Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen auf einem Kasernengelände während einer Übung in eine Tür
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Militär - Keine Doku ohne Bundeswehr

Sie schießen, fahren Panzer oder robben durch den Sand: Wie kommen eigentlich die Bilder von Bundeswehrsoldaten ins Fernsehen? Nur mit strenger Kontrolle des Verteidigungsministeriums, wie eine Liste von Filmprojekten nahelegt, die Cicero Online vorliegt

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Marvin Oppong ist freier und investigativer Journalist in Bonn und Dozent für Recherchetechniken

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Wer in diesen Tagen Nachrichten sieht, wird kaum an den Bildern der Männer in braun-grünen Tarnuniformen vorbeikommen: Die Bundeswehr steht im Rampenlicht. Bereits in der vergangenen Woche sind Soldaten in Erbil im Nordirak eingetroffen, um die deutschen Waffenlieferungen zu koordinieren, denen der Bundestag zu Wochenbeginn zugestimmt hat.

Wie solche Bilder und Beiträge zustande kommen, wissen die wenigsten Zuschauer. Denn Berichterstattung über die Bundeswehr ist ein schmaler Grat. Journalisten reden nicht gern darüber.

Bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr etwa schlafen die Journalisten im Feldlager. Ohne die Soldaten dürfen sie sich nicht frei im Land bewegen. Sie müssen zudem Schutzausrüstung wie Splitterschutzwesten und Helme tragen, wenn sie Patrouillen begleiten wollen.

Medien stehen vor einem Dilemma: Sie sind auf die Bundeswehr angewiesen, sollen aber zugleich unabhängig berichten. N24-Sprecherin Anna Kopmann erklärt: „In Krisengebieten, in denen die Bundeswehr im Einsatz ist, wäre eine Berichterstattung ohne die Unterstützung des Bundesministeriums für Verteidigung vor Ort zu gefährlich.“

„Embedded Journalism“, also Journalismus durch Berichterstatter, die einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen sind, gilt als ethisch heikel. „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß“, sagte einmal der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny.

„Katz-und-Maus-Spiel“ zwischen Journalisten und Bundeswehr


Cicero Online liegt eine 14-seitige Auflistung des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) mit 487 Sendungen vor, die von der Bundeswehr unterstützt wurden. „Unterstützt“ heißt dabei: „reaktiv, auf Anfrage“. Es handelt sich dabei um Serien, Dokus und Filme, die im deutschen Fernsehen liefen oder noch laufen sollen. Gedreht wurden sie zwischen 2009 und 2014 – also maßgeblich unter den Verteidigungsministern zu Guttenberg, de Maizière und von der Leyen. 

Die meisten Produktionen entfallen auf die öffentlich-rechtlichen Sender ZDF, ARD und NDR. Auch Produktionen von RTL, WDR und „Galileo“ von Prosieben sind darunter. In den Sendungen geht es um die Wehrpflicht, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, Fallschirmjäger, Kampfschwimmer oder Scharfschützen.

Zu der Frage, wie die Unterstützung durch die Bundeswehr in den einzelnen Fällen aussah, geben sich die Sender allerdings schmallippig. Der MDR ist mit 19 Produktionen überdurchschnittlich häufig auf der Liste vertreten. Der Fernsehsender besetzt im öffentlich-rechtlichen Netzwerk das Außenstudio Neu Delhi, das auch Afghanistan mit abdeckt. Pressesprecherin Susanne Odenthal erklärt, man habe „weder Produktionsmittel noch eine finanzielle Unterstützung des BMVg erhalten“. Das Verteidigungsministerium stimme Medienprojekten zu, begleite die journalistische Arbeit beispielsweise mit einem Presseoffizier oder vermittle Gesprächspartner.

Der Presseoffizier wacht darüber, dass nichts passiert, was für das Image der Bundeswehr abträglich sein könnte, dass kein Soldat sich verplappert. Journalisten hingegen lauern auf gute Zitate und Bilder. Mit der Aufgabe des Presseoffiziers kollidiert das. „Ich bin erstaunt, dass die Zensur nicht strenger ist, aber es ist tagtäglich ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagte einmal die preisgekrönte RTL-Moderatorin und Kriegsreporterin Antonia Rados.

Große Beharrungskräfte


MDR-Sprecherin Odenthal betont, die Bundeswehr habe „keinen Einfluss“ auf die Berichterstattung des MDR. Die Unterstützung durch die Bundeswehr gehe stets „allein auf ein journalistisches Interesse der jeweiligen Redaktionen zurück“. Allerdings gehe das Presse- und Informationszentrum des Heeres „mit Medienanfragen auch seitens der ARD eher restriktiv“ um. Es bedürfe „bisweilen großer Beharrungskräfte“, um „etwa ein heikles Thema umsetzen zu können“.

Kein Sender ist auf der Ministeriumsliste so häufig vertreten wie das ZDF – mit 71 Serien, Dokus, TV- und Kinofilmen. Der Sender gab auf Cicero-Online-Anfrage nur zu zwei Produktionen Auskunft.

Eine von der Bundeswehr unterstützte ZDF-Sendung war der Spielfilm „Zwischen den Welten“ (Arbeitstitel „Später im Sommer“). In einer Pressemitteilung des Senders zu der ZDF-Koproduktion heißt es, der Film sei „militärisch beraten“ worden von der Bundeswehr, „die auch logistisch unterstützte.“

Wie die Beratung durch die Bundeswehr genau aussah, will das ZDF nicht darlegen. Ein Sprecher erklärt, die schwierigen Dreharbeiten in Afghanistan wären ohne die Unterstützung durch die Bundeswehr sowie aus Gründen der Sicherheit nicht möglich gewesen. Requisiten und Fahrzeuge habe man nicht auf dem freien Markt anmieten können. Es habe sich „überwiegend“ um „nicht anmietbare oder käufliche Dinge“ gehandelt. Laut ZDF gehörten zu den Leistungen der Bundeswehr auch „Mitflüge in Flugzeugen und Transporthubschraubern der Bundeswehr, Transport von Material und Ausrüstung im Rahmen der Versorgungstransporte der Bundeswehr nach und in Afghanistan, Übernachtungen und Verpflegung in Feldlagern“.

Beratung durch die Bundeswehr


Auf der Liste des Verteidigungsministeriums findet sich auch das heikle Thema Drohnen. Eine ARD-Doku aus dem Jahr 2013 trägt den Titel „Drohnen im ArtReg (Artillerieregiment, Anm. d. R.)“, die andere „UAV“ – Unmanned Aerial Vehicles, also zu unbemannten Luftfahrzeugen. Drohnen waren auch beim SWR Thema. Unterstützung durch die Bundeswehr hieß in allen Fällen: Terminabstimmung, Vermittlung von Ansprechpartnern, Beantwortung von Fragen, das Erteilen von Drehgenehmigungen und die Besichtigung von Bundeswehreinrichtungen, erklärt Sprecher Wolfgang Utz. „Beratung durch die Bundeswehr“ gab es demnach auch beim SWR.

Ein weiteres Thema in dem BMVg-Dokument ist das Bundeswehrschulschiff Gorch Fock, das durch den Tod einer Kadettin in die Schlagzeilen geriet. Auch hierzu geben die Sender wenig Informationen. Eine Doku mit dem Titel „Mythos Gorch Fock“ hätte bei N24 laufen sollen. Aus dem Verteidigungsministerium heißt es, die Sendung sei in einer Magazinreihe „Mythos Seefahrt“ 2009 angefragt und besprochen, aber letztlich nicht gesendet worden.

Auch der NDR, der insgesamt 36 mal Unterstützung von der Bundeswehr erhielt, wird mit einer Folge der Sendung „DAS!“ mit dem Titel „Das rote Sofa auf der Gorch Fock“ genannt. „Da die Gorch Fock als Segelschulschiff der Marine traditioneller Bestandteil der Kieler Woche ist, hat die Redaktion das Schiff als Sendungsmotiv angefragt“, sagt NDR-Sprecher Martin Gartzke. „Es wurde kostenfrei genutzt.“ Nach Genehmigung durch die Marine und Erteilung einer Drehgenehmigung durch das BMVg habe es „eine Live-Sendung von Bord der Gorch Fock“ gegeben.

Auch bei N24, mit 26 Serien, Dokus und Filmen auf der BMVg-Liste vertreten, heißt es, der Sender habe „nie finanzielle Förderungen seitens der Bundeswehr oder der Rüstungsindustrie erhalten“, so Sprecherin Anna Kopmann. Auch sie bestätigt: Ohne den Presseoffizier geht auf einem Militärgelände, bei einer Übung oder einem Einsatz nichts.

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