- Der lahmende Rechtsstaat
Ein Rechtsstaat muss sich selbst ernst nehmen, will er die Rechtstreue seiner Bürger nicht verspielen. Doch ob ihm das gelingt, wird immer zweifelhafter. Die gegenwärtige Migrationspolitik wird zum Härtetest für die Demokratie. Von Alexander Kissler
Am Donnerstag der vergangenen Woche wurde im baden-württembergischen Offenburg ein Mann erstochen. Das Opfer war ein Arzt, der zahlreiche Flüchtlinge behandelt hatte; der mutmaßliche Täter ist ein 26-jähriger Asylbewerber aus der muslimischen Republik Somalia. Am selben Donnerstag versuchten Polizisten im sächsischen Plauen, einen 23-jährigen Libyer festzunehmen, dem sexuelle Nötigung vorgeworfen wird. Ein Video zeigt, welch brutaler Widerstand den Polizisten durch drei Begleiter des Mannes entgegenschlägt und wie zaghaft die Polizei sich zur Wehr setzt. Beide Fälle werfen eine beunruhigende Frage auf: Wie defensiv darf ein Rechtsstaat sein, ohne dass die wehrhafte Demokratie Schaden nimmt? Die Antwort ist bedrückend.
In Offenburg steht ein junger Mann dringend unter Mordverdacht, der laut Polizei „Anfang November 2015 in das Bundesgebiet eingereist“ war. War diese Einreise rechtens? Hatte der Somalier, der vermutlich aus einem anderen EU-Land Deutschland erreichte, das Recht auf diesen innereuropäischen Grenzübertritt? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Nach dem Wortlaut des Grundgesetzes dürfte es sich um eine unerlaubte Einreise gehandelt haben. Der Rechtsstaat hat sie wie zahlreiche vergleichbare Fälle geduldet und sodann für die Unterbringung des Mannes in einer staatlichen Gemeinschaftsunterkunft gesorgt. Das Asylverfahren ist nicht abgeschlossen. Faktisch würde, so der ARD-Journalist Kai Gniffke, „der Arzt heute noch leben, wenn dieser Flüchtling nicht ins Land gekommen wäre.“ Hat der lahmende Rechtsstaat eine Mitverantwortung an der späteren Gewalttat?