Gedankenspiel - Europa nach dem Euro

Ein Scheitern des Euro oder gar der EU würde nicht das Ende Europas bedeuten. Auch der Frieden bliebe erhalten, weil sich Alpenföderation, nordeuropäische Parlamentsmonarchie und Restdeutschland gegenseitig ergänzten, so skizziert Gunnar Heinsohn die mögliche Zukunft Europas.

Schon bei der Bitte um ein paar Hundert europäische Soldaten scheitert Amerika regelmäßig, wenn es als Nato-Führungsmacht irgendwo in der Welt eine Region befrieden will oder einen Krieg gewinnen muss. In der Tat fällt es den vergreisenden Europäern immer schwerer, die einzigen Söhne oder Töchter in Todesgefahr zu schicken, um fern der Heimat verfeindete Glaubensgenossen davon abzuhalten, sich gegenseitig wegen Sektierertums zu massakrieren und ganze Staaten zu ruinieren.

Und doch befallen dieselben Europäer heftige Kriegsängste, wenn jemand den Euro oder gar die Europäische Union infrage stellt. Beide Konstruktionen hält man für Errungenschaften zur Beendigung der Kriege, die den Kontinent jahrhundertelang heimgesucht haben.

Diese Vorstellung wirkt so unerschütterlich und furchterregend, dass sie vom deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble genauso leidenschaftlich beschworen wird wie von Günter Verheugen. Der Brüsseler Insider und Ex-EU-Kommissar sieht die Europäische Union selbst ?65 Jahre nach Kriegsende? als Verkörperung der Angst, dass Deutschland ?nicht zur Gefahr wird?. Mit ihm glaubt fast die Hälfte der Bevölkerung, dass die EU aus der Friedenssicherung ihre wichtigste Legitimation gewinnt. Selbst die Financial Times, ansonsten zu einem kühlen Blick durchaus fähig, will die einzige Leistung der EU darin erkennen, dass ihre Mitglieder ?nicht mehr gegeneinander in den Krieg ziehen?. Auch Helmut Kohl und François Mitterrand haben das nicht anders gesehen. Selbst in Stuttgart oder München, wo man mit wachsendem Entsetzen die sauer erarbeiteten Milliarden in den bodenlosen Fässern Bremen oder Berlin verschwinden sieht, wollen gerade die Besonnenen lieber auch noch für Dublin und Athen zahlen, als wieder gegen Frankreich oder Polen ausrücken zu müssen.

Doch umgekehrt wird ein Schuh daraus. Erst die Kriegsunfähigkeit Europas nach 1945 hat seine Einigung ermöglicht. Angriffskriege hören ja nicht auf, weil die Beteiligten nach 500 Jahren genug davon haben. Fast immer in der Geschichte werden Gesellschaften dann friedlich, wenn sie keine disponiblen Söhne mehr verbrauchen können. Hätte sich der Kontinent seit 1920 so schnell vermehrt wie seither die USA (von 106 auf 310 Millionen), stände man heute ? nach knapp 500 Millionen damals ? nicht bei gut 700 Millionen, sondern bei 1,4 Milliarden Menschen und wäre die unangefochtene Nummer eins vor China und Indien.

Hätte sich das imperiumslose Deutschland seit 1950 so kräftig vermehrt wie vor 1900, dann stände man nicht bei 82 Millionen mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren, sondern bei 530 Millionen mit einem Durchschnittsalter von 16 Jahren. Statt 7,5 Millionen gäbe es 75 Millionen wehrfähige Männer. Würden diese Männer aus Liebe zu den Römischen Verträgen zehnmal so viel Pazifismus in die Welt tragen? Wohl kaum. Welche Verträge hätten solche Mega-Armeen in Ketten legen können?

Die alte Welt barg 1450 gerade einmal 50 Millionen Einwohner, nachdem 30 Millionen an der Pest gestorben waren. Da die hoch entwickelte Geburtenkontrolle des Mittelalters mit lediglich zwei bis drei Kindern fortgesetzt wurde, dauerte die demografische Stagnation der europäischen Bevölkerungskatastrophe bis zum Ende des 15.Jahrhunderts. Weltliche und kirchliche Lehnsherren wollten den Verlust ihrer Leibeigenen allerdings nicht hinnehmen und töteten schon ab 1360 unter dem Vorwand der Hexerei Hebammen, weil sie von jeher nicht nur beim Gebären, sondern auch beim Verhüten halfen. Da die Pest von Portugal bis China wütete, konnte die ?Repeuplierung? nicht durch Einwanderung, sondern nur mithilfe der europäischen Frauen gelingen. Deshalb ? und nunmehr europaweit ? dekretierte Papst Innozenz VIII. 1484 mit der ?Hexen-Bulle? die Todesstrafe für ?Personen beiderlei Geschlechts/, welche die Geburten der Weiber umkommen machen und verursachen,/dass die/Frauen/nicht empfangen.?

Das war der Anfang der europäischen Geburtenexplosion. Ein Beispiel: 100 englische Väter hinterlassen 1441 bis 1465 gerade 110 erwachsene Söhne. 1491 bis 1505 sind es über 200 und bald danach sogar 300. Mit sechs bis sieben überlebenden Kindern pro Frau wird eine welthistorisch nie gekannte Gebärleistung erreicht. Als Spanien 1492 seine Eroberungen beginnt, hat es weniger Einwohner als 1348 vor der Großen Pest. Doch damals lag das Durchschnittsalter weit über 30, nun hingegen deutlich unter 20. Secundones, Zweitgeborene nennt man deshalb in Madrid und Cadiz die nur zu gerne verabschiedeten Konquistadoren.

Ununterbrochen standen in Europa zweite bis vierte Söhne für Bürgerkriege und Kriege daheim sowie für Eroberung, Ausrottung indigener Bevölkerungen und für die Besiedlung von neun Zehnteln der Erde zur Verfügung. Ungeachtet aller Verluste wuchs nebenher der eigene Kontinent zwischen 1500 und 1916 von 60 auf 500 Millionen Menschen. So eisern wurde die Geburtenkontrolle tabuisiert und bestraft, dass selbst die Mächtigsten nicht konnten, was heute halbwüchsige Mädchen mehrmals pro Woche schaffen. Friedrich der Große war eines von 14 Kindern, Kaiserin Maria-Theresia brachte 16 zur Welt, und Napoleons Mutter lag 13 Mal im Kindbett. Noch Queen Victoria, die erst 1901 gestorbene Herrscherin des Britischen Weltreichs, verschliss sich in 18 Jahren durch neun Geburten.

Lesen sie im zweiten Teil wie Europas Bevölkerung seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur völligen Kriegsunfähigkeit gealtert ist.

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