Ein Besserwisser für Hamburg

Walter Scheuerl hat sich in der Hansestadt mit seiner Initiative „Wir wollen lernen“ als Frontmann gegen die Primarschule einen Namen gemacht. Bei den bevorstehenden Neuwahlen kandidiert er für die CDU – auch wenn er lieber eine eigene Partei gegründet hätte.

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Im vergangenen Spätsommer ist Walter Scheuerl mit seiner Familie nach Frankreich in den Urlaub gefahren. Es war kurz nach dem Volksentscheid gegen die Primarschule in Hamburg, und Scheuerl hatte ein Ferienhaus gebucht – was sicherlich eine gute Entscheidung war. Denn sonst hätte man sich vorstellen können, wie er in kurzen Hosen und Anzugshemd vor einem Hotelmanager steht und höflich, aber bestimmt Widerspruch dagegen einlegt, dass am Frühstücksbuffet von gekochten Eiern auf Rührei umgestellt werden soll. Wobei er darauf hinweisen würde, dass der gesamte Westflügel des Hotels in dieser Sache bereits hinter ihm stehe. Zur Not auch schriftlich. Walter Scheuerl, in Erlangen geboren und in Hamburg aufgewachsen, ist promovierter Rechtsanwalt und Partner in der Hamburger Kanzlei Graf von Westphalen. Er weiß nur allzu genau, wie man Rechte verteidigt – wenn nicht die seiner Mandanten, dann mit Vorliebe auch seine eigenen. So wurde er spätestens im Juli bundesweit bekannt. Als selbst ernannter Anwalt der Gymnasien, als Gesicht der Volksinitiative „Wir wollen lernen“, mit der er die Einführung der sechsjährigen Primarschule, das politische Vorzeigeprojekt der schwarz-grünen Regierung im Hamburger Rathaus, per Volksentscheid stoppte. Und zwar mit bemerkenswerter Unterstützung, auch der Eltern aus dem eher besser situierten Hamburger Westen. Eine Sensation war das. Seitdem hat der Vater zweier Kinder, 15 und 17 Jahre alt, Schüler eines Gymnasiums, an dem er seit acht Jahren im Elternrat sitzt (mehr möchte er nicht preisgeben, das gilt auch für den Beruf seiner Frau), eine Art Prominentenstatus auf der politischen Bühne. „Politikerschreck“ wurde der Mann aus dem schicken Stadtteil Blankenese genannt, durchaus ehrfürchtig. Zeitungen titelten „Albtraum der Schulsenatorin“. Sein Vater Hans Scheuerl, ein bekannter Erziehungswissenschaftler an der Hamburger Uni, wäre sicher stolz gewesen, auch er war ein Verfechter des gegliederten Schulsystems. Da störte es wohl auch nicht, dass die Gegner von Walter Scheuerl, von denen er im Übrigen mindestens so viele hat wie Mitstreiter, ihm „Bildungsegoismus“ und einen „Gucci-Protest“ vorwarfen. Dieser Protest wirkte offenbar beflügelnd, denn nach dem Sieg über die Schulreform meldete sich Scheuerl plötzlich auch zu anderen Themen zu Wort: zur drohenden Schließung des Altonaer Museums etwa, zu der geplanten Stadtbahn und zu dem Versuch einer anderen Volksinitiative, die Kitagebühren abzuschaffen. Zu allem Möglichen also. Noch im April hatte Scheuerl beteuert, sich nach dem Volksentscheid aus der Politik zurückzuziehen. Er sei Anwalt, kein Politiker. Ein halbes Jahr später war von Parteigründung die Rede. Der politische Erfolg, vergleichsweise einfach errungen, hat Walter Scheuerl auf den Geschmack gebracht. Seinen Namen in der Zeitung zu lesen, das scheint dem Mann mit der runden Hornbrille nicht gerade unangenehm zu sein. Ebenso wenig die Aussicht auf ein Bürgerschaftsmandat. Was nicht heißen soll, dass Walter Scheuerl ein emotional Getriebener ist. Der Fachmann für Medienrecht ist Profi. Für seine Anti-Schulreform-Kampagne ist er beruflich deutlich kürzer getreten, die Organisation stimmte von vorne bis hinten. Scheuerl kennt stets die Sachlage, er redet auf den Punkt, und wenn er diskutiert, was er gerne tut, lässt er sein Gegenüber durchaus spüren, dass er rhetorisch überlegen ist. Die ehemalige Schulsenatorin Christa Goetsch von Bündnis90 / Die Grünen musste das in so manchem Streitgespräch zur Kenntnis nehmen. Dass er als Anwalt den Textildiscounter Kik gegen Vorwürfe ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse ebenso vertrat wie Betreiber von „Legehennenbatterien“, brachte ihm Kritik ein. Und doch perlte sie von ihm ab, ohne für größere Aufregung zu sorgen. Walter Scheuerl ist einer, dem es gelingt, die Menschen zu mobilisieren, was ihn im politischen Betrieb der Hansestadt zu einem ernst zu nehmenden Gegner macht. Deshalb hat sich die Hamburger CDU an eine alte Volksweisheit erinnert: Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, dann mache ihn dir zum Freund. Zu den vorgezogenen Neuwahlen am 20. Februar – inzwischen ist das schwarz-grüne Bündnis geplatzt, was auch an Scheuerls Erfolg lag – wird Walter Scheuerl auf der Liste der Christdemokraten antreten. Als unparteiischer Kandidat, aber unter der Flagge von Bürgermeister Christoph Ahlhaus. Aus Sicht der CDU ein geschickter Schachzug: Nachdem die angeblichen Zwänge des Koalitionsvertrags weggefallen sind, will sie sich wieder auf ihre Stammwählerschaft zubewegen – und die hängt nun einmal an ihrem Gymnasium. Aus der Sicht von Scheuerl, der sich selbst als der sozialliberalen bürgerlichen Mitte zugehörig versteht, ist die Angelegenheit komplexer, doch passt sie ganz gut zu seiner Art: Eine Parteigründung wäre in der Kürze der Zeit nicht machbar gewesen – das Bürgerschaftsmandat bleibt auf diese Weise trotzdem möglich. Wenngleich er es wahrscheinlich nur in den Reihen der Opposition wird ausüben können, aber gerade dort hat Scheuerl noch viel bessere Möglichkeiten, sich zu Wort zu melden. Zu allem Möglichen. Und das ist es, was er will. Also griff er, um bei den Volksweisheiten zu bleiben, nach dem Spatz und ließ die Taube in Form einer eigenen Partei auf dem Dach. Doch er wird sie die kommenden vier Jahre mit Sicherheit im Auge behalten.

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