Abgründe der Kindeserziehung tun sich auf im Umfeld von Sophie Dannenberg

En passant - Dann heul doch!

Ideologisch sind wir aufseiten unserer Kinder. Aber strukturell sind sie unsere Feinde. Darum zerstören wir sie.

Autoreninfo

Sophie Dannenberg, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Debütroman „Das bleiche Herz der Revolution“ setzt sich kritisch mit den 68ern auseinander. Zuletzt erschien ihr Buch „Teufelsberg“

So erreichen Sie Sophie Dannenberg:

Unsere Tagesmutter ist gerade krank, darum verbringe ich die Vormittage auf dem Spielplatz. Berlin ist da gut ausgestattet, es gibt Märchenspielplätze, Piratenspielplätze, Wasserspielplätze, alles schön bunt. Unsere Gesellschaft meint es ja gut mit den Kindern. Die Zeiten, in denen sie ausgebeutet und misshandelt wurden, sind hierzulande vorbei. Dachte ich immer. Die bemühten Eltern machen alles ganz toll. Teilen sich die Elternzeit, lesen Jesper Juul, gehen in Pekip-, Pikler- und Montessori-Gruppen und dann zum Mama-Papa-Baby-Yoga. Dann müssen sie wieder arbeiten, und der Run auf die Betreuungsplätze geht los. Es gibt Eltern, die verlieren die Fassung, weil sie noch nie im Leben so viele Absagen kassieren mussten. Die Opfer dieser Umstände, oft noch Babys, sehe ich jetzt auf den Spielplätzen weinen. 

Ich habe Tagesmütter gesehen, die lassen Kinder, die sich nicht entsprechend anpassen, wochenlang weinen. Sie ignorieren sie pädagogisch gekonnt. Die gestressten Eltern müssen zulassen, dass ihre Kinder auf diese Art wohl gebrochen werden. Obwohl Kinderarbeit verboten ist, erwarten alle, dass sich schon die Kleinsten den Bedingungen der Arbeitswelt unterwerfen. Das machen natürlich nicht alle so. Meine Tagesmutter ruft die Eltern an, wenn die Kinder weinen. Dann müssen die Eltern antanzen. Wäre ich irgendwo festangestellt, hätte ich meinen Job schon längst verloren. 

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