Dirk war unser Dicki

Dirk Niebel begann seine Karriere in Dockenhuden, spielte „Mensch ärgere dich nicht“ und feierte seinen zehnten Geburtstag mit Würstchen und Kartoffelsalat – Kindheitserinnerungen an den neuen Generalsekretär der FDP.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel
() FDP-Generalsekretär Dirk Niebel
Im Herbst 1970 war ich nach einem Umzug von Berlin in Hamburg Blankenese in die Grundschule Dockenhuden in die 2. Klasse eingeschult worden. In der ersten Stunde hatte die Lehrerin mich der Klasse vorgestellt, in der Pause auf dem sonnenbeschienenen Steinschulhof, die Blätter der Bäume waren noch grün, gab es die ersten Begutachtungen mit den Jungs und Mädchen der Klasse. Ein Junge wurde ein bisschen gehänselt. Der Grund: Er war dick und wurde Dick oder Dicki genannt. Er war ein bisschen schüchtern und verschlossen. Er hieß Dirk Niebel. Eines Tages lud er mich zu seinem Geburtstag ein, es war am 29. März 1973. Anders als die meisten verwöhnten Blankeneser Schulkameraden wohnte er nicht in einer Villa mit einem großen Garten, sondern in einer kleineren Mietswohnung. Wir tollten an diesem Nachmittag wie die Wilden in seinem Zimmer, in dem die Geburtstagsfeier stattfand – er wurde zehn Jahre alt –, herum und spielten „Mensch ärgere dich nicht“ und machten auch eine dicke Kissenschlacht. Dirk Niebel entpuppte sich als viel freier, offener und selbstbewusster, als ich ihn in der Schule bisher erlebt hatte. Am Abend gab’s zum Abschluss Würstchen mit Kartoffelsalat. Im Juni 1973 beendeten wir die Grundschule und gingen auf verschiedene Gymnasien. Man sieht sich immer zwei Mal im Leben, denke ich, als ich meinen Personalausweis vom Pförtner nach kurzer Kontrolle zurückerhalte. Während ich meine sieben Sachen für das Interview wieder einsammele, sagt eine sehr ruhige und gewinnende Stimme: „Hallo Bettina. Ich nehme mal das Stativ.“ Ich drehe mich um, ergreife die ausgestreckte Hand und sehe in das offene, Kontakt aufnehmende und erwachsene Gesicht eines äußerst schlanken Vierzigers, den ich das letzte Mal vor 32 Jahren auf dem Schulhof gesehen hatte. „Hallo Dirk.“ Dirk Niebel erzählt mir, was er in der „Zwischenzeit“ gemacht hat, seitdem wir uns nicht gesehen haben. „Nach einer Ehrenrunde – Latein sechs, da war nichts zu machen – auf dem Gymnasium bin ich auf unsere alte Schule zurückgekehrt, habe dort die mittlere Reife gemacht, dann mein Abitur auf einem Fachgymnasium in Hamburg Bahrenfeld.“ Es folgte, wie ich erfahre, ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Was ihn nachhaltig prägt – bis heute ist er Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe. Danach verpflichtete sich Dirk Niebel für acht Jahre bei der Bundeswehr, wo er zu den Fallschirmjägern stieß und seit 13 Jahren ist er verheiratet und hat drei „Junx“, wie er mir als alter Hamburger bereits in einer E-Mail geschrieben hatte. Schließlich studierte er an der FH Mannheim „Verwaltung“ und fing 1993 sein ziviles Berufsleben als Arbeitsvermittler beim Arbeitsamt Heidelberg an. Dann begann er seine politische Karriere bei der FDP. Er gründet mit Anderen die Jungliberalen in Heidelberg und zieht 1998 für die FDP in den deutschen Bundestag ein, wo er alsbald der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Fraktion wird. Er wird Vorsitzender der FDP-Landesgruppe Baden-Württemberg und 2003 in den Bundesvorstand der FDP gewählt. Nun ist er sogar Generalsekretär der FDP geworden. Westerwelles Mann. Ihm ähnlich, als schneidiger Jungdynamiker, sagen viele. Aber sie irren gewaltig. Denn Niebel ist ein Gegenstück zum schillernden Chef. Es sind weniger die Inhalte als die Art und Weise, mit der Dirk Niebel seine Linie vertritt, die ihn zum Anti-Westerwelle macht. Polarisierung und Klamauk sind seine Sache nicht. Niebel versteht es, mit ruhiger Sympathiewerbung Menschen für die FDP-Linie einzufangen, die nicht einmal merken, dass er die Angel nach ihnen ausgeworfen hat. Er ist eher ein besonnener Mensch, der nicht unter dem Druck steht, seine Meinung unbedingt durchsetzen zu müssen. Er wirkt wie jemand, der bereit ist dazuzulernen. Der bei Westerwelle zu beobachtende Hang zu monologisieren ist etwas, was Niebel auf eine angenehme Art fehlt. Seine Disziplin scheint er weniger aus der Schulzeit als von den Fallschirmspringern zu haben, die gemeinhin in dem Ruf stehen, knallharte Burschen zu sein. Davon allerdings ist bei Niebel wenig zu bemerken. Hier könnte sein Erfolgsgeheimnis liegen: dass er nämlich einer ist, der durch seine friedliche Art Gegner durchaus zu dem Missverständnis verleiten könnte, ihn zu unterschätzen. Für jemand, der die erste Hälfte seines Lebens in Hamburg verbracht hat, ist ihm kaum noch etwas Norddeutsches anzumerken. Er ist baden-württembergischer, als die Polizei erlaubt, und vertritt seinen Wahlkreis Heidelberg-Weinheim so, als hätte der Klapperstorch ihn aus dem Neckar gefischt. Er – unser einstiger Dicki – hat vor nicht allzu langer Zeit über vierzig Kilo abgenommen, bekennt er fröhlich, aber auch engagiert, und springt auf, um mir seine Diätpläne zu zeigen, die an einer Schrankwand befestigt sind. „Was muss, das muss“, und sei es eben, dass jetzt mal nichts gegessen werden darf. Es scheint so, als wenn der Niebel von damals mit dem Niebel von heute nichts gemein hat. Hier hat sich jemand aus eigener Kraft seinen Weg nach oben gebahnt. So libertär seine Positionen sind, so selbstverständlich menschlich ist sein Charakter geblieben, was ihn für soziale Belange offen macht. In den schwierigen Zeiten, in denen sich die FDP befindet, könnte Dirk Niebel auf seinem neuen Posten der richtige Mann sein, das bisher vielleicht fehlende Komplement zu Westerwelle.

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