Europa in der Krise - Die neue Angst vor Deutschland

Eben noch galten wir als glänzendes Vorbild für unsere Nachbarn – doch je mehr die Eurokrise sich zuspitzt, desto schneller wachsen im Ausland alte Ressentiments. Dabei können nur alle verlieren, wenn Deutschland sich kleiner macht als es ist
 

(picture alliance)

 

Diesen Text finden Sie auch in der neuen Ausgabe des Cicero - jetzt am Kiosk zu kaufen oder hier zu bestellen.

 

 

Das waren noch Zeiten. Im März 2011 ergab ausgerechnet eine Umfrage der britischen BBC, Deutschland sei „das beliebteste Land“ weltweit – noch vor Großbritannien, das auf dem zweiten Platz landete. Ja genau, Deutschland, jene Nation, die immer noch gern mit der Trias aus Hitler, Panzer & Sauerkraut identifiziert wird, mit preußischer Humorlosigkeit und streberhafter Arbeitswut. Doch spätestens seit dem „Sommermärchen“ der Fußballweltmeisterschaft 2006 hatte sich das germanophobe Image gedreht – nun standen nicht nur die multikulturellen Ballhelden für eine neue deutsche Leichtigkeit, die Spiellust mit Effizienz verband, Heiterkeit mit Disziplin und Kampfkraft. Selbst der schwarz-rot-goldene Fußballpatriotismus geriet nicht mehr unter Nationalismus-, gar Naziverdacht. Alles war gut, und golden glänzte die Sonne über dem Land. Die Welt staunte.

„Nie war Deutschland entspannter als heute“, urteilt die Neue Zürcher Zeitung. „Die Gespenster der Vergangenheit, der Nationalsozialismus und die Teilung der Nation, sind nicht gänzlich verschwunden, doch ziehen sie die Gegenwart nicht mehr in ihren Bann.“ Damit nicht genug: Bewundert wird die Geschwindigkeit, mit der die deutsche Wirtschaft aus der Krise herausfand. Vor allem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kann nicht oft genug das „Modell Deutschland“ preisen, während junge arbeitslose Akademiker aus Griechenland, Spanien, Portugal und Italien gen Norden wandern, ins gelobte Land der Germanen.

Doch plötzlich dreht sich der Wind. Le Monde fragt: „Gibt es eine Welle der Germanophobie in Europa?“ Vielerorts heißt es, nun würden die Deutschen in der Eurokrise erreichen, was ihnen im Zweiten Weltkrieg verwehrt blieb – die „Herrschaft über Europa“. Traditionell am härtesten fällt die Rhetorik der englischen Boulevardpresse aus, die sowieso jeden zweiten Tag das „Vierte Reich“ heraufziehen sieht. In Anspielung auf ihre einstige FDJ-Mitgliedschaft nennt die Daily Mail Angela Merkel „die kleine Kommunistin, die zur mächtigsten Frau Europas wurde“.

Plötzlich ist er also wieder da, der hässliche Deutsche – übermächtig, eigensinnig und halsstarrig. „Deutschland über alles“, hämt Il Foglio, Berlusconis Hauszeitung. La Stampa nennt Angela Merkel „die Zarin der Europäischen Union“. Ihr Widerstand gegen Eurobonds wird als geradezu bösartige Verweigerungsstrategie interpretiert, die ganz Europa in den Abgrund reißen könnte. Hieß es eben noch: „Vorbild Deutschland!“ (siehe Cicero 1/2011), so gilt nun wieder: „Achtung, Deutschland!“

Jacques Attali, früher Chefberater des sozialistischen Staatspräsidenten François Mitterrand, bringt es auf den Punkt: „Heute ist es wieder an Deutschland, in seiner Hand die Waffe zum kollektiven Selbstmord des fortschrittlichsten Kontinents der Welt zu halten.“ Ganz offen ruft der sozialistische Spitzenpolitiker ­Arnaud Montebourg zur „Konfrontation mit dem deutschen Nationalismus“ und seiner „Bismarck’schen Politik“ auf, und seinen Parteigenossen Jean-Marie Le Guen erinnern die Treffen von Sarkozy und Merkel an „Daladier à Munich“ – an die Kapitulation des französischen Premierministers vor Adolf Hitler im Jahre 1938.

Die Londoner Times fasst gewohnt griffig zusammen: „Wenn Clausewitz recht hat, dass Krieg die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln ist, dann ist Deutschland wieder im Krieg mit Europa.“ Das Ziel: die „Unterwerfung fremder Völker“.

Wandelt Angela Merkel also auf den Spuren des großdeutschen Eroberungsdrangs? Wird Europa zum deutschen Protektorat? Kehren die Gespenster der unseligen Vergangenheit zurück?

Der Streit unter Historikern und Philosophen ist uralt: Besteht die Geschichte der Menschheit aus einem gigantischen Prozess des positiven, oft „dialektischen“ Fortschritts, der bei allen Rückschlägen, Komplikationen und Umwegen letztlich nicht aufzuhalten ist – oder unterliegt sie doch jenem schicksalhaften Prinzip von Werden und Vergehen, der ewigen Wiederkehr des Gleichen, gar eines Verhängnisses, das auch durch noch so viel zivilisatorische Errungenschaften nicht für immer gebannt werden kann?


Angesichts der europäischen Turbulenzen stellt sich die Frage ganz akut, und nicht wenige Auguren warnen vor einem Rückfall in Nationalismus und archaische Ressentiments. Könnte es also sein, dass ein möglicher Zerfall der Eurozone auch dramatische Rückschritte in Sachen europäischer Einigung insgesamt nach sich zöge? Vor allem aber: Was bedeutet das für Deutschland und seine künftige Rolle in Europa?

Jahrzehntelang, ganz gewiss bis zur Wiedervereinigung von 1990, hatte sich die Bundesrepublik in einer recht bequemen Doppelrolle eingerichtet: wirtschaftlich ein Riese, politisch ein Zwerg. Im Windschatten des rapiden ökonomischen Wiederaufstiegs und angesichts der ungeheuerlichen Naziverbrechen wurde eine neue weltpolitische Bescheidenheit kultiviert, die den Westmächten stets den entscheidenden Vortritt ließ. Deutschland verfügte über keine eigenen Atomwaffen und war ein treuer Partner der Nato und ihrer Führungsmacht Amerika. Auch in der Europäischen Union hielt man sich trotz aller Exportweltmeister-Lorbeeren mit allzu großen Ansprüchen zurück.

Das Kürzel BRD stand für eine rationale Selbstbegrenzung der postnazistischen Rumpfrepublik, die zum Konsens auch in der Gesellschaft geworden war. Identität als Anti-Identität. Nie wieder! Im Zweifel war die aufgeklärte Klasse eher dagegen als dafür. Wenn es irgend ging: raushalten. Vor allem Hände weg, wenn weit hinten die Völker aufeinanderschlagen. Frieden schaffen ohne Waffen – den lukrativen Rüstungsexporten zum Trotz.

Dazu gesellte sich das Phänomen jener skrupulösen Selbstbeschäftigung, die mit dem Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ nur grob umrissen ist. Vor allem auf der linken Seite des politischen Spektrums entwickelte sich eine Kultur des Selbstverdachts, die auch Jahrzehnte nach Hitlers Untergang den Ungeist der Nazis noch überall witterte, manchmal zu Recht, oft zu Unrecht. Das Selbstvertrauen der Deutschen in ihre ziemlich junge Demokratie wuchs jedenfalls nur langsam und mühevoll.

Die Revolte von 1968 samt ihren Folgen, darunter nicht zuletzt der RAF-Terror, stellte eine weitere Herausforderung an das prekäre Selbstbewusstsein der Bundesdeutschen dar, bevor die Grünen schließlich zum Modellfall einer gelungenen Integration außerparlamentarischer Protestbewegungen ins parlamentarische System wurden. Zum Ende der achtziger Jahre, am Vorabend des Mauerfalls, schien sich ein fast biedermeierlicher Ennui auszubreiten – trotz Waldsterben und Atomangst.

Zwischen Loriot-Sketchen, Toskana-Urlaub und „Wetten, dass …?“ hatte man sich recht gemütlich eingerichtet im stillen Winkel der Weltgeschichte. Der wachsende Wohlstand entschädigte für manch anderes, und so wuchs nicht nur die „Generation Golf“ in einem habituellen, saturiert-gutbürgerlichen Pazifismus auf, der zum wichtigen Bestandteil einer neuen „Identität“ avancierte. Der gute Deutsche war schlimmstenfalls ein bisschen langweilig. Mülltrennung ja, Marschieren nein. Ein historischer Fortschritt. Die Resozialisierung schien gelungen.

Doch so war es einigen Beobachtern auch wieder nicht recht.
„Dem Land fehlen Wille und Vorstellung, global zu agieren“, kritisierte die NZZ das allzu entspannte Deutschland, das sie eben noch gelobt hatte. Und es stimmt ja: Auch nach 1990 entwickelte sich eine neue Normalität – bis dahin stets ein verdächtiger Begriff – erst Schritt für Schritt. Die erbitterten Auseinandersetzungen über die deutsche Kriegsbeteiligung in Ex-Jugoslawien, Afghanistan und Nordafrika waren jeweils schmerzhafte Zäsuren auf dem Weg in eine neue weltpolitische Realität.

Bis heute, bis zu diesem Augenblick, da die Welt die Eurorettung offenbar aus Berlin erwartet, klaffen Außen- und Binnenwahrnehmung Deutschlands immer noch weit auseinander. Das alte Bild von der weltpolitisch harmlosen BRD ist tief im Bewusstsein der Bürger verankert, und während man immer noch brav gegen „Stuttgart 21“ und Castortransporte nach Gorleben protestiert, schaut die Welt erwartungsvoll auf dieses Land. Es ist aber genau dieser „Double-bind“ zwischen dem Wunsch nach und der Angst vor größerer Macht Deutschlands, der irritiert, ja verwirrt.

Dabei hat die Dialektik von Stärke und Schwäche, das Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung, die zweite deutsche Republik von Anfang an geprägt. Obwohl der Euro nicht zuletzt deshalb eingeführt wurde, um das stärkste Land unwiderruflich in die gemeinsame Zukunft Europas einzubinden, steht Deutschland zehn Jahre beinah wie ein Solitär da: ganz vorne auf der Bühne, sehr erfolgreich, aber ziemlich alleine. Deutschland, das neue Amerika?

Währenddessen haben sich die Hoffnungen auf die allmähliche Angleichung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der 17 Eurostaaten gerade nicht erfüllt. Das monetäre Stahlband der gemeinsamen Währung erwies sich eher als Transmissionsriemen des sozialökonomischen Auseinanderdriftens. Die Unterschiede haben sich vergrößert statt verkleinert. Nun scheint das Band dem Druck kaum mehr standzuhalten – allen Rettungsbemühungen zum Trotz. Allein Deutschland könnte schlimmstenfalls für rund 600 Milliarden Euro haften, Stand Ende 2011.

In gespenstischer Weise abstrakt wirken Überlegungen deutscher Intellektueller, die nach langem Schweigen nun zum großen Wurf, zur revolutionären Flucht nach vorn aufrufen. „Die Europäische Union lässt sich als entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer politisch verfassten Weltgesellschaft begreifen“, meint etwa Jürgen Habermas. „Transnationale Demokratie“ sei das hehre Ziel. Wie es zu verwirklichen ist, sagt er freilich nicht. Altdeutscher Idealismus, europäisch drapiert.

Es fällt auf, dass gerade die Philosophen eher unterkomplex argumentieren, weltfremd und in falschen Abstraktionen gefangen. Immerhin widersprach jüngst Fritz Scharpf, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, vehement der These, die Eurokrise sei gleichsam nur ein Zwischenstopp auf dem weiteren Weg zur Demokratisierung Europas. Im Gegenteil: Eine von oben erzwungene Vereinheitlichung führe eher in ein autoritäres, expertokratisches Super-Europa statt in die erträumte Bürgergesellschaft freier Europäer.

Und tatsächlich: Mit einem zentralen Fiskalunionsmonster in Brüssel, dessen Beamte womöglich in Athen, Lissabon und Rom wie Vertreter eines Reichsprotektorats auftreten, ist die zerklüftete Realität Europas gewiss nicht unter den Stahlhelm deutscher Haushaltsdisziplin zu pressen. Vor der entscheidenden Frage aber, wie viel Gemeinsamkeit in diesem wahrhaft multikulturellen Europa überhaupt möglich ist, drückt sich derzeit die politische Klasse.

Unzweifelhaft scheint nur, dass Deutschland in eine neue Rolle hineinwächst, die seinen Bürgern noch eher unheimlich ist. Dass es selbst führenden Politikern ähnlich geht, zeigte die semantische Übersprungshandlung von Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, als er sagte, jetzt werde „in Europa deutsch gesprochen“. Er meinte die „Schuldenbremse“, aber es war eine politische Dummheit erster Güte. Dennoch offenbarte sich hier nicht die Fratze jener „schädlichen deutschnationalen Kraftmeierei“, die Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag geißelte. Nationalistische Aufwallungen kommen nach wie vor überwiegend aus England, Frankreich und Griechenland – jederzeit abrufbare Reflexe im europäischen Druckkessel, Ventile für Angst, Frustration und Minderwertigkeitsgefühle.

Gerade deshalb aber sollte man nicht den Ratschlägen des Altbundeskanzlers folgen, der aufgrund der Nazivergangenheit jede deutsche Führungsrolle in Europa, und sei sie durch die ökonomische Realität noch so zwingend, nachdrücklich ablehnt und glaubt, die seit mehr als 20 Jahren wiedervereinte zweite deutsche Republik könne „auf absehbare Zeit kein normales Land“ sein.

Was denn aber sonst? Oder wie viel Jahrzehnte braucht es noch? Wer bestimmt das? Und was wäre dann, irgendwann, an Deutschland „normaler“ als heute? Schließlich: Wie sollen die Kinder von Millionen Migranten in einem Land aufwachsen, das sich selbst als „nicht normal“ empfindet?

Als Gerhard Schröder und Jacques Chirac sich am 6. Juni 2004, 60 Jahre nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie, brüderlich umarmten, schrieben die Kommentatoren, dies sei das endgültige Ende der Nachkriegszeit. Nun richte sich der Blick für immer nach vorn.

Zur Jahreswende 2011/2012 gilt das umso mehr. Das demokratische Deutschland ist erwachsen geworden und hat sich, zusammen mit Frankreich, als entscheidende Kraft in der Existenzkrise Europas zu bewähren, selbst wenn es dann nur noch das zweitbeliebteste Land der Welt sein sollte.

Es gibt auch eine Feigheit vor Freunden. Wer sich kleiner macht als er ist, verhält sich gerade nicht demütig und bescheiden, sondern wie ein opportunistischer Heuchler, der keine Verantwortung übernehmen will.

Ihm würde zu Recht niemand trauen.

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.