Feminismus - Die Emanzipation ist durch

In einem klugen Buch plädieren zwei Autorinnen gegen die Stilisierung der Frau zum Opfer. Das wiederum gefällt einigen Frauen gar nicht. Was meinen eigentlich die Männer dazu?

Lila Luftballons mit dem aufgedruckten Gender-Symbol für die Frau: Lustvoller Feminismus an der Grenze zur Ideologie
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Autoreninfo

Milosz Matuschek, geboren 1980, ist Jurist an der Pariser Sorbonne und Journalist, Essayist, Autor. Er betreibt den Blog Dr. Strangelove bei der Neuen Zürcher Zeitung über moderne Liebe und Dating. Im Herbst 2015 erschien sein drittes Buch „Mannko. Liebeserklärung an ein Mängelwesen“

Foto: Zvonimir Bašić

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Neulich bei einem Workshop der Grünen-nahen „Heinrich-Böll-Stiftung“. Die teilnehmenden Hochschullehrer sollten als Vertrauensdozenten und Auswahlkommissionsmitglieder lernen, wie man Stipendienbewerber „diversity-orientiert“ auswählt, also ohne den Verdacht der Diskriminierung nach Gruppenzugehörigkeit. Eine der ersten Übungen bestand darin, Begriffe aus dem Leitbild der Stiftung auszuwählen, die man nicht verstanden hat. Mein Wortungetüm lautete „geschlechterdemokratische Kompetenz“.

Ich kann nur vermuten, was sich dahinter verbirgt. Erklärt hat es während des Seminars nämlich niemand. Meine Vermutung: „geschlechterdemokratisch kompetent“ ist jemand, der die Überzeugung teilt, dass Frauen in unserer Gesellschaft systematisch benachteiligt werden. Eine Kompetenz im Sinne einer Fertigkeit ist das zwar nicht, vielmehr eine Weltanschauung im Mantel der politischen Korrektheit.

Das stört aber nicht, denn auch mit Demokratie hat das Ganze nichts zu tun, da der Opferstatus der Frau heute inzwischen ganz offiziell von oben diktiert wird. Der Feminismus ist die einzige Ideologie, die sich auch der Staat zueigen gemacht hat, mit eigenen Ämtern (Frauenbeauftragte), Lehrstühlen für „Gender Studies“ und gesetzlichen Quotenüberlegungen.

Gegen dieses Benachteiligungs-Kartell ist kürzlich ein erfrischendes und höchst lesenswertes Buch erschienen. Zumindest im moralischen Diskurs hätten Frauen nämlich längst die Oberhand, so die These von Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling in „Tussikratie: Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können.“

Eine Form des Sexismus von weiblicher Seite


Demnach ist es gesellschaftlich en vogue und zudem egomäßig für eine bestimmte Sorte Frau (vulgo: „Tussi“) ungeheuer entlastend, für jedwede tägliche Unannehmlichkeit die Männerwelt verantwortlich machen zu können. Dies wiederum sei nicht nur stereotyp und eine Form des Sexismus von weiblicher Seite, sondern erschwere auch den Blick auf die oftmals dahinter stehenden Klassenunterschiede – von Lösungen gemeinsam mit Männern ganz zu schweigen.

Das klingt plausibel und lebensnah, wird jedoch von eben diesen „Tussis“ auch als eine Art Kriegserklärung gewertet, als Aufkündigung des Minimalkonsenses, zumindest im Leiden – unter Männern natürlich – vereint zu sein. So bezeichnete Jung-Feministin und selbsterklärtes „Alphamädchen“ Meredith Haaf kürzlich auf sueddeutsche.de das wohltuend differenziert geschriebene Buch als „in seiner ganzen Konzeption so misslungen“.

Tussi Haaf, selbst Co-Autorin eines Plädoyers für einen lustvollen Feminismus fern von achselbehaarter Miesepetrigkeit stört sich offenbar nicht nur an der Buch-Konkurrenz. Ihr Einwurf ist auch der Ruf zur Tagesordnung eines ideologischen Blockwarts. Die Frau muss Opfer bleiben dürfen, denn Deutschland sei zwar reich, demokratisch und modern, aber auch ungerecht.

Mit dieser Vereinfachung ist das feministische Koordinatensystem schon immer gut gefahren. Aus einer statistischen Größe (Frauen in Führungspositionen, Lohnunterschiede) wird verlässlich monokausal auf einen Unterdrückungstatbestand geschlossen. Geschlechterdemokratische Interpretationskompetenz zeichnet eben aus, Informationen in die Umlaufbahn des eigenen Denkbilds zu ziehen und dort überzeugungsgetreu einfärben zu können.

Doch will sich überhaupt jede Frau einen Chefposten antun oder muss sie es bloß aufgrund einer feministisch propagierten Beweisnotwendigkeit? Wie viel Ungerechtigkeit steckt in dem oft beschworenen Gender-Pay-Gap, wenn man Arbeitszeitmodell, Branche und – schließlich sind wir eine Marktwirtschaft: Verhandlungsgeschick! – ebenfalls berücksichtigt? Ungerechtigkeitsaufschreie ohne kausale Zurechnung von Gründen im Einzelfall sind und bleiben eben Ideologiegeschwafel.

 

 

„Tussikratie“ ist (trotz des etwas irreführenden Titels) ein großer Wurf, ein Experiment. Was passiert, wenn man dem institutionalisierten Feminismus das Spielzeug wegnimmt? Religionen brauchen Sünder, der Marxismus brauchte leidvolle Klassenkämpfe und der Feminismus braucht die Opfer-Frau.

Sonst funktioniert die Befreiungsrhetorik nicht. Dabei kann ungefragte feministische Amtshilfe ebenso anmaßend sein, denn nicht selten ist damit auch eine unerwünschte Etikettierung verbunden: „Warte, ich rette dich vor dem Ertrinken – sagte der Affe und hob den Fisch auf den Baum.“

Damit ist der Finger in die Wunde des Feminismus gelegt. Dessen Konstruktionsfehler ist das Leitbild der unterdrückten, dabei dem Mann in allen Belangen überlegenen Super-Frau. In den wilden Anfangszeiten der Frauenbewegung mag dies noch verzeihlich gewesen sein. Heute wirkt es konstruiert.

Kein Wunder, dass immer weniger Frauen mit biestiger Kampfrhetorik noch etwas anfangen können, diesem Männer-Bashing auf der einen und dem Großsprech auf der anderen Seite. Was wählen, wenn die Alternative entweder Ressentiment gegen Männer im Mitleidston des Auch-Haben-Wollens oder Frauenverherrlichung jenseits der Grenze zur Arroganz lautet?

Einzigartiges Benachteiligungs-Nachweis-System erschaffen


Wer ein Beispiel für letztere sucht, findet es auf der Seite von „Pro Quote“, einer Initiative für mehr Frauen in Führungspositionen von Medienbetrieben. Dort lässt Ex-Nachrichtensprecherin Wibke Bruhns ohne jeden Anflug von Ironie verlautbaren: „Frauen sind bessere Vorgesetzte – ich habe das ausprobiert. Als Vorgesetzte.“ Man ersetze „Frauen“ wahlweise mal durch „Männer“, „Weiße“ oder was auch immer, dann ist es bis zum Anfangsverdacht der Volksverhetzung nicht mehr weit.

Den Feminismus in seiner jetzigen Form ereilt so langsam das Schicksal jeder institutionalisierten Bewegung, deshalb ist eine Debatte darüber gut und nicht etwa überflüssig, wie Haaf meint. Eine Bewegung lebt und stirbt mit einem Thema, mit Zielen, die erreicht werden oder auch nicht. Institutionen beschäftigen sich dagegen vor allem mit sich selbst, mit ihrem Selbsterhalt. Dafür braucht es Feindbilder, dafür müssen mit einigem Aufwand immer neue Gräben der Diskriminierung entdeckt oder ausgehoben werden, um sie dann medienwirksam zuschütten zu können.

Gefahr droht jedoch auch von Innen heraus. Der Feminismus hat es geschafft, ein einzigartiges Benachteiligungs-Nachweis-System zu schaffen, das allerdings, je besser es entwickelt wird, sich und die Ausgangsthese kannibalisiert. So sind inzwischen circa 250 Lehrstühle für „Gender Studies“ in Deutschland mit der Erforschung der Benachteiligung von Frauen, also mit Forschung „von Frauen über Frauen für Frauen“, beschäftigt, wie Kritiker Günter Buchholz moniert. Gut dotiert, versteht sich. Der Feminismus droht Opfer seines eigenen Erfolges zu werden.

In der „Heinrich-Böll-Stiftung“ beträgt der Förderungsanteil von Frauen übrigens seit jeher zwischen 50 und 70 Prozent. Stets kompetent ausgewählt, unter anderem nach einem festen Benachteiligungskriterium, wie dem Geschlecht. Ich selbst kam vor fast zehn Jahren vermutlich dank meines Migrationshintergrundes leichter an ein Stipendium. Außer eines für bayerische Schulhöfe gewöhnungsbedürftigen Vornamens hatte ich keinen mir erkennbaren Nachteil vorzuweisen. Ich war drei Jahre alt, als meine Familie aus Polen nach Deutschland umsiedelte. Das interessierte bei der Stipendienvergabe Gott sei Dank niemanden.

 

Theresa Bäuerlein, Friederike Knüpling: Tussikratie: Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können. Heyne/Random House, München, April 2014. 320 Seiten, 16,99 Euro.

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