- Cicero Podcast Politik: „Wir erleben eine Renaissance autoritärer Ideen in der Linken“
Wird ein Teil der politischen Linken zunehmend selbst zum Problem für die liberale Demokratie? Darüber spricht der taz-Journalist Nicholas Potter im Podcast bei Cicero – und schildert, warum er in seinem eigenen politischen Milieu eine gefährliche ideologische Verschiebung beobachtet.
Die Linke hat ihre Freiheitskämpfer verloren – und folgt heute lieber Terrororganisationen wie der Hamas und historischen Diktatoren wie Stalin. So lautet die Diagnose des taz-Journalisten Nicholas Potter für zunehmend größer werdende Teile eines politischen Lagers, das sich einst Idealen wie Freiheit, Emanzipation und Gerechtigkeit verpflichtet fühlte. Im Cicero-Podcast spricht er über seine Analyse dieser Entwicklung, sein am 20. März erschienenes Buch „Die neue autoritäre Linke“ – und über persönliche Erfahrungen mit Hass und Gewaltandrohungen aus einem Lager, in dem er sich lange politisch beheimatet fühlte.
Potter beschreibt eine Szene, in der sich moralischer Absolutismus mit identitätspolitischen Deutungsmustern verbindet – und somit einen demokratiefeindlichen, antisemitischen und autoritären Anstrich erfährt. Der 7. Oktober markiert für ihn dabei einen klaren Kipppunkt: Was zuvor unterschwellig vorhanden war, tritt seither offen zutage.
Inhaltlich versteht er die „neue autoritäre Linke“ als eine Mischung aus verkürztem Antiimperialismus, radikalem Postkolonialismus und identitätspolitischem Denken, in der die Welt in ein starres Schema von Unterdrückern und Unterdrückten eingeteilt wird – mit der Konsequenz, dass Gewalt gegen vermeintliche „Unterdrücker“, allen voran Israel, nicht nur relativiert, sondern teilweise gerechtfertigt wird.
Brisant wird die Analyse dort, wo sie die Methodik dieser Entwicklung freilegt. Es sind nicht nur kleine, radikale Gruppen, die den Ton verschärfen, sondern ein ganzes Netzwerk aus Aktivisten, kulturellen Stimmen und digitalen Echokammern. Soziale Medien verstärken Radikalisierung, während Teile der etablierten Linken zu lange wegsehen oder zu zögerlich reagieren. Kritik aus den eigenen Reihen wird nicht selten sanktioniert – mit der Folge, dass gemäßigte Stimmen verstummen oder sich zurückziehen.
Am Ende steht damit eine Frage, die weit über innerlinke Debatten hinausweist: Kann sich die politische Linke als demokratische Kraft erneuern – oder verliert sie sich in einem autoritären Selbstverständnis, das ihre eigenen Ideale untergräbt?
Das Gespräch wurde am 14. April 2026 in der Cicero-Redaktion aufgezeichnet.
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