ZDF-Anrufaffäre - Ein Glücksfall für die mediale Monokultur

Ein mysteriöser Anruf, der zum Rücktritt eines Pressesprechers führte, diente dem ZDF als Beweis seiner journalistischen Unabhängigkeit. Dass es dies überhaupt bedurfte, wirft ein fragwürdiges Licht auf die Medienlandschaft

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(picture alliance) Der lange Schatten der CSU fällt auch auf die Medienlandschaft

Die Geschichte erinnert an den Kalten Krieg. Ein Vertreter einer konservativen Landesregierung versucht, mehr oder weniger dezent, Einfluss auf die politische Medienberichterstattung zu nehmen. Er schildert einem ZDF-Redakteur, welch seltsame Diskussionen es lostreten könnte, wenn das ZDF als einziger der öffentlich-rechtlichen Sender vom Parteitag der bayrischen SPD berichten würde.

Der Redakteur, solcherlei offenbar nicht gewöhnt, reagierte instinktiv richtig und erfüllte das Herz des ZDF-Chefredakteurs Peter Frey mit Stolz: „Wir senden, was wir senden, egal, wer anruft“, vermeldete er öffentlich in der Hoffnung, hiermit einen allgemeinen Punkt bezüglich der Unabhängigkeit der deutschen Leitmedien machen zu können. Einen solch banalen wie geradezu lächerlich-naiven Vorfall aber überhaupt zum Anlass zu nehmen, um die eigene Unabhängigkeit zu preisen, ist allerdings nicht minder fragwürdig. Wer den Ruf hat, unabhängig zu berichten, kann einen derart stümperhaften Versuch der Einflussnahme souverän an sich abperlen lassen, ohne sich selbst auf die Schulter klopfen zu müssen.

Die Reaktion des ZDF auf den Anruf des CSU-Sprechers Michael Strepp zeigt jedoch, wie ungewöhnlich und auch ungewohnt klassische Manipulationsversuche vonseiten der Politik heute offensichtlich geworden sind. Sie sind auch kaum mehr notwendig, denn kritisches Potenzial lässt sich in den gängigen Medien ohnehin kaum festmachen. Die Zeiten, in denen dort „kritischer Berichterstattung“, die über die Skandalisierung von prominenten Fehltritten, die Dramatisierung von den Weltuntergang heraufbeschwörenden Umweltschutzversäumnissen oder aber die Zurschaustellung der vermeintlichen Rückständigkeit bildungsferner Schichten hinausgeht, ein prominenter Platz eingeräumt wurde, sind lange vorbei – mindestens ebenso lang übrigens wie die Zeiten, als der Bayrische Rundfunk sich 1986 aus politischen Gründen aus einer Übertragung der Kabarettsendung „Scheibenwischer“ ausblendete.

Das aktuelle Problem der Medien ist nicht die politisch motivierte und mit rabiaten Methoden durchgesetzte staatliche Zensur. Viel weiter verbreitet und deutlich wirksamer sind heute die Mechanismen einer ethisch-korrekten Selbstzensur, die gerade nicht als Beschränkung, sondern als Erweiterung des journalistischen Auftrags erscheinen. Das klassische journalistische Ethos ging davon aus, sich mit Ereignissen „nicht gemein zu machen“ und hierdurch die Distanz zu erzeugen, die eine neutrale und den Leser umfassend informierende Berichterstattung erst möglich macht. Diese Distanz gilt heute häufig als zu kalt und im negativen Sinne zu unbeteiligt. Viele Journalisten sehe es heute daher als ihre Aufgabe an, nicht nur zu berichten, sondern gewissermaßen berichtend zu helfen.

Der neutrale Nachrichtenjournalismus wird mehr und mehr durch einen parteiergreifenden und moralischen Aktionsjournalismus verdrängt. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass gerade zu den zentralen Themen unserer Zeit kaum mehr abweichende Positionen erkennbar sind, geschweige denn publiziert werden. Hinzukommt, dass nur wenige Journalisten in den großen Nachrichtenredaktionen heute noch den inhaltlichen Spielraum oder auch nur die Zeit zur Verfügung haben, sich in ein Thema so weit hineinzuarbeiten, als dass die Produkte ihrer Arbeit mehr zu bieten haben könnte als Oberflächlichkeiten. Die Umgestaltung von Redaktionen zu Profit-Centern und Zuarbeitern der Anzeigenverkaufsabteilung erzeugt ebenfalls einen internen und ökonomisch begründeten Konformitätszwang, in dem vom wohlfeilen Zeitgeist abweichende Beiträge kaum mehr Platz haben.

Es sind diese inneren Mechanismen und eben nicht parteipolitischer Druck von außen, die sowohl die zunehmende inhaltliche Austauschbarkeit als auch die atemberaubenden Oberflächlichkeit der „Berichterstattung“ („Wie fühlen Sie sich?“) befördert. Da kommt ein naiver politischer Beeinflussungsversuch von außen geradezu wie gerufen, um die eigene Unabhängigkeit endlich einmal wieder offensiv unter Beweis stellen zu können. Man hätte sonst fast vergessen, dass sie existiert – und früher als wichtig galt. Für George Orwell bestand die Aufgabe des Journalismus darin, gerade das zu veröffentlichen, was andere nicht veröffentlicht wissen wollen. Alles andere war für ihn PR. Von diesem Anspruch sind die deutschen Leitmedien heute Lichtjahre entfernt – auch ohne Michael Strepp.

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