Frau Fried fragt sich … - … welche Politiker sie in die Tonne treten soll

Unsere Kolumnistin Amelie Fried findet beim Ausmisten Erinnerungen an eine vergangene Politik-Ära: eine Einladung zum Kaffee von Rudolf Scharping, einen Beschwerdebrief von Max Streibl, ein einst geführtes Interview mit Otto Schily

Anja Stiehler/ Jutta Fricke Illustrators

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Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

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Weil wir umziehen, miste ich mein Leben aus. Kisten, Ordner und Staub aus 35 Jahren. Artikel und Briefe aus meiner frühen Talkshow-Zeit. Umweltminister Joschka Fischer bedankt sich für seine Teilnahme am ARD-Jugendabend 1986: „Sollte es dich mal in die Gegend von Wiesbaden oder Frankfurt verschlagen, ruf doch einfach an. Ich würde mich freuen.“ Soll ich?

Rudolf Scharping kündigt an, er werde bei seiner nächsten Radtour durch Bayern zum Kaffee vorbeikommen. Ach, und war da nicht auch Björn Engholm, der mal vorschlug, er und ich könnten doch gemeinsam einen Hotelführer schreiben? Altpapier.

Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl beschwert sich 1989 beim ZDF: „Es war nicht das erste Mal, dass die Moderatorin Amelie Fried diesen Sendeplatz (‚Live‘) zu einseitiger und unqualifizierter Agitation missbraucht hat.“ Ab in die Tonne.

Als Politiker unbedingt gut aussehen wollten
 

Da ist noch ein Zeitschrifteninterview von mir mit Otto Schily, der einen pampigen Assistenten im Norwegerpulli vorschickte, damit sein formvollendeter Auftritt im Dreireiher umso besser rüberkam.

Meine Güte, die Politiker strengten sich damals dermaßen an bei ihrer Inszenierung. Toskana-Fraktion, schicke Anzüge, lässig auf Du und Du. Sie wollten unbedingt gut aussehen. Dabei waren meine Idole doch die deutschen Mount-Rushmore-Ausgaben Strauß, Schmidt, Wehner und Brandt. Strauß brachte den Blutdruck meines Vaters nach oben, Wehner verkörperte den Humor in der Politik („Sie Übelkrähe!“), Schmidt war und ist Schmidt, und Brandt war so was wie die Urlaubsvertretung des lieben Gottes in meiner ansonsten weitgehend gottlosen Kindheit. Als ich ihn 1989 in einer „Live“-Sendung fragte, warum er seine Memoiren in einem Verlag des Springer-Konzerns publiziere, der ihn jahrelang mit Dreck beworfen hatte, und ob das was mit Geld zu tun hat, war er vergrätzt. Man soll Götter nicht dem Reality-Check unterziehen. Trotzdem schade, mit ihm nie Kaffee getrunken zu haben. Und wie lustig wäre es gewesen, wenn Strauß einmal auf eine Leberkässemmel vorbeigekommen wäre.

Und heute? Auf einen Wein mit Merkel? Einen Espresso mit Gabriel? Einen Roibuschtee mit Steinmeier? Lassen wir das. Macht einfach euren Job, okay?
 

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