Florian Mundt alias LeFloid - Meinungsmacher der Generation Youtube

Am Freitag ist es soweit: Youtube-Star LeFloid wird die Bundeskanzlerin interviewen. LeFloid hat eine Reichweite, von der viele Zeitungskommentatoren nur träumen können. Ein Porträt 

Florian Mundt
Julia Zimmermann für Cicero

Autoreninfo

Klaus Raab ist freier Medienjournalist in Berlin.

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Was an Florian Mundts Videos sofort auffällt, ist das hohe Tempo. „Aloha“, sagt er zur Begrüßung, dann zack, erste Pointe, zack, erstes Thema, zack, zack, zack. Tippt man den Text ab, den er während einer Minute spricht, so kommt man auf 1245 Anschläge. Zum Vergleich: Eine zufällig ausgewählte Minute Text aus dem „heute journal“ ergibt 841 Anschläge. Mundt liefert 50 Prozent mehr Inhalt als herkömmliches Fernsehen.

Mundt, 25 Jahre alt, hat sich den Künstlernamen LeFloid gegeben und ist damit im Netz auf der Video-Plattform Youtube bereits sehr bekannt geworden. Der Berliner ist ein Fachmann für Comics, japanische Popkultur und Computerspiele, der in seiner Show „LeNews“ überraschende Ausflüge in die Gesellschaftspolitik unternimmt, der zu Zivilcourage anhält und seine jungen Fans ohne jede Lehrerhaftigkeit anregt, sich für Politik zu interessieren, indem er über Nordkoreas Atomtests so unverkrampft spricht wie über Batman.

Seit etwa zweieinhalb Jahren lädt er mindestens einmal pro Woche ein selbst produziertes Video auf seinen Kanal. Mehr als 150 Videos sind es inzwischen, er erreicht mit einem 400 000 bis 1,8 Millionen Zuschauer. Davon können viele Zeitungskommentatoren nur träumen. So viele Zuschauer in LeFloids Zielgruppe unter 25 Jahren hätte auch manche Fernsehsendung gern.

Pro 1000 Klicks verdient ein deutscher Youtube-Partner 60 Cent bis 1,30 Euro, Mundt kommt so schätzungsweise auf 350 bis 1000 Euro pro Sechsminutenvideo. ­LeFloid verkauft zudem T‑Shirts. Ein Starmoderatorengehalt hat er trotzdem nicht, zumal ein Youtube-Kanal viel unsichtbaren Aufwand erfordert: Diskussionen mit Nutzern oder die Pflege eines weit verzweigten Netzwerks, das Links zu den Filmen verbreitet.

Fernsehen ist für Mundt hierarchisch, Onlinevideos sind es nicht: „Das Videomachen hört für mich an dem Punkt auf, an dem sich jemand ansatzweise als Vorgesetzter gerieren könnte“, sagt er. Beim Fernsehen wolle er nicht enden. Auch ein Youtuber muss sich Zwängen fügen, den Geschäftsbedingungen der Google-Tochter Youtube etwa. Der einzige Vorgesetzte, den Mundt anerkennt, ist aber der Zuschauer: „Sobald man eine Sekunde lockerlässt, wird ein Video weggeklickt“, sagt er. Auch das ist ein Korsett, aber eines, in dem er sich beweglich fühlt.

In einem Moment steht er in der Bildmitte, im nächsten weiter links. In einer Sekunde trägt er Schildmütze, in der folgenden Batman-Kostüm. Zack, zack, harte Schnitte, man muss sich daran gewöhnen. Journalisten wird beigebracht, dass man zwei Szenen weich ineinanderfließen lassen sollte, um niemanden mit Bildsprüngen zu verstören. Mundt aber ist Autodidakt und tut, wie Pippi Langstrumpf, was ihm gefällt. Er ist in einer komfortablen Position: Er muss es nicht allen recht machen, er sieht ja an den Nutzerzahlen, dass genug Leute seine Filme mögen.

Er zitiert Agentenfilme, die man gesehen haben muss, um die Zitate zu erkennen, er spricht über Nischenbands und befreundete Youtuber; für seine Themen, sagt er, gebe es nur ein Auswahlkriterium: Sie müssen ihn interessieren. Konsequent geht er den Weg des eigenen Geschmacks, anders als etablierte Medien, die am liebsten jeder neuen Idee eine Kundenbefragung vorausschicken würden.

Es gibt bei Youtube Comedy-, Beauty-, Gaming-, BMX- und Actionkanäle. Auch LeFloid veranstaltet kein philosophisches Nachtstudio, aber er ist der mit dem originellsten Zugriff auf politische Themen. „Unverzüglich“ heißt bei ihm „instant“, statt „ziemlich“ sagt er „sauig“. Mal wird er ärgerlich, etwa wenn es um einen Hitlergruß zeigenden Fußballer geht, mal albert er vor sich hin, aber er trifft in der Regel den richtigen Ton. Wäre Youtube eine Zeitung, LeFloid wäre mit seiner Show „LeNews“ der Leitartikler. Das Unternehmen Mediakraft, ein Internet-TV-Sender, der die bekanntesten deutschen Youtuber präsentiert und auch ­LeFloids Show zeigt, hat für das laufende Wahljahr angekündigt, nach US-Vorbild auf das „wachsende Publikum für Info- und Bildungsinhalte“ zu reagieren: Es soll mehr Informationsprogramm geben. Mediakraft nennt LeFloid den „Anchorman des deutschsprachigen Youtube“.

Mundt lässt sich nicht so leicht politisch einordnen. Mal nervt ihn die Pharmaindustrie, mal der Papst, und dann stören ihn Polizisten beim Skateboarden. „Mir ist wichtig, dass man der Community was mitgibt“, sagt er. Über japanische Popkultur und Ufo-Geschichten kommt er zu einer Sonntagsbotschaft für gestresste Teenager: „Man sollte viel dankbarer sein im Leben.“ Im Herbst legte er sich mit der homophoben und rassistischen Internetseite kreuz.net an. Von Januar bis März, da hatte er in einem Video gerade gelobt, dass US-Politiker Onlinepetitionen ernst nähmen, sammelte er exemplarisch 32 000 Unterschriften für die „Operation Todesstern“ – für den Bau einer deutschen Raumstation nach „Star Wars“-Vorbild –, um zu zeigen, dass Mitbestimmung möglich ist.

Florian Mundt ist ein ernsthafter und freundlicher Gesprächspartner. Im Rahmen seines Studiums der Psychologie und Rehabilitationspädagogik in Berlin klärt er Schulklassen über Cybermobbing und Datenschutz auf. Im Netz ist er zu einem Meinungsmacher für junge Leute geworden. Er spricht sie als „Dudes und Dudines“ an. Drei-, viermal pro Video fragt er: „Was meint ihr? Lasst uns mal in den Kommentaren drüber quatschen“; er wirkt dabei nicht anbiedernd, weil er selbst aus der Generation kommt, die mit „Was meint ihr?“ aufgewachsen ist. Man wird von ihm hören. 

Dieser Text erschien zunächst in der Printausgabe des Cicero (Mai). Wenn Sie das monatlich erscheinende Magazin für politische Kultur kennenlernen wollen, können Sie hier ein Probeabo bestellen

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