Dorothee Bär - Stark durch ihre Gegensätze

Sie wurde schon heimliche Internetministerin genannt. Aber nun soll sich Dorothee Bär erst mal um Lkw-Fahrer kümmern. Kein Problem. Die CSU-Politikerin liebt Kontraste 

Mal ist sie wortgewaltige Kämpferin für ein traditionelles Familienbild, dann gefällt sie sich in der Rolle der "CSU-Piratin"
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Autoreninfo

Christoph Seils ist Ressortleiter „Berliner Republik“ von Cicero. Im Januar 2011 ist im wjs-Verlag sein Buch Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien erschienen.

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Sie stahl sich davon. In Berlin wurde noch um letzte Details des Koalitionsvertrags gerungen, aber auf dass Depeche-Mode-Konzert wollte Dorothee Bär nicht verzichten. Elektropop statt Mütterrente. Also half im November nur eine kleine Ausflucht, eine vorgeschobene Terminnot. Die CSU-Politikerin sang mit, klatschte, feierte mit 15 000 anderen Fans. Auch wenn Dave Gahan und Martin Gore ihren Lieblingssong „Somebody“ nicht anstimmten.

Zu einer konservativen Hoffnungsträgerin passt so ein Ausflug nicht so recht. Dorothee Bär weiß das. Aber sie spielt mit solchen Gegensätzen. Sie gefällt sich in der Rolle der „CSU-Piratin“, die sich für Netzneutralität und gegen Vorratsdatenspeicherung engagiert. Dann ist sie wieder wortgewaltige Kämpferin für ein traditionelles Familienbild. Mal trägt sie im Büro eine Lederjacke, mal ein biederes Kostüm. Mal reflektiert sie nachdenklich über die Frauenquote, dann wettert sie wieder gegen „sozialistische Weltverbesserer“. „Ich war als Jugendliche Fan von Campino von den Toten Hosen“, sagt sie und fügt schnell hinzu: „aber auch von Reinhard Fendrich.“

Die "Twittertussi"
 

Dorothee Bär hat erkannt: Die Gegensätze stärken sie. Je krasser die Kontraste, desto interessanter. Auch wenn diesmal noch verdiente Herren der Partei zum Zuge kamen, Gerd Müller als Entwicklungs- oder Christian Schmidt als Landwirtschaftsminister: Bär ist eine Antwort darauf, wie die CSU in Zukunft aussehen könnte.

Kleine Irritationen bei Parteisenioren, die sie gelegentlich als „Twittertussi“ verspotten, gehören zum Spiel. Aus der Netzpolitik hat sie einen Markenkern gemacht. Betreuungsgeld kann jeder in der CSU, aber wer durchdenkt schon das Internet? Früh hat sie die politische Dimension des Netzes erkannt. Und sie zwitscherte und postete früh in den sozialen Netzwerken. Sie begriff, dass Twitter und Facebook ihrer Politik eine persönliche Note geben können, ohne dass sie dem Boulevard die Haustür öffnen muss. Wenn andere abends Bier trinken gehen, spielt sie zur Entspannung Counterstrike, Grand Theft Auto oder Quiz up.

Für ihre 35 Jahre hat sie es weit gebracht. Mit 14 trat sie im fränkischen Ebelsbach in die Junge Union ein, mit 16 in die CSU, mit 21 war sie bayerische Vorsitzende des Ringes Christlich‑Demokratischer Studenten. 2002 kam sie in den Bundestag, mit 24, die jüngste CSU-Abgeordnete aller Zeiten. So jung war Dorothee Bär, dass sie drei Wahlperioden lang das Küken der CSU im Bundestag blieb.
 

Alte Männer, die verstanden haben, dass die CSU keine Männerpartei bleiben darf, bahnten ihr den Weg. Edmund Stoiber hat ihr Talent einst entdeckt, Horst Seehofer sie viele Jahre gefördert. „Wertkonservativ“ – das war ihr Ticket in die Politik. Den rechten CDU-Haudegen Norbert Geis wählte sie zu ihrem Vorbild.

„Die Partei hat immer recht“, so steht es auf einer Postkarte, die an der Tür ihres Bundestagsbüros klebt. Oder vielleicht doch nicht? Bei der Vorratsdatenspeicherung und der Frauenquote war es anders. Auch bei der Frage, ob die Pille danach ohne Rezept abgegeben werden sollte, wirkt Bär nachdenklicher als die Parteilinie. Und 2017 wäre ein Bündnis mit den Grünen für sie „keine große Überraschung“ mehr. Ihre Mitarbeiter hätten gespottet, „je älter desto liberaler“, erzählt Dorothee Bär, und etwas erschrocken war sie da schon. „Ich bin lieber eine Konservative“, sagt sie.

Sie hat ihre Karriere organisiert, scheinbar nebenbei Politikwissenschaft studiert und drei Kinder bekommen. In den vergangenen vier Jahren war sie stellvertretende CSU-Generalsekretärin hinter Alexander Dobrindt. Die Belobigung folgte am 17. Dezember 2013, als sie parlamentarische Staatssekretärin wurde im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur – wieder bei Dobrindt. Häufig ist der Job hinter dem Minister für Politiker eine Sackgasse. Bei Bär ist das anders, sie hat noch etwas vor.

Nun ist sie Logistikbeauftragte


Weil sie sich mit der neuen Zuständigkeit des Ressorts auskennt, wurde sie bereits die heimliche Internetministerin genannt. Die Idee, alle netzpolitischen Aktivitäten der Regierung in einem Haus zu bündeln, hat etwas Bestechendes. Doch daraus wird nichts. Um die Netzpolitik rangeln gleich vier Ministerien: Innen und Justiz, Wirtschaft und Verkehr. Selbst das Bildungsministerium will bei der Digitalen Agenda mitreden.

Dorothee Bär hat gleich noch einen Job bekommen, im Januar wurde sie zur Logistikbeauftragten der Bundesregierung ernannt. Leergewicht und Nutzlast statt Bits und Bytes. Da sitzt sie nun in einem der schweren schwarzen Sessel in ihrem neuen Berliner Büro. Die Franz-Josef-Strauß-Büste im Regal wirkt etwas verloren. Aber sie schwärmt von der neuen Aufgabe, diese mache ihr „viel Spaß“, werde „völlig unterschätzt“. Ganz so, als habe sie nie etwas anderes machen wollen, als sich um Trucker und Brummis, um Stellplätze und Verkehrsleitsysteme zu kümmern, um eine Welt, die von Kerlen dominiert wird. Das schreckt sie nicht: „Das kenn ich aus der Politik nicht anders.“ Auch nicht aus der CSU.

 

 

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