FDP
Hans-Dietrich-Genscher-Haus vor der Pressekonferenz nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg, 09.03.2026 / picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

FDP-Politiker Martin Hagen nach der Landtagswahl - „Viele Menschen wissen nicht, wofür die FDP steht“

Martin Hagen, ehemaliger FDP-Landeschef in Bayern, fordert nach dem Wahldesaster in Baden-Württemberg eine Richtungsentscheidung: Klare Kante für Meinungsfreiheit und gegen staatliche Bevormundung.

Ferdinand Knauß

Autoreninfo

Ferdinand Knauß ist Cicero-Redakteur. Im März erscheint sein Buch „Der gelähmte Westen. Chronik einer Selbstaufgabe“. 2018 erschien „Merkel am Ende“.

 

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Martin Hagen war FDP-Landesvorsitzender, Mitglied des Bundesvorstands und Fraktionsvorsitzender im Bayrischen Landtag. Derzeit ist er als Kreis- und Gemeinderat kommunalpolitisch aktiv und arbeitet als Geschäftsführer der liberal-konservativen Denkfabrik R21.

Herr Hagen, wie erklären Sie sich das für die FDP katastrophale Wahlergebnis in Baden-Württemberg? Lag es an der Performance der Landes-FDP, oder nimmt man der gesamten FDP die Ampel-Beteiligung immer noch übel?

Ich glaube nicht, dass die Gründe für die Wahlniederlage in Baden-Württemberg lagen – genauso wenig wie 2022 in Niedersachsen, 2023 in Bayern, 2024 in Brandenburg oder 2025 in Hamburg. Die FDP gewinnt seit vier Jahren keine Landtagswahlen mehr. Dass wir nun selbst in unserem Stammland an der Fünfprozenthürde scheitern, ist natürlich besonders bitter. Ich fand letzten Sonntag vor allem eine Umfrage interessant: Danach sagen 71 Prozent der Wähler in Baden-Württemberg, die FDP habe mit ihrer Politik in der Ampelregierung dauerhaft Vertrauen verspielt. Offenbar können die Menschen den Neuanfang noch nicht erkennen, oder sie kaufen ihn uns bisher nicht ab. 

Wie nehmen Sie die Reaktionen in der Partei nach diesem Schlag wahr? 

An der Basis nehme ich zunehmend Ratlosigkeit wahr, weil auch ein Jahr nach dem Bundestags-Aus nicht so richtig erkennbar ist, wie die FDP das Blatt wenden will. Und das, obwohl eine liberale Kraft dringender gebraucht würde denn je. Ich habe den Eindruck, dass die Regierung Merz viele bürgerliche Wähler enttäuscht. Sie wollten einen echten Politikwechsel und bekommen in vielen Bereichen ein Weiter-so. Diese Menschen suchen verzweifelt nach einer politischen Heimat.

Martin Hagen

Der Bundesparteivorsitzende Christian Dürr hat schon gesagt, er will auf jeden Fall weitermachen. Kann er noch der Mann an der Spitze bleiben nach so einer Niederlage, die ja, wie Sie selbst sagen, vermutlich auch noch mit der Ampel zu tun hat, für die Dürr ja auch steht? 

Personalfragen möchte ich nicht kommentieren, zumal ich mich Christian Dürr freundschaftlich verbunden fühle. Aber ganz allgemein gesprochen: Köpfe sind in der Politik enorm wichtig. Man braucht nicht nur ein gutes Programm, sondern muss es auch glaubwürdig vertreten und Menschen dafür begeistern können. Und eine Parteiführung braucht den Mut zu Richtungsentscheidungen. Mein Eindruck ist, dass die FDP sich aus Angst vor einem Streit der Parteiflügel bisher um eine echte Positionsbestimmung herumgedrückt hat. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen nicht wissen, wofür die Partei eigentlich steht. 

Welche Themen und Positionen müsste die FDP denn jetzt stark vertreten? 

Die Marktlücke ist offensichtlich: Es fehlt aktuell eine marktwirtschaftliche Kraft, die den Mut zu grundlegenden Reformen hat und bereit ist, die Irrwege der letzten 25 Jahre zu korrigieren – etwa in der Energiepolitik oder mit Blick auf die ständig zunehmende Überregulierung aus Brüssel. Und die gleichzeitig konsequent für die Freiheit des Einzelnen Partei ergreift – für die mündigen Bürger, die genug haben von Bevormundung und betreutem Denken. Das betrifft zum Beispiel auch die Meinungsfreiheit, die ja ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung als eingeschränkt empfindet. Da muss eine liberale Partei klare Kante zeigen.

Man hat nach den aktuellen Fällen von Jan Fleischhauer und Norbert Bolz und anderen, die wegen Posts in den sozialen Medien mit Polizeidurchsuchungen und der Staatsanwaltschaft zu tun bekamen, nicht viel von der FDP gehört, oder sehe ich das falsch? 

Ich habe in den vergangenen Jahren gerade Wolfgang Kubicki immer als wohltuend pointierte Stimme in dieser Frage wahrgenommen. Wer, wenn nicht die FDP, sollte denn die Partei der Meinungsfreiheit sein? Sie ist ein fundamentales Grundrecht. Eine Staatsmacht, die Bürgern wegen politischen Meinungsäußerungen, satirischen Memes und spöttischen Internetkommentaren zu Leibe rückt, ist außer Rand und Band. Die muss eine liberale Partei in die Schranken weisen. 

Das Gespräch führte Ferdinand Knauß.
 

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Achim Koester | Mi., 11. März 2026 - 10:40

dass sie, entgegen der vernünftigen Aussage Lindners bei der vorherigen Wahl (besser nicht regieren als schlecht), letztendlich doch aus Machtbesessenheit die Ampel mitgetragen hat, die die Weichen für das Land auf Jahrzehnte falsch gestellt hat.

Jens Böhme | Mi., 11. März 2026 - 11:01

Eine Partei, die die Grundlagen biologischen Zusammenhalts diskreditiert und -zig Geschlechter zum Dogma durchwinkt, wird nicht als liberale, politische Kraft wahrgenommen. Durch ihre Beteiligung an einer Linksregierung ist sie uninteressant geworden. Sicherlich spielt der zunehmende Kampf zwischen Links und Rechts in Deutschland eine Rolle. Aber gar keinen Liberalismus mehr zu haben, fördert den Untergang des freiheitlich westlichen Systems.

Walter Buehler | Mi., 11. März 2026 - 11:26

a) Bleibt die FDP hinter der Brandmauer, hinter dem "antifaschistischen Schutzwall", dann wird sie von den "antifaschistischen" Verbündeten grüner und tiefroter Färbung, die bekanntlich stark zum politischen Kannibalismus neigen, als leichtgewichtige Beute behandelt, etwa so wie die LDPD in der DDR.

b) Wagt sich die FDP aus der "sicheren" Brandmauer heraus, dann muss sie sich gegenüber der AfD inhaltlich positionieren, und zwar in einer ehrlichen und offenen politischen Diskussion. Das würde eine neue Art von Politik verlangen, etwa so, wie es Herr Kubicki hier im Cicero versucht.
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Dieser Weg b) wäre aber auch nicht einfach, weil man eben auch den bequemen intellektuellen Halt verliert, den man sich hinter der Brandmauer angewöhnt hat.
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So oder so - es wird nicht leicht.

Ich persönlich bin schon lange dafür dass wir die Brandmauer einfach einreißen:
Sie tut genau zwei Dinge und keines davon ist wirklich hilfreich:
- Auf der einen Seite zwingt sie die Parteien des rechten Spektrums mit linken Parteien zu koalieren, so dass jede Politik links angestrichen wird, und daraus resultierend
- treibt sie enttäuschte Wähler immer weiter in die Arme der AfD welche sie angeblich bekämpfen soll.

Demokratie funktioniert nur wenn man wichtige Themen aus verschiedenen Perspektiven bespricht, aber mit der Brandmauer überlassen wir gerade diese wichtigen Themen den blauen: Innere Sicherheit, Migration, Wirtschaft.
Und was tun die Linken derweil? Mit dem Sozialismus liebäugeln und uns sagen dass wir E-Autos kaufen sollen wenn wir uns den Sprit nicht leisten können.
In diesem Sinne möchte ich unsere Mitbürger aus den neuen Bundesländern zitieren: "Die Mauer muss weg!"

Heidemarie Heim | Mi., 11. März 2026 - 12:17

Wie z.B. Ihres geehrter Herr Hagen oder das Gesicht plus Qualifikation und Glaubwürdigkeit ausstrahlenden Frau Linda Teutebergs sowie die mit Verve geführte u.a. Rücknahme insbesondere was Meldeportale oder ähnlich demokratieschädliches was die FDP in der Ampel mitverbockt hat betrifft, könnte für mich persönlich den Ausschlag geben wieder FDP zu wählen. Doch mit Herrn Dürr, freundschaftliches Verhältnis hin oder her, assoziiere ich anhand seiner fast schon hasserfüllten Reden und Angriffe auf die AfD im Parlament nicht mit einem liberalen Geist u. Anstand, mit dem man menschlich auch mit Gegnern umzugehen hat.Dies mag in Ihren Augen alles ziemlich banal klingen,doch allein der versammelte Applaus, auch der durch FDP-Abgeordnete, der nach solchen oft grenzwertigen Vorwürfen, Vergleichen mit Gestalten finsterster Vergangenheit o. Ähnlichem bis heute regelmäßigund reflexhaft aufbrandet, versetzt meinem innersten Gefühl für Fair Play u. Respekt meinen Mitmenschen gegenüber einen Stich.FG

IngoFrank | Mi., 11. März 2026 - 14:15

Das weiß die FDP selbst nicht mehr, nach dem sie der Versuchung der Macht, einer Ampel, erlebten war.
Und, so sehr ich hier im Cicero Herrn Kubickis Kolumne mag & lese, kann ich nur sagen: Sie haben es gewußt, was die FDP mit dieser Koalition angerichtet hat ….. und hat damit Folge richtig schlicht ihr Existenzrecht verwirkt. Nicht umsonst flossen und fließen in nicht unbedeutenden Maße Wählerstimmen, die einst die FDP wählten, der AfD zu.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Ich kann durchaus nachvollziehen was Sie da sagen. Einer der Gründe warum ich nicht der FDP sondern den FW beigetreten bin war der dass ich sämtliches Vertrauen in die FDP verloren hatte, was sehr traurig ist weil die FDP die erste Partei ist die ich je gewählt habe.
Trotzdem glaube ich nachdem ich mit einigen von ihnen bei mir in der Gegend geredet habe dass die FDP definitiv eine zweite Chance verdient hat. Wir brauchen einen freiheitlichen Geist in unseren Parlamenten.

Liebe Grüße aus dem Neumarkter Landkreis

Urban Will | Mi., 11. März 2026 - 18:24

lassen können. „Über 95% der Wähler wissen nicht, wofür die FDP steht.“
Punkt aus. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Und solange ein Dürr diesen Haufen von Loosern führt, geht es schnell in Richtung Splitterpartei, sprich dann sind sie bei den Bibelchristen oder was da so alles an Parteien in D herum geistert.
Ich erinnere mich an das dämliche Geplärre dieses Mannes, als die Gelben noch im BT waren. Unerträglicher Mist. Wie kann man so etwas an die Spitze wählen?
Kubicki sollte es machen und er sollte einsehen, dass die Gelben ohne Radikal-Kur, ohne ein großes Tamtam, ohne etwas Durchbrechendes nicht mehr nach vorne kommen werden. Weil wir am Durchbrechen sind: die Brandmauer schreit danach, endlich durchbrochen zu werden. Kubicki ist wohl der einzige, der den Mut aufbrächte. Ob in Form einer Vereinigung (dann wäre die FDP zwar weg, aber die AfD in den Köpfen der ÖRR-Verblödeten eine „normale Partei“ und mit ex-FDP-Köpfen eher wählbar) Besser keine FDP als keine Freiheitspartei mehr.

Angelika Sehnert | Do., 12. März 2026 - 08:20

Historisch gesehen lässt sich der schleichende Niedergang auf den 30.6.2011 datieren. Damals stimmte die FDP fast geschlossen für den Atomausstieg. Nur Frank Schäffler, der als erklärter Marktwirtschaftler in der eigen Partei in Folge marginalisiert wurde, und ein weiterer FDPler stimmten dagegen. Die FDP beugte sich damals den machtpolitischen Interessen der Kanzlerin und dem Zeitgeist. Der Zeitgeist war in Folge das bestimmende Element. Trauriger Höhepunkt: das sog. Selbstbestimmungsgesetz des Herrn Buschmann. Auch er hatte seinerzeit für die vorzeitige Abschaltung der AkWs gestimmt. Den Schaden, den sein Gesetz im konservativen Milieu der FDP, bzw. der potentiellen Wählerschaft, angerichtet hat, will er- und die Rest FDP- immer noch nicht wahrhaben. Dies steht jedoch nur als pars pro toto. Im Programm steht viel liberal anmutendes, in der Realität feiert man sodone und CO2 Steuer als Marktwirtschaft. Es fehlt intellektuelle Tiefe, es fehlt an wertefesten,starken Persönlichkeiten.

Angelika Sehnert | Do., 12. März 2026 - 08:54

Die FDP hat den Generationswechsel vermasselt. Lediglich Kubicki ist noch ein Liberaler alter Prägung. Das heutige Personal schafft es nicht, liberale Grundsätze glaubwürdig zu vertreten. Freie Marktwirtschaft, schlanker Staat, der nur die Rahmenbedingung für die Entfaltung des Individuums schafft, aber ohne Quoten und idenditäre Minderheitenschutzpolitik. Etc.etc.p.p.
Die FDP ist die erste Partei, die daran scheitert, dass sie den Wählerwillen konsequent ignoriert. Sie ignoriert, wie die CDU, die ihr folgen wird, dass das konservative Bürgertum keine politische Vertretung mehr hat. Ein Bürgertum, das vom Staat nicht mehr verlangt als dass er funktioniert, für innere und äußere Sicherheit sorgt, für gute Bildung und nicht nur Gerede darüber,dass er verantwortungsvoll mit dem Steuergeld seiner Bürger umgeht und es f ü r seine Bürger einsetzt und ihn ansonsten in Ruhe lässt.
Man schaut zu, wie Wähler zur AfD wechseln und erklärt damit ihre berechtigten Anliegen für erledigt. Fatal.

Die derzeitige EU ist mit liberalen Grundsätzen schon lange nicht mehr vereinbar, und die EU mit ihren verbindlichen Vorgaben, die danach jedes einzelnes Mitgliedsland in die eigene Gesetzgebung zu implementieren hat, die ist per se der Verhinderer desen für was die FDP früher stand.
Ergo, die Empfehlung dass sich die FDP auf ihre Grundsätze wieder besinnt ist zwar gut gemeint, als Oppositionshaltung gegen Brüssel brauchbar, aber bei einer Regierungsbeteiligung wäre Schluss.
Dies halte ich für den eigentlichen Grund warum die FDP nicht mehr ihren Platz zu finden vermag.

S. Kaiser | Do., 12. März 2026 - 09:27

„71 Prozent der Wähler in Baden-Württemberg, die FDP habe mit ihrer Politik in der Ampelregierung dauerhaft Vertrauen verspielt.“
Diese Aussage braucht man nicht auf BaWü zu beschränken.
Die FDP hat das „Pech“ ihre Wählerschaft aus einem aufgeklärten, kritischen Milieu zu akquirieren, das nun mal genauer hinschaut, welche Politik die von ihm gewählten Vertreter machen. Heißt, von allen Parteien konnte es sich die FDP am wenigsten leisten, sich von ihrem Markenkern zu entfernen. Und sie hat es in der Ampel so drastisch getan, dass sie für ihr Milieu unwählbar geworden ist. Keiner wählt eine sich als freiheitlich positionierende Partei als Steigbügel für eine linke, kollektivistische Politik mit Hang zum Autoritarismus.
Die einzige Chance wäre, alle, wirklich alle Köpfe auszutauschen (mit Ausnahme vllt von Kubicki, der den alten Wesenskern noch einigermaßen verkörpert). Mit Buschmann, Brandmann, Kuhle & Co wird man keinen Blumentopf mehr gewinnen (von MASZ ganz abgesehen).

Marco Riccardi | Do., 12. März 2026 - 12:56

Das meiner Meinung nach größte Problem der FDP ist dass das was sie uns anbietet verdammt schwer zu verkaufen ist:
- Die SPD bietet Sicherheit: "Selbst wenn Du jahrelang Arbeitslos bist, der Sozialstaat versorgt Dich schon"
- Die Grünen bieten "Umweltschutz", auch wenn meiner Meinung nach kaum etwas von dem was die Grünen tun mit Umweltschutz zu tun hat.
- Die Union bietet Tradition.

Was aber bietet die FDP an? Freiheit. Freiheit ist etwas was man oft nicht zu schätzen weiß bis es weg ist und obendrein ist sie oft unbequem. Freiheit bedeutet für sich selbst verantwortlich zu sein, das ist schwerer als sich ins Netz des Sozialstaats zu begeben.
Freiheit bedeutet selbst etwas zu tun und eigene Entscheidungen zu treffen. Das ist schwerer als sich von den Grünen mittels Verboten sagen zu lassen was man noch tun kann.
Freiheit bedeutet selbst zu entscheiden ob der Status Quo gut ist oder nicht.
ABER: Freiheit ist kostbar und sollte immer unser höchstes gut sein