Eurokritiker - Die AfD könnte schon wieder Geschichte sein

4,7 Prozent – mit diesem Ergebnis schafft es die eurokritische „Alternative für Deutschland“ nicht in den Bundestag . Bernd Luckes AfD könnte schneller aus der politischen Landschaft verschwinden als sie auf der Bildfläche erschienen ist

Bernd Lucke, Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), zeigt sich bei der Wahlparty
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Til Knipper leitet das Cicero-Ressort Kapital. Vorher arbeitete er als Finanzredakteur beim Handelsblatt.

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Unter Winston Churchill und Mahatma Gandhi macht es der Moderator der Wahlparty der Alternative für Deutschland (AfD) in Berlin am Wahlabend nicht. „Blut, Schweiß und Tränen“ müssen hier offenbar fließen und um neben martialischen Durchhalteparolen auch noch friedlich anmutenden Optimismus zu verbreiten, fügt er hinzu: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Im Publikum befinden sich auch zahlreiche Menschen, die alt genug sind, dass sie diese Zitate schon live gehört haben könnten. Aber insgesamt ist die Stimmung im Berliner Maritim-Hotel eher durchwachsen angesichts der Hochrechnungen, nach denen die AfD mit 4,9 Prozent den Einzug in den Bundestag nicht schafft. Wenn man den eigenen Sieg nicht feiern kann, weidet man sich lieber an den Niederlagen der anderen, heißt das Motto des Abends. Am lautesten ist bei jeder neuen Hochrechnung immer der Jubel über die Verluste der FDP, immer verzweifelter klingt aber auch das kollektive Stöhnen, wenn der eigene blaue AfD-Balken stets bei 4,9 Prozent stehen bleibt.

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Sowohl die einfachen Mitglieder im Saal als auch die Parteispitze haben mehr erwartet, den sicheren Einzug in den Bundestag. Viele haben gar von einem zweistelligen Ergebnis geträumt und schütteln jetzt fassungslos die Köpfe. Bernd Lucke, das prominenteste Gesicht der Partei, beschwört das Prinzip Hoffnung und sagt in jede Kamera: „Nun warten wir erst mal das endgültige Ergebnis des Abends ab.“ Irgendwo müssen die paar Stimmen doch noch herkommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

AfD stark in Ostdeutschland

Und diese Hoffnung ist momentan Ostdeutschland. Einer Hochrechnung des MDR zufolge kam die AfD nämlich in den ostdeutschen Bundesländern auf 5,9 Prozent. Im Westen erreichte sie dagegen nur 4,6 Prozent. Anders die FDP: Die Liberalen holten im Westen 5,0 Prozent der Stimmen, im Osten dagegen nur 2,6 Prozent.

Eigene Fehler können die Parteispitze und ihre versammelten Mitglieder nicht erkennen: weder die nationalistischen Untertöne im Wahlkampf, noch die fast ausschließliche Beschränkung auf das Thema Euro noch das Fischen nach Stimmen am rechten Rand. Im Gegenteil, ihr Berliner Spitzenkandidat Joachim Starbatty, der ewige Anti-Euro-Kläger vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, analysiert das Ergebnis frei nach Gandhi: „Erst versuchen sie dich finanziell auszugrenzen, dann streichen sie dich braun an und dann schweigen sie dich tot.“

Ob die AfD die Demokratie tatsächlich „reicher und stärker“ gemacht hat, wie ihr Häuptling Lucke behauptet, darf man bezweifeln. Nun steht es fest: Die AfD hat es mit 4,7% nicht in den Bundestag geschafft. Doch selbst wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde genommen hätten, wäre die Bedeutung der Blauen mit ihrer rückwärtsgewandten Fundamentalopposition eher gering gewesen. Sollte die Eurozone durch die Einrichtung einer Bankenunion, die erfolgreiche Geldpolitik der EZB und eine entschlossene Politik der neuen Bundesregierung, die Krise weiter hinter sich lassen, ist die AfD vielleicht schon nach der Europawahl im kommenden Jahr Geschichte.

Die endgültigen Wahlergebnisse wurden am 23.09. in den Artikel eingepflegt.

 

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