Dr. Bundestag

Im Deutschen Bundestag gibt es viel mehr Doktoren als Ärzte. Die meisten sitzen in den Reihen der FDP, die wenigsten bei den Grünen. Dass die Doktorarbeit von Helmut Kohl verschwunden sein soll, ist übrigens ein Gerücht.

Im Juni 1983 wurde das Rektorat der Universität Heidelberg durch einen Anruf des Bundeskanzleramts aufgeschreckt. Das Anliegen der hohen Stelle: Man möge die Dissertation von Helmut Kohl – der Kanzler hatte 1958 in Heidelberg über „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“ promoviert – für einige Tage aus dem Historischen Seminar und der Universitätsbibliothek entfernen. Es gebe Hinweise, dass linksextremistische studentische Kreise planten, das Werk für eine Diffamierungskampagne zu missbrauchen. Kaum war das Rektorat der Bitte eilfertig nachgekommen, entpuppte sich der vermeintliche Anrufer aus dem Kanzleramt als freier Mitarbeiter des linken Studentenmagazins Rote Blätter. Die Presse wurde aufmerksam, die Universitätsleitung stand in keinem guten Licht da. Die Neugier der Studenten war geweckt. Kaum standen die Pflichtexemplare der Kohlschen Arbeit wieder in den Bücherregalen, setzte ein wahrer Ansturm auf sie ein. Von einem solch regen Interesse an seiner zeitgeschichtlichen Abhandlung hätte der Doktorand Kohl im Jahr 1958 sicherlich nicht zu träumen gewagt. Der Vorfall selbst ist längst vergessen. Hartnäckig gehalten hat sich aber bis heute das Gerücht, die Doktorarbeit von Kohl sei verschwunden. Und so schlummert das Werk weiter ungelesen in den Bibliotheken. Schade eigentlich. Denn es steht durchaus Bemerkenswertes drin – etwa Kohls bisweilen kuriose Beschreibungen der pfälzischen Mentalität, die sich wie eine Selbstcharakterisierung lesen. So ist laut Kohl „die Atmosphäre typisch pfälzisch, in der sich die Beziehungen zwischen den Parteien abspielten, d.h. die zu beobachtende ‚Tuchfühlung‘ zwischen den Parteiführern“. War es nicht Kohl, der diese angebliche pfälzische Eigenart Jahrzehnte später zum Weltpolitik gestaltenden Prinzip erhob? Seinen Höhepunkt erreichte es in Kohls gemeinsamen Saunabesuchen mit Boris Jelzin. Doktorarbeiten von Politikern – der Fall Kohl weist darauf hin – können also durchaus aufschlussreich sein. Die meisten Politiker halten sich allerdings mit Aussagen über ihre akademischen Meriten vornehm zurück. Abgesehen von Ludger Volmer. Der Grünen-Politiker und ehemalige Staatsminister im Auswärtigen Amt vertreibt über sein Abgeordnetenbüro in Berlin einige Restexemplare seiner Dissertation „Die Grünen und die Außenpolitik – ein schwieriges Verhältnis“ zum Sonderpreis von 20 Euro. Unter die Rubrik „zweifelhafte Nebeneinkünfte“ fällt das zwar nicht. Doch der reflexartige Verdacht, hier werde etwas vermischt, was besser getrennt bliebe – persönliches Involviertsein einerseits, Anspruch auf wissenschaftliche Unvoreingenommenheit andererseits – bestätigt sich bei der Lektüre. Ein paar Spitzen gegen Parteifreund Joschka Fischer und dessen „bellizistischen“ Kreis hier, ein bisschen Widerstandskämpfer-Pathos dort – der Leser erfährt beispielsweise, dass Volmer 1987 in Chile in die Fänge der Geheimpolizei geriet und, kaum war er ihr entronnen, durch seine Teilnahme an einer verbotenen Untergrundversammlung Festnahmen und Blutvergießen verhinderte – sowie etliche von ihm initiierte Grundsatzerklärungen, die allesamt Parteigeschichte schrieben – nein, der Gefahr der „ganz gemeinen Eitelkeit“, die nach einem im Vorwort zitierten Ausspruch Max Webers die „Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz“ ist, ist Ludger Volmer nicht immer entgangen.

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