En passant - Ode an Herrn Leffler

Die Sozialdemokraten sind nicht Schuld an dem Untergang ihrer Partei, schreibt Sophie Dannenberg. Die SPD verliere wie alle Volksparteien. Das Problem sei die Post-Post-Moderne, in der es einfach keine Gewissheiten mehr gebe

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Einen aufrechten Sozialdemokraten kennt Sophie Dannenberg noch / Illustration

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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Dass die Sozialdemokratie untergeht, ist nicht mehr zu übersehen. Aber ich glaube nicht, dass die SPD dafür die Ursache ist. Sie ist genauso verwaschen wie die anderen großen Parteien, und wie die anderen wird sie immer belangloser. Wir haben zurzeit wohl nicht gerade die genialsten Politiker am Start, aber daran liegt es ja nicht. Der Eklektizismus der Post-Post-Moderne bildet sich eben auch im Zustand unseres Parteiensystems ab. Es gibt einfach keine Gewissheiten mehr, stattdessen Verwirrung und vorschnelle Versprechen.

Es ist sehr lange her, dass ich einem aufrechten Sozialdemokraten begegnet bin. Es ist so lange her, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob Herr Leffler aus meinem Heimatdorf tatsächlich die SPD gewählt hat. Aber er, Ostermarsch, Anti-Brokdorf, Friedenskreis, hatte immerhin noch diese spezielle sozialdemokratische Aura. Sie lässt sich nur schwer beschreiben, sie hat etwas Physiognomisches, eine Mischung aus Gerechtigkeitssinn, Unterschicht, trotziger Bildung, Schmerz und Mut. 

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Tonicek Schwamberger | Fr, 12. Juli 2019 - 16:23

. . . Frau Dannenberg: "Er ist einfach nur armes Schwein" - und leider gibt's davon sehr viele, und es werden sicher noch mehr - nur: Wie will man das ändern? Sehr viel früher war das ja die Hauptaufgabe der SPD, doch diese ist dem Untergang geweiht, wie Sie richtig schreiben, aber wer tritt an ihre Stelle . . . ?
So viele Fragen - so wenige Antworten!

Christoph Kuhlmann | Fr, 12. Juli 2019 - 16:33

gelesen habe. Nehmen wir den Paketboten, er hat die Ausbeutung in erster Linie dem real existierenden Sozialismus zu verdanken, der in seiner osteuropäischen Heimat die Entwicklung wettbewerbsfähiger Strukturen um gut 40 Jahre verzögerte. Dies zwingt ihn nun sich in Deutschland als Paketbote auf selbstständiger Basis zu bewerben. (Die EU macht's möglich) Er darf dann den Lieferwagen von seinem Vorgänger übernehmen, der gerade bankrott gegangen ist, weil er die Raten und das Benzin nicht mehr bezahlen konnte. Eine Regulierung dieser Ausbeutung wäre ein Verstoß gegen EU-Recht. Natürlich verweisen dann auch noch alle Mitbewerber mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen darauf, dass sie unter diesen Umständen auf keinen Fall angemessene Löhne zahlen können und drücken das Lohnniveau. ... und wer hat sich jetzt dafür eingesetzt, dass wir in Deutschland mit Griechenland und Italien zusammen, das niedrigste Lohnwachstum in der EU haben. Die Zuwanderungspolitik der SPD.

Sie beschreiben erfreulicherweise eine konkrete Situation, die sich seit 15-20 Jahren, in unzähligen Variationen millionenfach ergeben hat. Die von der Autorin genannte Post-post-Moderne muss wohl so etwas wie ein Post-post-Sozialkompetenz sein.

Michael Maschke | Fr, 12. Juli 2019 - 17:48

Liebe Sophie Dannenberg,
vielen Dank für Ihre sehr poetische Analyse. Sie teffen den Nagel mit einem nadelspitzen Hammer mitten auf den Kopf. Am besten gefält mir die Beschreibung der "sozialdemokratischen Aura": "...eine Mischung aus Gerechtigkeitssinn, Unterschicht, trotziger Bildung, Schmerz und Mut."
Ich kannte in meiner Jugend in den Siebzigern und Achtzigern selbst noch diesen Typus in meiner Heimatstadt und habe entsprechend meistens SPD und manchmal Grün gewählt. Heute ist mir das unmöglich geworden, die politische Heimat für unsereins ist verschwunden. Es ist bitter, wird sich aber wohl auch nicht mehr ändern. Waskommt wohl nach der Post-Post-Moderne? Ich befürchte,nichts Gutes!?

Heidemarie Heim | So, 14. Juli 2019 - 17:48

Und wieder was gelernt! Musste nachschauen und siehe da,einer der bekanntesten Vertreter des,ich nenne es für mich "Stilmix" ,war Cicero;-). Absicht oder Zufall? Mein vor leider langen Zeit verstorbene Papa war Zeit seines langen Proletarierlebens ein überzeugter wie kämpferischer SPD`ler mit dem gerechten Glauben daran, das sich Fleiß lohnen muss, einen Mangel daran gestand er anderen in gewissem Maße zu, wollte diesen Umstand aber nicht verdeckt haben seitens einer Politik der "Gleichmacherei" wie er es nannte. So was machten schließlich nur die Kommunisten! Über die ihn wahrscheinlich sehr prägenden Erfahrungen eines sehr "Führer"-affinen Elternhauses und seiner für ihn traumatischen Zeit in der HJ-Kriegszeit sprach er so gut wie nicht. Trotz dieser vermeintlichen Vermischung von Gegensätzen war die SPD immer seine politische Wohlfühl-Heimat! Allerdings hätte er schon nach den Hartz-Beschlüssen sein Parteibuch abgegeben.Nicht erst bei Nahles,die zumindest Mindestlohn durch setzte!

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