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Die Wahlbeobachter - Der Wolf und die roten Socken

Früher warnten die anderen Parteien immer wieder vor den Linken. Das ging daneben - und brachte nichts. Heute steht fest: Ein rot-rot-grünes Bündnis ist wahrscheinlicher denn je

Autoreninfo

Malte Lehming ist Autor und Leitender Redakteur des Berliner "Tagesspiegels".

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Der Wolf kommt entweder dann, wenn die Warnungen vor ihm keiner mehr ernst nimmt – oder wenn keiner mehr vor ihm warnt. Höchste Zeit also, an die Rote-Socken-Kampagne der CDU im Bundestagswahlkampf 1994 zu erinnern. Zu sehen war eine Wäscheleine, an der an einer grünen Klammer eine rote Socke baumelte. Die Botschaft: Rot-Grün wird mit der PDS koalieren oder lässt sich von den Postsozialisten tolerieren. Neu aufgelegt wurde die Kampagne vier Jahre später als Patschehändchen-Plakat: der Händedruck zwischen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl mit der Mahnung: „Aufpassen Deutschland!“

Interessant an den Kampagnen ist, dass sie nichts brachten. Zu platt, zu gestrig, zu unwahrscheinlich, zu anti-ostdeutsch. Inzwischen gilt als Konsens, dass jede Wiederholung der Warnung vor Rot-Rot-Grün eine Frischzellenkur für die Linke und ein Stimmabgabemotivator für lethargische Sozialdemokraten wäre. Also Finger davon! Und hat nicht die SPD-Führung ein solches Bündnis nach dem 22. September oft genug ausgeschlossen?

An dieser Stelle fängt die Sache an, interessant zu werden. Denn in Wahrheit ist ein rot-rot-grünes Bündnis heute wahrscheinlicher, als es jemals zuvor war. Der Kopfschüttelreflex verstellt den Blick auf einige fundamentale Veränderungen. Da ist, erstens, der Abgang von Oskar Lafontaine. Nicht nur Günter Grass sah in ihm stets den schmierigen Verräter, der das größte Hemmnis auf dem Weg zu einer Annäherung von SPD und Linkspartei sei. Ohne Lafontaine fehlt der Abgrenzung das affektive Moment. Über unterschiedliche und gemeinsame Inhalte könnten sich Sigmar Gabriel und Katja Kipping problemlos verständigen.

Da ist, zweitens, das Trauma der großen Koalition. Zusammengefaltet, eingetütet, bis zur Bedeutungslosigkeit von Angela Merkel eingemeindet. Der Schwanz sein, mit dem der Hund wedelt: Das wollen die Genossen nicht noch einmal erleben. Mit geballter Faust in der Hosentasche murmeln sie den Nie-Wieder-Schwur.

Da sind, drittens, Andrea Ypsilanti und Hannelore Kraft. Ypsilanti fiel 2008 mit ihrem Wortbruch zwar krachend auf die Nase, aber der Sonderparteitag der hessischen SPD hatte ihren geplanten Kursschwenk mit knapp 96 Prozent der Stimmen abgesegnet. Ein stolzes Ergebnis. Zwei Jahre später zeigte dann Kraft in Nordrhein-Westfalen, wie’s richtig geht. Rot-Grün hatte die absolute Mehrheit verfehlt, konnte aber mit Hilfe der Linkspartei als Minderheitsregierung die amtierende Truppe von Jürgen Rüttgers in die Opposition zwingen. Zwei Jahre später fanden vorgezogene Neuwahlen statt, die Ministerpräsidentin legte durch den Amtsbonus zu und konnte fortan mit den Grünen ohne Linkspartei regieren.

Das führt, viertens, zur SPD und Merkel. Gabriel weiß, dass die CDU ohne Merkel nur noch ein Torso ist. Wenn es der SPD gelingt, mit welchen Tricks auch immer, die Kanzlerin zu entmachten, fällt ihr die politische Zukunft – wie einst Hannelore Kraft – in den Schoß. Andernfalls wäre die Perspektivlosigkeit perpetuiert. Opposition aber ist Mist. Daher der Plan des SPD-Vorsitzenden, unmittelbar nach der Wahl einen Parteikonvent einzuberufen. An der Basis und in der mittleren Funktionärsebene ist Rot-Rot Grün kein Schreckgespenst.

Zumal, fünftens, Rot-Rot-Grün bereits jetzt eine Mehrheit im Bundesrat hat, also im Gegensatz etwa zu Schwarz-Grün Politik gestalten und durchsetzen könnte. Das würde die mögliche Labilität einer solchen Koalition ausgleichen.

Bleiben als Unsicherheitsfaktor allein die Grünen. Sie haben einst das Erbe der DDR-Bürgerrechtsbewegung „Bündnis 90“ angetreten, mussten sich aber noch nie entscheiden, ob sie mit der Nachnachnachfolgepartei der SED gemeinsame Sache machen wollen. Doch womöglich gilt für sie das, was Gregor Gysi kürzlich sagte: „Die Grünen sind so scharf aufs Regieren, die werden viele Kompromisse eingehen. Sie würden wohl auch Schwarz-Grün machen. Bei uns müssten sie einige Kröten schlucken.“

Die Geschichte vom Wolf und dem Hirtenjungen endet übrigens so: „Eines Herbstabends, als sich der Hirtenjunge mit den Schafen auf den Heimweg machen wollte, kam tatsächlich ein Wolf. Der Bursche schrie voller Angst: ,Der Wolf! Der Wolf will eines der Schafe holen!’ Doch diesmal kam nicht ein einziger Bauer. Und so trieb der Wolf die Schafe in die Berge und fraß sie alle auf.“

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