Die Grünen - Eine Ein-Generationen-Partei?

Daten aus der ganzen Bundesrepublik zeigen, dass immer weniger junge Wähler sich für die Grünen entscheiden. Was wählen sie stattdessen?

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(picture alliance) Jagen die Piraten den Grünen die jungen Wähler ab?

Als die Grünen 1980 zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl kandidierten, waren über zwei Drittel (70,5 %) ihrer Wähler jünger als 35 Jahre alt. Noch nicht einmal ein Fünftel der grünen Wähler (17,5 %) waren 1980 älter als 45 Jahre. Knapp drei Jahrzehnte später – bei der Bundestagswahl 2009 – war nur noch etwas mehr als ein Viertel (26,8 %) der Wähler der Grünen jünger als 35 Jahre. Über 45 Jahre alt war rund die Hälfte (49,8 %) der grünen Wähler.

Allein ein Blick auf diese bundesweiten Zahlen zeigt zwei Entwicklungslinien. Zum einen ist die 1980 noch offene Frage geklärt, nämlich ob die vielen jungen Wahlbürger, die der neuen grünen Bewegung ihre Stimme gegeben hatten, auch in späteren Stadien ihres Lebenszyklus den Grünen treu bleiben würden oder ob sie sich dann den anderen, etablierten Parteien zuwenden würden.

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Bildlich gesprochen lautete die Frage: Würde der Sohn des Zahnarztes aus Celle, der als Zahnmedizinstudent in Bonn 1980 die Grünen wählte, auch dann noch der grünen Bewegung treu bleiben, wenn er die Praxis seines Vaters übernommen hätte? Oder würde er dann – wie sein Vater – CDU wählen. Heute weiß man, dass er trotz eines insgesamt ähnlich bürgerlichen Lebensstils wie sein Vater weiter treu bei jeder Wahl – ob Kommunal-, Landtags-, Bundestags- oder Europawahl – den Grünen seine Stimme gibt.

Die bundesweiten Daten zeigen weiterhin, dass die Attraktivität der Grünen für die jüngeren Wahlbürger deutlich nachgelassen hat. Der Strom der jungen Wähler, der in den Anfangsjahren der Grünen die grüne Bewegung in alle Parlamente brachte, ist deutlich schwächer geworden. In unserem Bild sieht das dann so aus, dass der älteste Sohn unseres nunmehr selbst die Praxis seines Vaters führenden Zahnmedizinstudenten von 1980 sich zumindest zeitweilig der FDP zuwandte, der jüngste Sohn aber heute die Piraten wählt. Nur die Tochter, Oberstudienrätin am städtischen Gymnasium, ist den Grünen treu geblieben.

Jagen die Piraten den Grünen die jungen Wähler ab?

Wie stark die Attraktivität der Grünen für die jungen Wähler gesunken ist, zeigt auch das Beispiel Berlin, wo die Piraten bei der Abgeordnetenhauswahl im September 2011 zum ersten Mal in ein Parlament einziehen konnten. Während die Grünen im Landesdurchschnitt ihren Anteil an den gültigen Stimmen (nicht jedoch an den Wahlberechtigten insgesamt) um 4,5 Prozentpunkte von 13,1 auf 17,6 Prozent steigern konnten, stieg der Anteil bei den 18- bis 25-Jährigen nur noch um 1,7 Prozentpunkte. Und in der Gruppe der 25- bis 35-Jährigen ging der Anteil der Grünen sogar um 0,2 Prozentpunkte zurück. Überdurchschnittlichen Zuwachs erhielten die Berliner Grünen dagegen mit einem Plus von 6,5 bzw. 5,3 Prozentpunkten bei den 35- bis 45-jährigen bzw. 45- bis 60-jährigen Wählern.

In Berlin zeigte sich zudem, dass die Piraten zumindest für die jungen Männer als Alternative zu den etablierten Parteien inzwischen viel attraktiver sind als die Grünen. Von den 18- bis 35-jährigen Männern, die sich im September 2011 an der Abgeordnetenhauswahl in Berlin beteiligten, wählten über 20 Prozent die Piratenpartei. Die Grünen wurden nur noch von 15,2 Prozent der 18- bis 25-jährigen und von 18,7 Prozent der 25- bis 35-jährigen männlichen Wähler gewählt.

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Bei den weiblichen Wählern dieser beiden Altersgruppen erhielten die Grünen allerdings mit 20,7 bzw. 25,6 Prozent noch mehr Stimmen als die Piraten, die auf 13,4 bzw. 10,8 Prozent der gültigen Stimmen kamen. Die Piraten-Wähler waren in Berlin also eher Männer als Frauen (was im übrigen auch in den aktuellen bundesweiten Umfragen bestätigt wird: Rund zwei Drittel der derzeitigen Sympathisanten der Piraten sind Männer).

Die nachlassende Attraktivität der Grünen für die jungen Wähler – eine Tendenz, die durch das Aufkommen der Piraten noch beschleunigt wird – zeigt, dass die Grünen zunehmend in Gefahr geraten, eine „Ein-Generationen-Partei“ zu werden. Diejenigen, die in jungen Jahren zur grünen Bewegung gefunden haben, bleiben der grünen Partei zwar Zeit ihres Lebens treu. Doch Zustrom von den heutigen jungen Wählern können die Grünen nur noch in deutlich geringerem Maße als früher erwarten.

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