute Arbeit. Im Landtag sind sie nur in Bayern - leider. Zu wünschen wäre in einer Zeit, in der die Volksparteien suizid-bereit sind, dass sich Freie Wähler flächendeckend für Landtage und Bundestag aufstellen. Programmatisch wären sie eine FDP mit sozialerer Ausrichtung und Verankerung. Hier beginnen aber die Probleme - die Freien Wähler sind dezentral organisiert und lassen sich nicht so einfach bundesweit aus dem Boden stampfen; die dezentrale Organisation ist eines ihrer Erfolgsrezepte - alles andere würde sie zu einem Parteityp machen, der gerade überall abrutscht. Schwierig aber trotzdem wünschenswert. Und die "Ein-Mann-Show" von Herrn Oiwonger (pardon: Aiwanger)? Lieber Ein-Mann-Show als Merkels Geisterbahn.

Ingo Meyer | Mi, 10. Oktober 2018 - 14:50

...der AFD. Normalerweise stehen die FW so bei 6%. Wenn diese nun mit den zu erwartenden 11% in den Landtag einziehen, nehmen Sie der AFD 5 %. Ohne die FW stünde die AFD in Bayernbei 19% .
Das ist genau das kritische antigrüne und antilinke Potential , das nicht mehr die CSU wählt.
19% plus 33% = 52 % ! Das waren mal die Werte für die CSU allein. Mit der FDP, wenn sie es denn schafft, eine satte bürgerliche Mehrheit gegen grün-linke Utopien.
Die CSU hat sich diesen Verlust selbst zuzuschreiben. Wenn es keine AFD gäbe, müsste sie jetzt erfunden werden. Die Selbstgefälligkeit der CSU ist unerträglich. Ich wünsche sowohl den FW als auch der AFD einen satten Erfolg!

Hannes Köppl | Mi, 10. Oktober 2018 - 15:32

habe Herrn Aiwanger in der "BR-Wahlarena" gehört. Er hat mich beeindrukt. Obwohl ich AfD-Sympatiesant bin muß ich ehrlich bekennen, dass er sich gut präsentiert hat.

Ines Schulteh | Mi, 10. Oktober 2018 - 20:57

In reply to by Hannes Köppl

Habe von Aiwanger schon seit Jahren ein gutes Bild. Er kommt ehrlich, glaubwürdig und kompetent rüber. Gute Ansichten auch zu Frauen und Familie. Würde ich wählen, wenn man das bei uns könnte.

Jürgen Keil | Mi, 10. Oktober 2018 - 19:20

Ich muss jetzt mal fragen: Ist Populismus nun etwas gutes oder schlechtes. AFD wird oft synonym mit Rechtspopulismus gesetzt, also das ist schlecht. Gibt es auch einen Freiewählerpopulismus und ist der gut? Dann gibt es vielleicht ja auch einen Linkspopulismus und der ist dann gutmenschlich. Ich bin verwirrt! :-)

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