Digital Native: - Auch wir wollen unsere Privatsphäre

Den digital natives ist die NSA-Überwachung alles andere als egal. Eine Replik

Zwei junge Männer demonstrieren gegen die NSA-Überwachung in Hannover
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Haan, Yannick

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Ja, es stimmt: Meine Generation, die so genannten digital natives, haben ein anderes Verständnis von Privatsphäre. Auch ich gebe gerne und freiwillig vieles aus meinem Leben preis. Ich habe mittlerweile knapp 5200 Tweets auf Twitter geschrieben, mich an vielen Orten eingeloggt, schreibe oft auf Facebook, wie ich mich fühle oder teile mit, welche Musik ich gerade höre.

In seiner Kolumne schreibt Alexander Kissler über meine Generation: „Gerade weil dem so ist, weil Kind und Teen, Twen und Mannesmann und Lady und Hausfrau, Arbeiter und Arbeitslose längst online leben, lässt der Skandal sie kalt. Wer kein digitaler Utopist mehr ist, der hat mit der Muttermilch die eine Botschaft aufgezogen: Privatheit war gestern, mach‘ dich öffentlich. Zeige dich. Nur wer gesehen wird, der lebt.“

Wer von außen auf diese Generation schaut, mag vielleicht den Eindruck haben, dass Privatsphäre uns nicht mehr wichtig ist. Doch dies ist ein absolut falscher Eindruck: Obwohl junge Menschen viel preisgeben, fordern sie auch weiterhin Schutzräume zum Kommunizieren. Da ist das 15-jährige Mädchen mit Essstörung, das sich nur im Schutze der Anonymität des Internets traut, Beratung zu suchen. Da ist der 14-jährige Junge, der merkt, dass er sich eher von Männern angezogen fühlt und sich nicht traut, dies mit seinen Eltern oder Klassenkameraden zu besprechen. Es gibt viele, sehr unterschiedliche, sehr persönliche, aber auch politische Gründe, warum wir weiterhin eine Privatsphäre im Internet brauchen, gerade für Jugendliche.

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In meiner Wohnung hängen Gardinen. Die kann ich entweder zuziehen oder öffnen. Je nach Laune und je nach dem, was ich gerade tue. Ähnlich ist das im Internet: Obwohl ich sehr viel aus meinem Leben mit vielen Menschen online teile, will ich trotzdem nicht, dass jeder meine Suchanfragen bei Google sehen oder bei meinen Online-Chats mitlesen kann. Und falls doch, dann will ich das bitte selber entscheiden können.

Nun ist es schon schlimm genug, wenn mich private Firmen wie Google oder Facebook überwachen und mir keine Privatsphäre zugestehen. Immerhin kann ich mich da noch abmelden. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn dies der Staat tut. Hier kann ich mich nicht einfach abmelden. Der Staat besitzt das Gewaltmonopol und überwacht meist im Verdeckten. Wenn, wie am Mittwoch bekannt wurde, die NSA den gesamten Internetverkehr in Echtzeit überwachen kann, dann lässt das niemanden kalt, schon gar nicht die, deren Leben online stattfindet, die digital natives.

Und ja, es stimmt: Am letzten Samstag waren „nur“ einige Tausend Menschen auf der Straße. Anders als bei klaren politischen Abstimmungen fehlt hier aber auch der politische Gegner. Es steht keine politische Entscheidung an und viele fühlen einfach eine große Ohnmacht gegenüber dieser Überwachung.

Digital natives pflegen einen neuen Umgang mit Öffentlichkeit. Man sollte aber nicht den Fehler machen und daraus schließen, dass uns Privatsphäre egal ist. Mario Sixtus hat dies vor einigen Tagen in einem Tweet gut auf den Punkt gebracht: „Wer datenfreigiebigen Menschen das Recht auf Datenschutz abspricht, gesteht sexfreudigen Menschen auch keinen Schutz vor Vergewaltigung zu.“

Der Autor ist 1986 geboren und studiert derzeit Intercultural Communication Studies an der Europa-Universität Viadrina. Er engagiert sich seit mehreren Jahren in der Netzpolitik, unter anderem ist er Sprecher des Forums Netzpolitik in der Berliner SPD. Zuletzt erschien sein Buch „Gesellschaft im digitalen Wandel“.

 

 

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