Frau Fried fragt sich... - ...wer im Fernsehen alte Leute sehen will

Welke Gesichter mit gelblichen Zähnen und hängenden Lidfalten auf der Mattscheibe: das ist doch eine Zumutung, findet unsere Kolumnistin Amelie Fried

Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators

Autoreninfo

Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

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Vor kurzem hat Christine Westermann, 66, verkündet, dass sie ganz und gar freiwillig die Moderation bei „Zimmer frei“ aufgibt, obwohl jedes Mal ungefähr eine Million Zuschauer einschalten. Der WDR habe ihr zu verstehen gegeben, sie sei zu alt, und so richtig ernsthaft hat sie nicht widersprochen.

Bei den 20 beliebtesten TV-Präsentatoren des Jahres 2014 (ermittelt von Forsa) liegt der Altersschnitt der Männer bei 49,1 Jahren, der ihrer Kolleginnen bei 42,6, und es sind überhaupt nur zwei Moderatorinnen über 50 dabei, die meisten sind noch nicht mal 40.

Ich erschrecke auch jedes Mal, wenn ich mein Gesicht auf dem Bildschirm sehe. Schließlich ist Fernsehen ein optisches Medium, da muss es doch ums Aussehen gehen, oder? Die Welt ist schlimm genug, da will der Zuschauer wenigstens von frischen jungen Gesichtern durchs Programm geführt werden. Das tröstet. Macht auch nichts, wenn man merkt, dass die Nachrichten nur abgelesen, aber nicht verstanden werden. Die Fragen auswendig gelernt, aber inhaltlich kaum durchdrungen. Hauptsache, die Präsentatoren sind faltenfrei.

Eigentlich bin ich für eine Altersquote im TV: Alle über 55 sollen raus. Ist doch eine Zumutung. Diese welken Gesichter mit gelblichen Zähnen und hängenden Lidfalten, von der HDTV-Technik gnadenlos bis in die letzte Pore ausgeleuchtet. Oder, schlimmer noch: die oft picassohaft anmutenden Ergebnisse der Schönheitschirurgie, mit der verzweifelte Fernsehfrauen gegen den drohenden Verlust ihres Arbeitsplatzes ankämpfen.

Mit einer Quote wäre allen geholfen: Die Welt wäre nicht weniger schlimm, sähe aber im Fernsehen viel hübscher aus. Viel Geld für Hautstraffungen könnte gespart werden. Manch männlicher Kollege könnte sich früher dem endgültigen, exzessiven Rotweinkonsum hingeben. Normalerweise bleiben männliche Moderatoren im Dienst, bis ihnen das Gebiss rausfällt. Wie viel ansehnliches, ­testosteronstrotzendes Frischfleisch könnten wir Zuschauerinnen stattdessen zu sehen bekommen! Wenn, ja, wenn …? Wenn die oberen Führungsetagen der Fernsehsender nicht fast ausschließlich männlich besetzt wären. Die Männer haben einfach kein Verständnis dafür, dass wir Frauen keine alten Kerle sehen wollen.
 

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