Frau Fried fragt sich … - … warum unsere Kinder uns nicht mehr peinlich finden

Früher waren Eltern Spießer – Kinder wollten anders sein. Heute findet der Krieg der Generationen nicht mehr statt

Die Kinder rebellieren nicht mehr. Gegen wen auch?
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Amelie Fried ist Schriftstellerin und Fernsehmoderatorin. Für Cicero schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft

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Früher hatte ein Kind Glück, wenn es seine Kindheit überlebte und die Eltern sich an seinen Namen erinnerten. Später durfte es dankbar sein, wenn es nicht geschlagen und als Halbwüchsiger in die Obhut eines Lehrherrn oder an die Front geschickt wurde.

Als ich jung war, stritt ich mit meinen Eltern über Rocklängen und Ausgehzeiten, übers Rauchen, Musik und das, was sie meinen „Umgang“ nannten. Ich fand sie blöd, und sie fanden mich unausstehlich, und dann lief ich weg und blieb wochenlang verschwunden. Mein Mann bedrohte damals seine Eltern, er würde mit seinen Anarchistenfreunden ihr Haus besetzen, der Vater kündigte an, dem Sohn die Polizei in die WG zu schicken, um seinen Hausschlüssel abholen zu lassen. Ansonsten endeten alle politischen Diskussionen mit der gebrüllten Aufforderung: „Wenn’s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben!“ Unsere Eltern waren Spießer für uns, und wir zogen unser Selbstbewusstsein daraus, anders sein zu wollen als sie.

Heute findet der Krieg der Generationen nicht mehr statt. Teenagertöchter tragen freudig die Klamotten ihrer Mütter, Studenten besuchen mit ihren Vätern Rockkonzerte. Manche finden es nicht mal seltsam, zu Hause zu wohnen, bis sie 25 sind. Die Kinder suchen mit uns den Konsens, nicht die Konfrontation. Sie finden ihre Stärke nicht in der Abgrenzung, sondern in der Affirmation. Unsere politischen Diskussionen sind lebhaft, aber keine Schlachten, und wir lernen voneinander. Offenbar ist es ihnen lieber, uns toll finden zu können, als uns blöd finden zu müssen. Das beobachte ich nicht nur in unserer Familie, sondern in unserem gesamten Umfeld.

Vermutlich nie zuvor hatten Kinder und Eltern ein so gutes Verhältnis. Kinder sind ein rares Glück geworden und werden (zumindest in Gesellschaften wie unserer) als kostbare Individuen wahrgenommen. Eltern sind aufgrund veränderter ökonomischer Verhältnisse nicht mehr die Schinder von ganz früher. Als Mutter finde ich das toll, aber wie ist das für die Jungen, wenn sie ihre Altvorderen nicht mehr guten Gewissens ablehnen können? Können die überhaupt richtig erwachsen werden? Oder brauchen sie mit 40 einen Psychotherapeuten, um sich endlich von ihren viel zu netten Eltern lösen zu können?

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