Illustration: Antje Stiehler/Jutta Fricke

En Passant - Mit der Moderne auf der Couch

Trump als psychiatrischen Fall zu diskutieren macht zwar Spaß, lenkt aber von der Bedeutung seines Gedankenguts ab: er verkörpert als schrille Metapher der Gegenwart den "Idealtypus" unserer Epoche, in dem sich die Paradoxien unserer Epoche amalgamieren

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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Psychische Krankheiten sind total in. Nicht nur, sie zu haben, sondern sie vor allem auch großzügig zu diagnostizieren. Angefangen haben damit die Experten, inzwischen machen es alle. Mit Donald Trump wurde die narzisstische Persönlichkeitsstörung berühmt. Die Zeitungen zitierten erregt aus Diagnosehandbüchern, Psychiater stürmten die Talkshows. Natürlich wurde auch über die Zulässigkeit von Ferndiagnosen gestritten und darüber, ob nicht Trumps Gedankengut bedenklicher sei als sein Zustand. Vermutlich lagen alle Diskutanten richtig – aber das spielt keine Rolle.

Warum? Die Antwort liefern Forscher und Betroffene selbst. Es gibt unzählige Berichte über borderlinekranke Stars, psychopathische Topmanager, manisch-depressive Schriftsteller, alkoholabhängige Journalisten. Wir lernen daraus vor allem eines: Eine psychische Störung erzählt uns nichts über Tatkraft, Vernunft und Moral eines Menschen. Die Erkrankung kann sogar förderlich sein. Annie G. Rogers, berühmte Professorin für Psychoanalyse am elitären Hampshire College, nennt in ihren Büchern die eigene Psychose eine Begabung. Kay Redfield Jamison, weltweit anerkannte Psychiatrieprofessorin an der Johns Hopkins University, hat in umfassenden Studien das kreative Potenzial der „bipolaren Störung“ herausgearbeitet – an der sie selbst leidet.

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