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Gut sein kann so leicht sein. Man muss oft nicht einmal etwas dafür machen / dpa

En passant - Let's be good

Wer nach außen Moral predigt, ist privat häufig ganz anders. Wer „Gutes“ redet, fühlt seine Pflicht schließlich bereits getan. Für die reale Welt nützt es jedoch nichts.

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

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Nach Ostern fragte ich mich, warum ich die „sieben Wochen ohne“ schon wieder nicht durchgehalten hatte. Ehrlich gesagt habe ich es nicht mal versucht, nur irgendwie dran gedacht. Das kann ja auch schon erhebend sein. Aber warum ist es so schwer, ein paar Wochen lang auf Kuchen und Keks zu verzichten? 

Die Antwort fand ich bei Kelly McGonigal, einer Gesundheitspsychologin, die in Stanford forscht und lehrt, Schwerpunkt Willenskraft. Ihre Bücher und Vorträge sind very witty, und erst mal macht sie dem Publikum klar, dass eiserne Selbstdisziplin, neurobiologisch bedingt, Quatsch ist. Oft liegt das gar nicht daran, dass wir zu schwach sind. Sondern dass wir uns in unserer eigenen erfolgreichen Selbstregulation verheddern. So fallen ja bekanntlich besonders Leute in moralisch hohen Positionen, Priester etwa oder Politiker, gern mal besonders tief. Tugendhaftigkeit, schreibt McGonigal, ist ein Einfallstor für das Lasterhafte. Wer Gutes tut oder auch nur denkt, darf auch sündigen. Man nennt das Moral Licensing, und oft ist es uns nicht mal bewusst.

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Karl-Heinz Weiß | Do, 13. Mai 2021 - 13:49

Danke, nach der Lektüre schöpfe ich für die Bundestagswahl doch noch Hoffnung.
Bisher habe ich die beschriebene Geisteshaltung nur an den US-Republikanern festgemacht.

helmut armbruster | Do, 13. Mai 2021 - 16:22

wer Willenskraft und Selbstdisziplin verwirft, hohe moralische Positionen nicht gelten lässt, wer glaubt, dass wer Gutes tut und denkt, auch sündigen darf, ist - pardon - der Dekadenz anheim gefallen.
Und er vergisst, oder hat nie gewusst, dass die großen Leistungen der Menschheit meistens von außergewöhnlichen Menschen vollbracht wurden. Menschen voller Willenskraft und Selbstdisziplin.
Nicht einmal ein Genie wie W.G.A. Mozart wäre imstande gewesen seine außergewöhnliche musikalische Begabung der Nachwelt zu übermitteln, ohne eine große Kraft, die ihn getrieben hat genau das zu tun.
Wäre Mozart ein dekadentes Weichei gewesen, wüßten wir heute nicht viel über ihn.

Bernd Muhlack | Do, 13. Mai 2021 - 16:24

... frei nach Hans Fallada.

Alles so woke hier, toll!
"Wer nach außen Moral predigt, ist privat häufig ganz anders. Wer „Gutes“ redet, fühlt seine Pflicht schließlich bereits getan. Für die reale Welt nützt es jedoch nichts."

Das klingt mMn etwas nach Dr. Jekyll and Mr. Hyde, oder?

Ja, unsere hypermoralisierenden Berufsbetroffenen!
Was wären wir nur ohne sie?
Ein irregeleiteter, zielloser Haufen von erkennbar Hilfe, Halt und Haltung Suchenden!

Kuchen und Kekse sind nicht mein Fall - Fasten und Ramadan schon überhaupt nicht!
Gestern war Ende des Ramadan und heute gibt es drei Häuser weiter bei Nachbars "türkischen Fata-Tach" - natürlich im Garten!
Sie sind wie auch ich eher Ungläubige, keine Moscheegänger und Merit ist stets "unverhüllt"; zum Glück!

Ciceronisch parallel einige Artikel zu den antisemitischen Aktionen der hier Schutz Suchenden et Supporter.
Wie oft gesagt: Idioten wird es immer geben, überall!
Dann geh doch lieber zu Merit innen Garten - es riecht schon sehr gut!

Markus Michaelis | Do, 13. Mai 2021 - 16:34

Wokeness will nicht Marginalisierten helfen, sondern einer neu zusammengesetzten Elite an Eliteunis, Medien, Thinktanks etc. zum Durchbruch verhelfen. Natürlich ist man auch an vielen guten Ideen interessiert, aber nicht um den Preis echter Vielfalt und der Schmälerung der eigenen Einflusssphäre - zumindest ist das für mich nicht erkennbar. Für Marginalisierte ist das nur für den Teil interessant, der sich Chancen ausrechnet in der neuen Machtbalance aufzusteigen - dafür steigen andere eben ab.

Ob Moral Licensing der Hauptgrund für die Nähe zum eigenen Überziehen ist? Ich glaube eher, dass von klarer Wokeness die Menschen angezogen sind, für die feste klare Wahrheiten wichtig sind - und feste klare Wahrheiten neigen dazu sich an den nächsten Widersprüchen im Leben den Kopf einzurennen.

Rob Schuberth | Do, 13. Mai 2021 - 18:23

netter Artikel.
Was ist neu daran.

Der Spruch:
>>Wasser zu predigen u. (doch) Wein zu saufen<< (sorry, ich bevorzuge trinken), ist doch uralt.

So sind die Menschen nun einmal.
Sie sind Heuchler.
Bis auf ganz wenige Ausnahmen.

Am Ende wird es so sein wie ein - ebenfalls - alter Witz es schon sagt:
Treffen sich 2 Planeten.
Sagt der eine: Warum siehst du so schlecht aus, was hast du denn?
Der andere Planet antwortet:
Ich habe Menschen.
Sagt der andere Planet:
Ach, das ist kein Problem.
Das geht schnell wieder weg.

Die Erde braucht uns ganz sicher nicht. Ohne uns geht es ihr bald schon wieder richtig gut.

Gunther Freiherr von Künsberg | Do, 13. Mai 2021 - 18:49

Moral muss auch konsequent sein. Deshalb werden bestimmte Ausdrücke besser in Englisch kommuniziert. Das gilt zum Beispiel für den Shitstorm. In Deutsch klingt das echt scheiße.
In Trier muss ein historisches Gebäude umbenannt werden. Wegen des N-Worts in Porta Nigra ist für das Bildungsbürgertum, dass in der Schule mal Latein hatte, diese Bezeichnung eine Zumutung. Ich schlage vor“ römisches Tor“. Eine Person, die im Fasching als Kind mal Indianerhäuptling werden wollte anstatt “ Chef einer abgrenzbaren Personenzahl der Erstbewohner“ ist politisch untragbar und muss alle Parteiämter aufgeben.
Weil Unmoral unanständig und Moral anständig ist, ist jedermann*frau? verpflichtet moralentsprechend zu handeln. Die Moraldiktatur ist somit legitim, solange sie von medialen Moralisten*innen und nicht von Mutter/Vater Staat ausgeübt wird und durch Beamte*innen de*m*r Bürger*in aufgezwungen wird.

Christa Wallau | Do, 13. Mai 2021 - 19:08

... außer man t u t es. (Erich Kästner)

Daß die größten, lautstarken Prediger und Verteidiger der Moral oft Schlimmstes tun, ist tatsächlich ein auffälliges Faktum.
Es mag sein, daß Frau McGonigal mit ihrer These recht hat: Wer sich wohl fühlt, weil er unentwegt vom GUTEN redet, der ist anfälliger für die Verführung durch das Böse.
Er glaubt ja, seinen Teil schon geleistet zu haben, und ist nicht mehr wachsam.

Walter Bühler | Fr, 14. Mai 2021 - 08:59

Religiöse Wurzeln sind in den USA noch viel lebendiger als in Europa. "Woke" bedeutet daher vielleicht eher "erweckt" statt "aufgeweckt". In diesem Sinne ist jemand "woke", der sich - durch eine "Erweckung" oder Bekehrung - vom Sünder zum Frommen gewandelt hat. Er bekennt sich freudig zu seinem neuen Glauben und versucht eifrig, den Rest der Menschheit ebenfalls zu bekehren.

Ein Erweckungsprediger muss zwei Ziele erreichen. Erstens muss er das Unglück all der Menschen, die noch nicht erweckt sind, aus ihrer Sünd- und Lasterhaftigkeit herleiten können. Zweitens muss er das Glück, in dem die Erweckten leben und das den Sündern angeboten wird, aus den religiösen Glaubensgrundsätzen plausibel machen können.

Allerdings lehrt die Erfahrung, dass auch Bekehrte durchaus zu Sünden fähig sind. Insofern bleiben auch sie Sünder, auch wenn sie sich anders und besser fühlen.

Kurt Kuhn | Fr, 14. Mai 2021 - 13:45

Die Personen mit rassistischen oder sexistischen Entscheidungen hatten mit schönen Worten „ihr moralisches Soll ja schon erfüllt“.
Dann müsste im Umkehrschluss auch gelten, dass ich mit meinem dummen Geschwätz schon mein Soll an unmoralischem Handeln erfüllt habe. Welch ein Glück!
Vielen Dank Frau McGonigal, Sie haben mich vorerst gerettet!
Es ist ja auch schon lange bekannt, dass bellende Hunde nicht beißen.
Aber, ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich laufe den Röcken nicht hinterher (glücklich verheiratet)... wer weiß, wer weiß, was da noch ans Licht kommt…
Ihnen auch vielen Dank für den guten Beitrag, Frau Dannenberg!