Susanne Schröter
Susanne Schröter / picture alliance/dpa | Boris Roessler

Ende des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam - „Wer nicht bereit ist, sich ideologisch anzupassen, kommt nicht weiter“

Das Forschungszentrum Globaler Islam wird geschlossen – weil es zu unbequem war? Leiterin Susanne Schröter rechnet im Interview mit der Macht postkolonialer Theorien ab und kritisiert: An deutschen Universitäten sei kritische Islamforschung kaum noch möglich.

Clemens Traub

Autoreninfo

Clemens Traub ist Cicero-Redakteur. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Future For Fridays?“ im Quadriga-Verlag (Bastei Lübbe).

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Susanne Schröter ist Ethnologin und emeritierte Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Außerdem leitet sie das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI). Zuletzt erschien ihr Buch „Der neue Kulturkampf“ im Herder-Verlag.

Frau Schröter, das Forschungszentrum Globaler Islam in Frankfurt wird geschlossen. Können Sie schildern, warum es so weit gekommen ist? 

Man muss etwas zurückgehen, um das zu verstehen. Es gab eine Nachhaltigkeitsoption für das Zentrum – eine Vereinbarung, dass es verstetigt werden sollte. Das wurde in meiner Zeit als Dekanin ausgehandelt und auch schriftlich fixiert. Ich hatte Gelder eingeworben, um eine sogenannte vorgezogene Nachberufung zu ermöglichen. Das heißt: Fünf Jahre vor meiner Pensionierung hätte eine Person auf eine Professur berufen werden sollen, um sich einzuarbeiten und das Zentrum nahtlos weiterzuführen. Das war alles geregelt und in trockenen Tüchern.

Doch dann scheiterte das Berufungsverfahren für diese Professur. Stattdessen wurde die Stelle neu ausgeschrieben, aber ohne jede fachliche Spezifizierung. Am Ende wurde eine Mexiko-Spezialistin berufen und keine Person, die eine Islam-Expertise besaß. Damit war klar: Das Zentrum würde mit meiner Pensionierung aufgelöst werden.

Gibt es dafür politische Gründe? 

Ja, politische und wissenschaftspolitische Gründe. Meine Arbeit im Zentrum war thematisch breit angelegt. Im Rahmen unseres Forschungszentrums wurde der Islam in allen seinen Facetten untersucht – von seinen liberalen Spielarten über legalistische Formen des Islamismus bis hin zum extremistischen Islam. Das hat nicht allen gefallen, weil es mit einer sehr dominanten Theorie kollidiert, die in den Geisteswissenschaften hegemonial geworden ist. 

Ich spreche von der postkolonialen Theorie, die von einem denkbar schlichten Weltbild ausgeht. Auf der einen Seite der Weltgeschichte stehen Täter, denen man alle Übel der Welt anlastet. Diese sind immer weiß, meist männlich und heterosexuell und werden der Kategorie des Westens zugeschlagen. Auf der anderen Seite stehen die nach äußeren Merkmalen definierten Opfer, zu denen an oberster Stelle auch Muslime gezählt werden. Unsere Forschungen haben diese schlichte binäre Logik infrage gestellt.

Wie sah dieses Infragestellen konkret aus? 

Muslime sind keine einheitliche Gruppe, und liberale Muslime sind oft die engagiertesten Kritiker der Fundamentalisten. In unserem Zentrum haben die wichtigsten Kritiker des Islamismus ihre Ideen vorgestellt: von Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide, Abdel-Hakim Ourghi und Ahmad Mansour aus Deutschland über Gilles Kepel und Florence Bergeaud-Blackler aus Frankreich bis zu Siti Musdah Mulia aus Indonesien. Der muslimische Polizeichef von Brüssel hat bei uns gesprochen, aber auch die österreichischen Wissenschaftler Ednan Aslan, Kenan Güngür und Hüseyin Cicek, die Schweizerin Elham Manea, der Ungar Omar Adam Sayfo und der in Dänemark lehrende Ebrahim Afsah, um nur einige zu nennen.

Die Resonanz in der Öffentlichkeit war enorm. Wir hatten volle Säle, Medienberichte in allen wichtigen Zeitungen und Fernsehanstalten, großes Interesse von Politikern und Praktikern. Das ist für wissenschaftliche Einrichtungen ungewöhnlich, und es erzeugt Neid. Einige Kollegen haben mir gegenüber beklagt, dass sie keine öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, andere haben offenbar Pläne geschmiedet, um bei geeigneter Situation gegen mich vorzugehen. Letztendlich würde ich sagen, dass es diese beiden Gründe waren, die zu dem Hass gegen unser Forschungszentrum und besonders gegen mich geführt haben: die inhaltliche Ausrichtung und die überwältigende Anerkennung in der Bevölkerung.

Sie sagen, dass Ihre kritische Forschung zum Islamismus und zu islamischen Organisationen nicht erwünscht war, weil sie nicht in das postkoloniale Deutungsmuster passte?

Ganz genau. Und zwar in mehrfacher Weise. Zunächst einmal, weil ich, wie gesagt, die binäre Konstruktion der Welt kritisiert habe, die auf der Dämonisierung des Westens und einer Viktimisierung des Nicht-Westens basiert. Diese Engführung lässt sich empirisch nicht halten und ist schlicht abenteuerlich. Rassismus, Unterdrückung und Sklaverei sind – anders als dies viele Postkolonialisten behaupten – nicht erst mit der europäischen Kolonisierung der Welt entstanden. Im Gegenteil. Muslime haben bei ihren militärischen Expansionen in Asien, Afrika und Europa selbst einen internationalen Sklavenhandel etabliert, bei dem auch Millionen Menschen aus Europa verschleppt wurden, und sie haben zudem ein System struktureller Ungleichheit geschaffen, in dem Nichtmuslime rechtlich diskriminiert wurden. 

Freiheits- und Menschenrechte, die wir heute als universale Rechte anerkennen, sind ein Produkt der Aufklärung und wurden im Rahmen von Demokratiebewegungen in westlichen Staaten durchgesetzt. Die Organisation Islamischer Zusammenarbeit stellt diese Rechte übrigens noch immer unter den Vorbehalt, dass sie mit der Scharia vereinbar sein müssen.

Außerdem?

Zweitens habe ich mich dem Betroffenheitspostulat nicht angeschlossen, das die Deutungshoheit über einen Sachverhalt den Menschen zuspricht, die man als Betroffene identifiziert. Im Klartext bedeutet dies, dass nur Muslime autorisiert sind, sich über den Islam zu äußern. Nichtmuslime dürfen allenfalls unterstützend als sogenannte „Allies“ tätig werden. Abgesehen davon, dass Muslime natürlich keine homogene Gruppe darstellen, ist das gesamte Konstrukt wissenschaftlich nicht haltbar. Eine ernstzunehmende wissenschaftliche Analyse basiert nicht darauf, dass man Menschen nach dem Munde redet, sondern dass man transparente Kriterien für diese eigene Forschung und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen vorlegt.

Dazu kommen eine extreme Moralisierung der eigenen Position im Postkolonialismus und ein absoluter Wahrheitsanspruch. Man gibt vor, im Namen einer höheren Gerechtigkeit zu handeln, und kanzelt alle diejenigen als Rassisten und Islamfeinde ab, die nicht der eigenen Ideologie entsprechen. Widerspruch wird außerdem reflexartig als rechts im Sinne von rechtsradikal denunziert. So kommt es, dass Personen als „Nazis“ beschimpft werden, die sich gegen das Kopftuch bei Lehrerinnen aussprechen und die Neutralität des Staates verteidigen. Insgesamt muss man konstatieren, dass Theorie für viele Postkolonialisten nichts anderes mehr ist als eine religionsähnliche Doktrin, die nicht mehr hinterfragt werden soll. Mit Wissenschaft hat dies dann nichts mehr zu tun.

Wie entstand das Zentrum?

Das Zentrum war in vielerlei Hinsicht ein Kind des Zufalls. Als ich 2008 die Professur für koloniale und postkoloniale Ethnologie an der Goethe-Universität antrat, war mein Forschungsschwerpunkt eigentlich Südostasien. Ich hatte viele Jahre lang ethnologische Feldforschungen im ländlichen Indonesien durchgeführt und war 2005 Lehrstuhlinhaberin für Südostasienkunde geworden. Mein Zuständigkeitsbereich war das insulare Südostasien, dem Indonesien als bevölkerungsreichster muslimisch geprägter Staat, Malaysia, Brunei und die islamischen Aufstandsgebiete in Thailand und auf den Philippinen zugeordnet werden. Mit einem Team deutscher und asiatischer Studenten und Doktoranden habe ich zu Frauenrechten, Islamismus und synkretistischen Formen des Islams gearbeitet. Schon damals zeichnete sich ab, dass selbst Regionen, in denen der Islam moderat war, zunehmend von Islamisten übernommen wurden, dass ein gewaltbereiter Islamismus auf dem Vormarsch war und die Scharia sich in Institutionen durchsetzte.

Als ich 2008 nach Frankfurt berufen wurde, hatte ich die Chance, meinen geopolitischen Fokus zu weiten, und habe Projekte zum Mittleren Osten, zu Zentralasien und zu Nordafrika betreut. So konnten wir empirische Daten gewinnen, die dann miteinander verglichen wurden. 2011 begann ich mit einer ethnologischen Studie in Deutschland, bei der ich Moscheegemeinden untersuchte. Aufgrund der geballten Expertise wurde unser Forschungsschwerpunkt zunehmend von Akteuren aus der Gesellschaft angefragt: von Journalisten, Politikern, Mitarbeitern von Verwaltungen, aus der Justiz, von Lehrern und Sozialarbeitern. Als dann Anfang der 2010er-Jahre dschihadistische Organisationen verstärkt in Europa und Deutschland Anhänger rekrutierten und 2014 schließlich der „Islamische Staat“ ausgerufen wurde, der ein Magnet für junge Islamisten war, beschlossen wir, die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren und ein Zentrum zu gründen, das nach außen hin sichtbar ist. 

Ein Zentrum dieser Art gab es damals noch nicht?

Genau. In Deutschland fehlte eine Institution, sich systematisch mit allen Aspekten kultureller und politischer Transformationen in der islamischen Welt und den Auswirkungen auf Europa und Deutschland befasst. Das heißt, wir haben uns sowohl mit liberalen Reformansätzen als auch mit konservativen Frömmigkeitsbewegungen und extremistischen Strömungen beschäftigt. Wir haben globale Verflechtungen untersucht, den „Flow“ von Ideologien über die Kontinente, die Bedeutung der Migration, aber auch lokale Konflikte in Asien und Afrika, die den Islamismus befördern.

Mit welchem Ziel?

Wir waren von Anfang an international und interdisziplinär ausgerichtet und hatten einen klaren Fokus auf den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft bzw. auf der Zusammenarbeit mit Experten aus der Praxis. Wir hatten sogar eine mehrjährige, sehr fruchtbare Kooperation mit dem Landeskriminalamt. Unsere wöchentlichen Vortragsreihen, unsere Podiumsdiskussionen und Konferenzen waren immer öffentlich zugänglich. Wir waren ein Anti-Elfenbeinturm.

Sie sind aber durchaus in der islamischen Welt anerkannt worden, etwa durch Ihre Aufnahme in die Königliche Akademie von Marokko. Wie passt das zusammen mit den Vorwürfen, Sie seien „islamfeindlich“?

Es passt gar nicht zusammen. Mich als „Islamfeindin“ zu bezeichnen, ist absurd. Ich kritisiere extremistische Ideologien, aber ich arbeite mit Muslimen aller Couleur zusammen, habe muslimische Studenten und junge Wissenschaftler gefördert und in meine Projekte integriert. Die islamische Welt selbst ringt seit Jahrzehnten mit dem Islamismus. Es ist ein harter Kulturkampf, in dem sich säkulare und islamistische Kräfte gegenüberstehen. Diese Auseinandersetzung ernst zu nehmen, ist wissenschaftlich notwendig. In Deutschland und anderen westlichen Ländern werden Islamisten von Wissenschaftlern – insbesondere meines eigenen Faches – romantisiert. Sie sehen darin eine Form von Frömmigkeit, die sie insgeheim bewundern, oder glauben gar, eine spezielle Form des Feminismus entdeckt zu haben. Das ist ein großer Irrtum, denn in Wahrheit steckt hinter dem Islamismus ein repressives Projekt.

Können Sie Beispiele nennen, wo sich dieser Konflikt besonders zugespitzt hat?

Ja. Es gab verschiedene Stufen. Als ich nach den sexuellen Übergriffen auf der Kölner Domplatte über kulturelle und religiöse Hintergründe der Täter sprach, hieß es, ich sei Rassistin und reproduziere „koloniale Narrative“. Mein Rauschmiss aus der Universität wurde zum ersten Mal im Jahr 2019 gefordert, weil ich eine Konferenz zum islamischen Kopftuch mit dem Untertitel „Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ organisiert hatte. Da hieß es, als Nichtmuslimin habe ich mich nicht mit so einem Thema zu befassen und schon gar keine kritische Perspektive zuzulassen. Damals waren Kopftuchgegnerinnen und Kopftuchbefürworterinnen als Rednerinnen eingeladen, außerdem zwei muslimische Theologen. Also eigentlich recht ausgewogen, aber das zählte nicht. 

Besonders deutlich wurden die Konflikte dann bei einer Konferenz im April 2023 zum Thema „Migration steuern – Realität gestalten“. Wir hatten dazu ein breites Spektrum an Referenten eingeladen – Wissenschaftler, Praktiker, auch Politiker. Unter anderem Ahmad Mansour, Ralph Ghadban, Hans-Peter Meidinger, den damaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, und Boris Palmer, den Oberbürgermeister von Tübingen, der für seine pragmatische und kreative Integrationspolitik bekannt ist. Das Programm sollte, wie wir es immer gehalten haben, Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis bauen und ein wichtiges gesellschaftliches Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. 

Doch plötzlich hieß es aus woken Kreisen in und außerhalb der Universität, die Konferenz sei „unwissenschaftlich“, weil auch Praktiker wie Meidinger eingeladen waren. Das war auch deshalb unverständlich, weil unsere Universität den Transfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft als dritte Säule nach den Säulen der Forschung und Lehre institutionalisiert hat. Doch damit nicht genug. Referenten wurden pauschal als „rechtspopulistisch“ bezeichnet, auch Ahmad Mansour, der kurz zuvor das Bundesverdienstkreuz für seine Integrationsarbeit erhalten hatte.

Mit welchen Folgen? 

Es gab wochenlange Angriffe von Aktivisten, woken Professoren und Studenten gegen mich, die Konferenz selbst konnte nur unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden, und das Gebäude, in dem sie stattfand, wurde von Demonstranten umlagert – viele davon aus der Palästina-Szene, die uns wegen unserer Positionierung gegen jede Form des Antisemitismus ohnehin zu ihren persönlichen Hassobjekten auserkoren hatten. Redner und Gäste wurden beschimpft, angerempelt und eingeschüchtert. Doch dann kam Palmer, allein und ohne sich angekündigt zu haben, lief den Demonstranten in die Arme und ließ sich zu einigen sehr ungeschickten Äußerungen provozieren, die mir angelastet wurden und die Steilvorlage für eine beispiellose Mobbingkampagne gegen mich lieferten.

Haben Sie auch im Alltag Feindseligkeit von Kollegen erlebt?

Im persönlichen Umgang interessanterweise niemals. Aber wenn Kampagnen losgingen, waren plötzlich auch Kollegen dabei, die mir wenige Tage zuvor noch freundlich im Flur begegnet waren oder mit denen ich vollkommen normale Telefonate geführt hatte. Sie unterzeichneten Erklärungen, in denen ich als Rassistin diffamiert wurde, und beteiligten sich an der Diffamierung meiner Person. Solche Erfahrungen hatte ich bereits seit längerer Zeit gemacht. Mir wurde mal eine Mailingliste von Institutsdirektoren zugespielt, die ich alle gut kannte. Sie wollten überlegen, was man gegen mich unternehmen könne. Ich schrieb in die Runde, dass ich gerne mit ihnen über ihre Vorbehalte mir gegenüber diskutieren würde, ganz gleich in welcher Form. Als Reaktion wurde ich wieder von der Liste entfernt, ebenso wie derjenige, der sie mir geschickt hatte. Offene Diskussionen gab es niemals, davor hat man sich immer gedrückt.

Gab es denn innerhalb der Universität Unterstützung für Sie?

Nur wenig. Im Nachgang der Migrationskonferenz sollte von der woken Allianz aus Aktivisten, Professoren und Studenten verhindert werden, dass ich eine Forschungsprofessur nach meiner Pensionierung bekomme, für die ich bereits Drittmittel eingeworben hatte. Internationale befürwortende Gutachten lagen vor. Nach einer langen Hängepartie erhielt ich diese Professur trotz der zahlreichen Interventionsversuche aufgrund der Unterstützung aus der Frankfurter Bürgerschaft, von Politikern aus den Reihen von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen sowie von vielen Menschen und Organisationen im Bundesgebiet, wie der Kurdischen Gemeinde, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit. Ich konnte das Forschungszentrum bis heute weiterführen, doch eine vernünftige Arbeit war nicht mehr möglich. Das ist der Grund, weshalb ich jetzt zum 30. September aufhöre und das Forschungszentrum in dieser Form nicht weiterexistieren wird.

Wie wirkt sich das für Ihre Mitarbeiter aus? Verlieren sie nun alle ihre Perspektiven?

Leider ja. Ein Kollege hat zwar eine Festanstellung an anderer Stelle, aber die meisten hatten nur befristete Verträge, wie es in der Wissenschaft üblich ist. Ohne Verstetigung des Zentrums laufen diese Stellen einfach aus. Das ist für die Betroffenen bitter. Und es ist kein Einzelfall: Kritische Islamforschung, insbesondere zu legalistischem Islamismus, ist an deutschen Universitäten kaum noch möglich. Neben Münster und Bonn kenne ich kaum Standorte, an denen kritische Stimmen geduldet werden.

Konkreter gefragt: Glauben Sie, dass Ihre Mitarbeiter Nachteile haben, weil sie mit Ihnen gearbeitet haben?

Ja, selbstverständlich. In den Geisteswissenschaften ist der Anpassungsdruck immens. Wer sich nicht die postkoloniale Theorie zu eigen macht, hat kaum Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere. Ich kenne mehrere Fälle, wo Dissertationen faktisch scheiterten, weil die Ergebnisse nicht ins gewünschte Bild passten – nicht wegen schlechter Qualität. Das betrifft nicht nur meine Leute, das ist ein allgemeines Phänomen. Die Wissenschaft ist in Teilen so stark politisiert, dass die Qualität zweitrangig ist. Entscheidend ist, die „richtige Haltung“ zu haben. Wer nicht woke ist, macht keine Karriere.

Sehen Sie das als generelles Problem der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland?

Ja, unbedingt. In internationalen Rankings schneidet Deutschland zwar gut ab, weil der Staat nicht in den Wissenschaftsbetrieb eingreift. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Einschränkungen kommen aus dem Wissenschaftssystem selbst. Tabus und Leitbilder haben sich etabliert, die kritische Forschung unmöglich machen. Förderorganisationen verlangen Konformität mit bestimmten ideologischen Vorgaben. Wer von der hegemonialen Doktrin abweicht, hat kaum Chancen. Das betrifft nicht nur den Islamismus, sondern auch andere Themen: etwa Sklaverei in nicht-europäischen Gesellschaften, Zweigeschlechtlichkeit oder kritische Migrationsforschung.

Sie haben angedeutet, dass Sie sich auch eine Institution außerhalb der Universität vorstellen könnten. Wäre das ein Weg?

Deutschland braucht dringend ein unabhängiges Forschungszentrum oder einen Think Tank, der sich wissenschaftlich fundiert mit allen Facetten des Islam befasst – auch mit problematischen. Österreich leistet sich seit Jahren eine „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ mit mehreren festangestellten Forschern. Dort entstehen Dossiers zu islamistischen Organisationen, hybriden Bedrohungen, extremistischen Ideologien. Deutschland, ein viel größeres Land, hat nichts Vergleichbares. Die Politik stimmt mir zwar zu, wenn ich eine ähnliche Einrichtung bei uns anrege, aber es passiert einfach nichts.

Würden Sie jungen Menschen heute raten, Ethnologie zu studieren?

Ehrlich gesagt: im Moment nicht. Als ich begann, war ich völlig frei in meiner Forschung. Ich konnte Themen wählen, Methoden bestimmen, Ergebnisse formulieren, ohne ideologische Scheuklappen. Heute gibt es überall Scheren im Kopf. Wer nicht bereit ist, sich ideologisch anzupassen, kommt nicht weiter. Ich finde das traurig. Eigentlich bräuchte es eine liberale Akademie, jenseits der Universitäten, wo Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit wirklich gelebt werden können.

Was bedeutet das Ende des Zentrums für Sie persönlich?

Für mich persönlich wenig. In der Ethnologie kann man auch außerhalb der Universität weiterarbeiten. Ich schreibe gerade ein neues Buch über die liberale Demokratie, halte weiterhin Vorträge und werde meine Beratungstätigkeiten ausbauen, denn es fehlt allerorts an notwendigem Wissen, um Entscheidungen zu treffen, ganz gleich, ob es um einen Moscheebau, um schulische Belange oder um Kooperationen mit muslimischen Organisationen geht. Aber für meine Mitarbeiter und für die kritische Wissenschaft ist die Auflösung des Forschungszentrums ein herber Verlust, der große Betroffenheit auslöst. Die Gesellschaft braucht offene Debatten und fundierte Expertise – auch zum Islam.

Das Gespräch führte Clemens Traub.

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Wolfgang Borchardt | Fr., 5. September 2025 - 18:11

Sozialismus, Christentum (heute im Schwinden nach Kreuzzüge und Inquisition) Panslawismus, Grün, Links, Rechts usw. - solange Religionen die Realpolitik dominieren, wird es in Katastrophen enden. Die Geschichte beweist es. Religion mag für den Einzelnen eine Hilfe sein, aber zu oft war sie der Vorwand für Kriege. Insofern ist die Trennung von Staat und Religion eine wirkliche demokratische Errungenschaft. Hoffen wir, dass sie nicht preisgegeben wird. Dann wird auch "unsere" Demokratie keine Rolle mehr spielen

Die christlichen Kirchen, zumal die katholische, haben gewiss viel Unheil angerichtet, aber Kreuzzüge und Inquisition haben nichts mit leeren Kirchen im 21. Jhd. zu tun.
Außerdem kann man gerade den fundamentalistischen Islam nur bedingt als Religion bezeichnen. Es ist eher eine Staatsdoktrin, die das Primat der Religion über Politik fordert. Es gibt keine säkulare Sphäre in diesem Islam. Etwas, was im christlichen Europa seit dem Investiturstreit geklärt ist.
Dieses Primat macht den fundamentalistischen Islam in Europa so gefährlich, denn unsere Rechtsordnung und in Folge die Demokratie werden dadurch in Frage gestellt. Das wird immer noch bewusst ignoriert, wie die Schließung des Forschungsinstitutes von Prof. Schröter klar belegt.

Ich bitte darum, bei solchen ernsten Themen grundlegende Begrifflichkeiten nicht wie ein Obstsalat zusammenzuwürfeln. Die Kreuzzüge begannen übrigens erst 200 Jahre, nachdem der Islam 2/3 der christlichen Welt erobert hatte. Der Islam ist deshalb so gefährlich, weil er Religion und politische Doktrin gleichzeitig ist. Diese Leute denken nicht in Legislaturperioden.

Christoph Kuhlmann | Fr., 5. September 2025 - 18:43

Bei der Frauenforschung werden oft erst einmal die Männer herausgeworfen. Der identitäre Rassismus für Minderheiten wird von den Dekanen gefördert und Juden werden in den Universitäten gemobbt und schwer verletzt. Selbst in schweren Fällen gibt es keine Hausverbote und Anzeigen. Es ist eine Facette des traurigen Niederganges der Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften in Deutschland. Ich sehe das als Folge des Verlustes des "Common Ground. Dieser beschreibt das gemeinsame Wissen – also die gemeinsame Wissensbasis aller Diskursteilnehmer – und wird vom Sprecher als Hintergrundinformation vorausgesetzt."

Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass viele, die zu uns kommen Teil des Problems sind und nicht die Lösung. Bereit sind Täter zu werden und politische Hetze gegen Gruppen betreiben. Das gilt auch für Akademisierte. Für mich ist Leugnung dieser Tatsache das Versagen der Sozial- und Geisteswissenschaften in ihrer Kernkompetenz. Ausgelöst durch vulgäre Ideologie.

Hans Page | Fr., 5. September 2025 - 21:15

Ich danke und bewundere Frau Schröter für ihren unglaublichen Mut in schwieriger Zeit. Das ist echte Zivilcourage.

Nur fürchte ich dass es noch viel schlimmer kommen wird solange traditionelle Menschen aus dem islamischen Raum zuwandern. Vielleicht gibt es eine Änderung wenn der Rückenwind aus der Türkei endet, wenn der dortige charismatische Führer von der Bühne abtritt. Allerdings bin ich eher pessimistisch auch weil deutsche Politiker seit Merkel zu opportunistisch geworden sind und sich weigern zu verstehen dass man dem Islamismus bei den sich dynamisch entwickelnden Mehrheitsverhältnissen in Deutschland nicht einfach mehr aus dem Weg gehen kann.

einfach mehr aus dem Weg gehen kann."

Herr Page, Sie müssen nur die Augen ganz-ganz-fest zu machen... ... - dann ist dieser sog. 'Islamismus' garnicht mehr da..., stattdessen 'kommt Gold zu uns' (KGE)... ...

>> So könnte es funktionieren..., auch ohne Institut.

/Ironie und Sarkasmus

Dr. Karl Landscheidt | Fr., 5. September 2025 - 22:26

Angesichts dieser unappetitlichen Intrigen der woken akademischen Subkultur erscheinen die Maßnahmen Trumps bzgl Harvard etc. in ganz neuem Licht.

Thomas Veit | Sa., 6. September 2025 - 09:55

Antwort auf von Dr. Karl Landscheidt

feststellen zu 'den linkswoken Zuständen' - ich benennen das mal frei so... - bei uns und in Europa, welche sich offensichtlich die letzten 20 Jahre mittlerweile in der gesamten Gesellschaft breit gemacht haben, und den Auswüchsen dergleichen in den USA, gegen die Trump nur noch 'mit der Kettensäge' vorgehen kann.

ICH bin absolut KEIN Trump-Fan (und auch keiner von Musk) - eher im Gegenteil..., aber wenn man gelegentlich mal konkret berichtet bekommt, GEGEN WAS sich zum Teil Trumps Anti-woke-Kampagne richtet (nicht was er selbst verkündet, sondern aus unabhängigen Berichten...!), dann kann man/Frau dem oft nur zustimmen, aus bürgerlich-konservativer Sicht..., und muss aus hiesigen Sicht unweigerlich deutliche Parallelen feststellen ' in Justiz, an Universitäten, an Schulen!, in politisierten Hilfsorganisationen/NGOs, im Staatsapparat, Medien!, in gesellschaftlichen Organisationen allgemein.

Das 'progressiv-gesellschaftliche AfD-Mobbing' ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Thomas Veit | Sa., 6. September 2025 - 08:35

Brauchen wir auch nicht! Der Islam kommt sowieso zu uns und sagt uns, was wir ,achten und denken sollen... ...

Wozu Geld für eine umfassende wissenschaftliche Analyse und Forschung ausgeben, wenn "unsere Demokratie" das garnicht (mehr) braucht?

Geld, das auch gut zur 'Seenotrettung' ausgegeben werden und dadurch dem real existierenden Islam direkt helfen könnte...?

>> WIR wissen schon alles über den Islam - kein Bedarf! (Ihre "unsere Demokratie")

/Sarkasmus

Thomas Veit | Sa., 6. September 2025 - 08:42

und liberale Muslime sind oft die engagiertesten Kritiker der Fundamentalisten."

Der interessanteste Satz im Artikel... Warum? das wohl so ist...? 🤔

Vielleicht weil sie einen gewissen 'Wissensvorsprung' vor uns haben... ...?

[PS: erinnert mich auch an die DDR und deren Kritiker Wolf Biermann: Biermann als bekennender Kommunist kritisierte den real existierenden und selbst! erlebten! Sozialismus - und 'flog raus'...; er kannte ihn halt 'zu gut'...]

Ernst-Günther Konrad | Sa., 6. September 2025 - 10:00

Und sie glauben wirklich, die Politik würde keinen Einfluss nehmen auf den UNI-Betrieb, die Personalauswahl und deren Ausrichtung? Glauben Sie das im Ernst? Man muss nicht Einfluss nehmen durch offene und direkte staatliche Weisungen. Das wurde doch längst subtiler gelöst. Hier und da politische angepasste Karrieristen an den Schaltstellen des Systems gesetzt und dann läuft das schon. Den Stiftungsrat entsprechend besetzt und Steuerung aus dem "Off" und es passiert genau so etwas, wie es jetzt passiert ist. So sehr ich Sie schätze Frau Schröter, aber diese Ihre Sichtweise, es gäbe keinen politischen Einfluss, den nehme ich Ihnen nicht ab. Vielleicht müssen Sie das auch so sagen, weil der Druck bereits zu groß ist. Sie selbst wissen es ja auch besser, wenn Sie dann schreiben: *Wer nicht bereit ist, sich ideologisch anzupassen, kommt nicht weiter.* Das sagt alles über unseren Universitäten aus. Dort ist ja auch inzwischen der Antisemitismus zu Hause, da passt Islamforschung nicht.

wolf | So., 7. September 2025 - 10:44

Man braucht sie dringend. Kettensägen!
Der ganze linksgrünwoke Sumpf muss flächendeckend trockengelegt werden!
Wer soll das machen?
Die aktuelle Duckmäusertruppe der CDU sicher nicht.
Denn mit den Linken sind solche Projekt niemals zu realisieren.