Die Frau hinter Mappus

Vor 19 Jahren kam sie aus Kamerun nach Deutschland. Heute sitzt Sylvie Nantcha für die CDU im Stadtrat von Freiburg und im Landesvorstand ihrer Partei. Eine Migrationskarriere – wie aus dem Märchenbuch.

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Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Die berühmte Farbtrias der Gebrüder Grimm fällt einem ein, wenn man Sylvie Nantcha gegenübersitzt: Ihre Haut ist schwarz, ihre Zähne sind blendend weiß, ihre Jacke leuchtet rot – ein „Schneewittchen“ auf Afrikanisch. Und auch ihr Leben mutet an wie ein Multi-Kulti-Märchen. Vor 36 Jahren in Kamerun geboren, ist sie 1991 mit 17 Jahren nach Deutschland gekommen. Nun sitzt die Mutter von drei Kindern seit einem Jahr für die CDU im Stadtrat von Freiburg. Wenige Monate nach der Kommunalwahl startete sie auch auf Landesebene durch. Sie bewarb sich im Herbst 2009 um einen Platz im Landesvorstand der Union und wurde auf Anhieb mit dem drittbesten Ergebnis gewählt. Sylvie Nantcha ist die erste in Afrika geborene Frau, die in dem von Stefan Mappus geführten Landesverband, einem der konservativsten, „schwärzesten“ der Union, den Sprung nach oben schaffte, und wenn man sich in der südwestdeutschen CDU umhört, trifft man viele, die dies noch nicht für das Ende ihrer Karriere halten. Sie könnte irgendwann einmal sogar stellvertretende Landesvorsitzende werden – die Frau hinter Mappus. Natürlich hat sie auch mit ihrer Hautfarbe kokettiert, als sie sich den Delegierten vorstellte. „Die CDU in Baden-Württemberg braucht eine richtig schwarze Kandidatin“, sagte sie und hatte damit die Lacher auf ihrer Seite. Eine richtige Schwarze unter ganz vielen Schwarzen – das war (und ist) im Südwesten eine pikante Attraktion und für die Medien auch eine kleine Sensation. Es hat sie selbst überrascht. „Viele Menschen haben mich dort doch zum ersten Mal gesehen. Dass mir so viele ihr Vertrauen gegeben haben, damit hatte ich nicht gerechnet.“ Jetzt also sitzt sie an einem heißen Julinachmittag in dem winzigen Fraktionsbüro der CDU im Freiburger Rathaus. Vor ihr stapeln sich Akten auf dem Tisch. Das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert ist wie fast alles Alte im Breisgau fein hergerichtet. Und die studierte Germanistin aus Kamerun ist das auch. Rot die Jacke, schwarz die Frau. Wäre Schwarz-Rot auch für sie eine politische Alternative, wenn es mit Schwarz-Gelb nicht mehr so richtig klappt? Sie winkt ab: „Rot ist eine Farbe, die zur Natur gehört. Es ist die Farbe des Siegers, und es ist die Farbe der Liebe. Keine Partei darf eine Farbe vereinnahmen.“ Dann lacht sie über den Satz, dass Gelb die blasseste von allen Parteifarben sei. Und wird sehr schnell sehr ernst. „Unser Regierungsbündnis aus Union und FDP funktioniert gut“, betont sie. „Wir hoffen, dass die Berliner uns als Vorbild nehmen.“ Aber sie verhehlt auch nicht, dass der Berliner Koalitionsbetrieb ihr Sorgen macht. „Die Bürger, aber auch ich erwarten, ich sage das noch einmal, dass sie aufhören zu reden. Dass sie endlich handeln.“ Nein: Die Zeiten sind nicht einfach, und fröhlich machen sie auch nicht. Aber Sylvie Nantcha beantwortet die Frage, ob ihr Leben nicht vor dem Eintritt in die CDU lustiger war, mit einem lauten Lachen: „Ich habe immer noch ein sehr lustiges Leben. Nur jetzt teile ich das mit viel mehr Menschen.“ Sie ist 1991 nach Deutschland gegangen, weil sie unbedingt Germanistik studieren wollte. Die meisten Kameruner gehen, wenn sie denn in Europa ihr Glück versuchen, nach Frankreich. Ihre Familie aber hing an Deutschland – vielleicht weil Kamerun, bevor die Franzosen und die Engländer das Land nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen, eine deutsche Kolonie war – die erste überhaupt im Kaiserreich. Die 17-jährige Sylvie ging nach Freiburg, und sie hat geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Aber so leicht, wie es rückblickend scheint, war das nicht. „Es gab auch oft Zweifel. Manchmal gibt es im Leben Phasen, wo man einfach nicht weiß, wie es weitergeht.“ Bei ihr ging es immer weiter. Haben denn die, die das nicht geschafft haben, alles falsch gemacht? „Nein, das denke ich nicht“, erwidert sie. „Oft fehlen die Rahmenbedingungen.“ Ihre „Rahmenbedingungen“ stimmten: Die Eltern sind erfolgreiche Hoteliers in Kamerun. Und sie hatten genug Geld, um die Tochter in Deutschland studieren zu lassen. Sie hat mehr Glück gehabt als andere. Aber auch sie musste sich querlegen: „Ich bin auf jeden Fall der lebendige Beweis, dass Integration und eine erfolgreiche Bildungsbiografie möglich sind.“ In die CDU ist sie eingetreten, weil sie „irgendetwas tun wollte für das Land“, dessen Pass sie seit sieben Jahren hat. Ihr Mann, Afrikaner wie sie, war überrascht, aber einverstanden. Und seit sie in der Partei aktiv ist, kümmert sie sich um Integrations- und Bildungspolitik. Sie hofft, dass ihr Beispiel anderen Menschen Mut machen kann. Und sie will Brücken bauen zwischen den Kulturen und den Generationen. Das sagt sie sehr ernst und fügt ganz unpathetisch hinzu: „Meine Kinder sollen stolz auf mich sein.“ Eine lange politische Karriere ist nicht ihr Ziel. Sagt sie. Aber schon die Frage, ob sie Ministerin werden will, beantwortet sie ausweichend: „Ich möchte alles tun, um die jetzige Politik mitzugestalten.“ In ihrem Landesverband hält man sie für mindestens so ministrabel wie die Deutschtürkin Aygül Özkan, die in Niedersachsen Ministerin wurde. Und auch in Berlin hat Sylvie Nantcha eine stille Verbündete: Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Kanzlerin kennt sie gut und schätzt sie sehr. Und Maria Böhmer hat, wie jeder weiß, einen guten Draht zu Angela Merkel.

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