Fräulein Dill aus Königstädten

Andrea Ypsilanti ist ein politischer Terminator. Stoßrichtung: nach oben. Unten, hinter ihr, liegt Rüsselsheim-Königstädten. Und alles, was dazugehörte. Eine Spurensuche in der Heimat der hessischen SPD-Vorsitzenden.

Ypsilanti auf dem Vormarsch, komme was wolle.
() Ypsilanti auf dem Vormarsch, komme was wolle.
Eine Reihenhaussiedlung in Frankfurt-Nieder-Erlenbach, es regnet. Eine Dame stöckelt durch den Wind auf eine Haustüre zu, ihr Fahrer hält ihr den SPD-roten Regenschirm. „Isch bin’s!“, ruft sie, als sie den Mantel im Eingang abklopft. Wer ist sie? Andrea Ypsilanti, Unruhestifterin, Hoffnungsträgerin, hessische Landesvorsitzende der SPD, für heute im Feierabend. Wo will sie hin? Ins Trockene, zu ihrer Kommune, ihrem Sohn, dem Lebensgefährten Klaus-Dieter Stork und der Familie seines Bruders. Die WG sitzt im behaglichen Küchenlicht und eilt ihr zur Begrüßung entgegen. Sie will nach oben. Es ist kurz vor acht, Tagesschau-Zeit, gleich wird sie im Bildschirm ihr Gesicht sehen. Im ersten Stock geht der Fernseher an. Vielleicht liegt sie jetzt in Storks Armen, auf dem Sofa. Wenn es einmal stressig wird, erzählte Stork einmal, „legt Andrea ihren Kopf auf mein Herz, und sie hört es schlagen und alles wird gut.“ Es ist der 30.September 2008, heute war es stressig. Und es ward gut. Für heute. Aber sie will höher als in den ersten Stock ihrer Wohnung. Sie will nach ganz oben. Nicht aufs WG-Sofa, sondern auf Roland Kochs Sessel. Sie will hessische Ministerpräsidentin werden. Um jeden Preis. Wo kommt sie her? Heute aus dem Wiesbadener Landtag, triumphierend. Die Generalprobe für ihren geplanten Aufstieg hat sie bestanden: SPD, Grüne und Linke haben ihr in Probeabstimmungen die Schwerter zugesichert, mit 56 Stimmen, das reicht im Ernstfall für die knappe Mehrheit bei den Wahlen im November. Dass die SPD kurz darauf die Aufnahme der Koalitionsverhandlung mit den Grünen – und damit auch die Tolerierung durch die Linke – beschloss, war Formsache. Ypsilanti ist ein Phänomen. Wie der Terminator pflügt sie auf ihr Ziel zu. Abweichler, der Zerfall der SPD, ein gegebenes Wahlversprechen: alles keine Hindernisse. Im November braucht es einen einzigen Heckenschützen neben Dagmar Metzger, und ihr Aufstieg wird zum Ikarus-Flug. Bewunderer halten das für Tapferkeit, Kritiker für Machtgeilheit. „Das Leben wartet nicht“ sei ihr Lebensmotto, sagte sie einmal. Es ist nicht der Spatz in der Hand, den sie will. Sie will die Taube auf dem Dach. Wer das nachvollziehen will, muss die Frage noch einmal stellen: Wo kommt sie her? Vor dem Wiesbadener Landtag, vor Frankfurt, Madrid, Darmstadt? Dort, wo sie herkommt, gibt es nicht viele Spatzen. Was es gibt, in Rüsselsheim-Königstädten, sind Flugzeuge, alle zwei Minuten eines. Die Schlafstadt der Arbeiter der Opel-Werke in Rüsselsheim-City liegt in der Flughafenschneise. Ypsilantis Elternhaus steht im Arbeiterwohnbezirk: Weißer Rauputz, gelber Streifen an der Front. Eines von vielen Reihenhäusern in der kahlen Adam-FoßhagStraße, die im Dunkeln nur beschienen wird vom Fernsehflimmern hinter den Gardinen. Das Haus hat einen kleinen Balkon. Mit Blick auf die Wand gegenüber. Man stellt sich vor, wie sie dort stand und nur in den Himmel schauen konnte. Zu den Flugzeugen, mit denen sie nach dem Abitur als Stewardess endlich rauskonnte, weg, nach oben. Unten, da war nur die stumme Front von Mauern und Dächern, ohne Vorgärten, unterbrochen von den Holztoren, hinter denen die Opels parken. Und unten waren die Arbeiter, wie ihr Vater, der Opel-Werkzeugmachermeister Karl Dill, die man heute noch in speckigen Blaumännern durch den Ort stiefeln sieht. Mit Ölflecken, die sich vielleicht so wenig auswaschen lassen wie eine Kindheit in Königstädten. 1957 wurde sie geboren, als zweite von drei Töchtern. Kurz bevor sie aus dem Kreißsaal kam, rollte der zweimillionste Opel aus den Toren der nahen Fabrik. Der Verweis auf ihre Herkunft ist bei ihr Programm. Das Arbeitermilieu ihrer Eltern, der harte Weg nach oben, der Vater, der sie ausgebremst habe und auf die Sparkasse schicken wollte statt aufs Gymnasium. Heute wirkt der zierliche Mann, im Ort als „Dille-Kall“ bekannt, froh um die Fliehkraft seiner Tochter. Bekleidet mit einer Wollweste steht er in der Tür seines Hauses und ruft „Ich bin sehr stolz auf meine Tochter“ und lässt sich bereitwillig fotografieren. Doch mehr sagen will er nicht: „Sie müssen verstehen: Ich bin schon bös über die Presse gestolpert!“ Der 81-Jährige wird von ehemaligen Opel-Kollegen als bescheiden und liebenswert beschrieben: „Niemand, der am Stammtisch große Sprüche kloppt.“

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