Familiensoziologe - „Die Debatte ist unwissenschaftlich“

Die deutsche Familienpolitik sollte sich lieber an England und Frankreich orientieren, sagt Familiensoziologe Hans Bertram. Denn das hochgelobte schwedische Kitamodell sei fehlbar. Im Cicero-Online-Interview kritisiert der Forscher zudem den Streit über verschiedene Lebensformen

Hans Bertram über die Debatte um Kristinas Schröders Familienpolitik: „Ich finde es viel interessanter, über Lösungen nachzudenken, als darüber, was unsere Altvorderen falsch gemacht haben“
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Professor Bertram, Deutschlands Familienpolitik ist gescheitert, befindet eine viel beachtete Studie. Elterngeld, Kindergeld, Ehegattensplitting – jeglicher Sinn dieser staatlichen Leistungen wird angezweifelt. Wie ordnen Sie diese Debatte ein?
Ich empfinde sowohl die Untersuchung als auch die Debatte als ziemlich unwissenschaftlich. Man kann das an der Kritik am Ehegattensplitting sehen. Da wird nicht erkannt, dass es nicht zur Geburtenförderung eingeführt wurde, sondern als Nachteilsausgleich für Verheiratete, die bei einer Zusammenveranlagung höher besteuert wurden als Nicht-Verheiratete. Das war der einzige Hintergrund für dieses blöde Splitting. Aber kein Mensch wäre bei der Einführung auf die Idee gekommen, es hinsichtlich der Familienplanung zu prüfen.

Was ist heute anders?
Heute haben sich die Lebensverläufe verändert. Frauen bekommen mit 30 Jahren ihr erstes Kind, geben sich Mühe, mit 32 das zweite zu bekommen. In früheren Jahrzehnten haben sich die Frauen mehr Zeit gelassen. Sie fingen mit 23, 24 an und waren erst mit 35 fertig. Das Ehegattensplitting ist für diese Lebensläufe nicht geeignet.

Wo sollte man mit der Debatte eher ansetzen?
Ich finde es viel interessanter, über Lösungen nachzudenken, als jetzt darüber zu sprechen, was unsere Altvorderen vor 40 Jahren unter ganz anderen Bedingungen falsch oder richtig gemacht haben. Ich kann Geschichte nicht verändern. Ich kann aber darüber nachdenken, wie ich die Zukunft gestalten will. Deswegen finde ich die Diskussion ziemlich blöd.

Was müsste die Politik ändern?
In unserer Studie haben wir vorgeschlagen, eine Kindergrundsicherung von 300 oder 350 Euro einzuführen, die man von der Steuerschuld abzöge. Das Kind des Millionärs wäre dem Staat dann genauso viel Wert wie das Kind der Familie, die keine Steuern zahlt. Hier käme das Finanzamt für die Grundsicherung auf. Damit gäbe es auch keine Hartz-IV-Kinder mehr. Der Kinderschutzbund schlägt vor, zu dieser ökonomischen Grundsicherung noch etwa 200 Euro für Bildungsgutscheine draufzulegen. So könnten die Eltern entscheiden, was sie in Bildungsangeboten anlegen, ob sie davon die Kita zahlen oder der achtjährigen Tochter Musik-, Nachhilfe- oder Sportunterricht ermöglichen. Die Zahlungen gäbe es dann bis zum 18. Lebensjahr.

Und alle anderen Leistungen der Familienpolitik fielen weg?
Richtig. Alle Leistungen für Kinder würden entfallen, es gäbe nur noch eine Kindergrundsicherung mit dem Bildungsgutschein. Aber so etwas ist politisch nicht durchsetzbar.

Gibt es denn keine Untersuchung der Bundesregierung in diese Richtung?
Ich weiß natürlich nicht, was die Bundesregierung genau tut. Soweit ich es aber einschätze, tun sich die CDU und die SPD in Bezug auf die Kindergrundsicherung schwer und zwar deswegen, weil die Grünen sie im Parteiprogramm haben. Damit ist es eben nicht mehr eine vernünftige Lösung, sondern eine grüne Lösung. Und das, obwohl der Sozialdemokrat Tony Blair das Modell in England eingeführt hat. Ähnliches kennen wir auch von der Regierung Clinton in den USA. Auch dort gab es früher diese Splitting-Systeme. Man überführte sie damals alle in ein Grundsicherungssystem, genannt Family Tax. Unsere gegenwärtige Diskussion bewegt sich aber viel zu sehr im Gefängnis der alten Lebensvorstellungen, um neue Perspektiven entwickeln zu können.

Was sagen die Kritiker der Grundsicherung?
Man hat immer Angst, die Falschen würden von so einer Politik profitieren, lauter Kinder kriegen und sich in die soziale Hängematte legen. Dabei gibt es dafür keinerlei Hinweise: Nur fünf Prozent aller Mütter haben keinen Berufsabschluss. Deutschland hatte noch nie eine so gebildete und gut qualifizierte Mutterschaft. In den 70er Jahren noch hatte die Hälfte der deutschen Mutterschaft keine Berufsausbildung. Heute steht Deutschland mit der Frauen-Erwerbsquote an vierter Stelle in Europa. In den vergangenen zehn Jahren hat sich eine stille Revolution ergeben – und wir diskutieren die Probleme der 50er Jahre.

Sie hantieren nun mit vollkommen anderen Zahlen als die aktuellen Kritiker der Familienpolitik. Auch bei der viel beschworenen niedrigen Geburtenrate kritisieren Sie und andere Forscher, man müsse berücksichtigen, dass Frauen immer später Kinder bekommen. Wenn man diesen „Tempo-Effekt“ einberechnete, ergäbe sich auch eine viel höhere Geburtenrate…
Richtig.

Aber das Problem, dass es in der Arbeitswelt voller unbefristeter Stellen und Unsicherheiten noch immer schwierig ist, Job und Kinder zu vereinbaren, kann auch eine Kindergrundsicherung nicht lösen, oder?
Ja, wir haben für den Nachwuchs in Deutschland ein hohes Maß an Unsicherheit erzeugt. Im öffentlichen Dienst Anfang der 90er Jahre hatte eine junge Frau durchschnittlich vier Jahre Berufstätigkeit hinter sich, bevor sie sich fürs erste Kind entschied. Heute sind es sieben Jahre. Im Pressewesen haben 60 Prozent keine Kinder, bei einem großen Teil, etwa 70 Prozent, geht man davon aus, dass sie partnerlos leben. Junge Frauen und Männer warten ab, bis sie eine sichere Lebensperspektive haben. Erst dann entscheiden sie sich für Kinder. Das ist in der Frage der Geburtenrate viel wichtiger als die ganze Diskussion um finanzielle Umverteilungsprozesse.

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Sind wir an der hohen Partnerlosigkeit nicht auch selber schuld, weil wir uns nicht entscheiden wollen, nicht fest binden?
Es gibt in Amerika die Debatte des „Emerging Adulthood“, des sich entwickelnden Erwachsenenalters. Früher war klar: Ökonomische Selbstständigkeit, eigenes Haus, Heirat, Kinder. Durch die verlängerte Ausbildung, die unsicheren Berufe dauert dieser Prozess der Selbstständigkeit und eigenständigen Lebensführung sehr viel länger. Deshalb spielen auch die Eltern länger eine Rolle. Sie unterstützen die Kinder ökonomisch, die ziehen zwar aus dem Elternhaus, kommen aber hin und wieder zurück. Es sind also vielfältige Verhältnisse.

Und das wirkt sich auf unsere Beziehungen aus…
Das traditionelle Modell hat Partnerschaft und Sexualität eng verknüpft. Das ist in den letzten 50, 60 Jahren aufgelöst worden. Heute hat man den ersten Partner mit 17 bis 18, man heiratet aber mit 30. Die Frau hat dann im Durchschnitt vier Partner gehabt. Sexualität wurde billiger, ist leichter verfügbar – und keine Treueprämie mehr.  Wir wissen noch nicht, welche Konsequenzen sich aus diesem sich verändernden Lebensmuster für langfristige Partnerbindungen ergeben. Wir können nur sagen: Wir müssen akzeptieren, dass es heute viel schwieriger ist, eine längere Partnerschaft zu haben, in der wir uns auch für Kinder entscheiden.

Die Politik versucht noch immer, das Zusammenleben in Kategorien zu bündeln. Die Wissenschaft sagt, die sind völlig egal?
Ja, das tun wir. Es geht nicht um eine spezifische Lebensform, es geht um die verbindliche Fürsorge für einen Dritten. In diesem Fall um das schwächste Glied der Gesellschaft, nämlich die Kinder. Egal, wie diese verbindliche Fürsorge organisiert ist, ob das ein homosexuelles Paar, eine alleinerziehende Mutter oder die Großeltern sind. Der Staat hat nur sicher zu stellen, dass dieses schwächste Glied auf die verbindliche Fürsorge bauen kann.

Darunter könnte man dann auch die Pflege für Ältere fassen?
Genau. Wenn zwei ältere Damen zusammenziehen und sich umeinander kümmern wollen und die eine wird krank, wird die andere nicht ausreichend informiert. Das sind Dinge, die in unserer Gesellschaft nicht debattiert werden. Wir streiten über Lebensformen, aber keiner fragt danach, wie Fürsorglichkeit organisiert werden kann. Das ist das entscheidende Element. Und diese private Solidarität kann ich nicht durch den Staat ersetzen.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, spricht von einer 32-Stunden-Woche, die für sie „die neue Vollzeit“ bedeutet. Ist das Wunschdenken?
Die Diskussion um Stundenzeiten ist totaler Blödsinn, weil wir heute eine projektorientierte Arbeit haben. Wenn Sie in einem Team eine Computersoftware entwickeln, können Sie nicht sagen: Ich habe meine 32 Stunden voll. Dann erwartet die Projektgruppe, nicht einmal der Arbeitgeber, dass Sie das gemeinsam zu Ende machen. Das Problem ist, dass wir noch keine wirkliche Antwort haben, wie diese Projektarbeit gestützt werden kann.

Mit der flächendeckenden Kinderbetreuung ab einem Jahr versucht die Politik es dem Vorreiter Schweden nachzumachen.
Wir bauen die Kinderbetreuung institutionell aus. Es wäre aber vielleicht viel besser, wie es die Franzosen gemacht haben: Dort hat man auf hoch qualifizierte Tagesmütter gesetzt. Wenn Sie in dieser anderen Situation jemanden haben, der hoch qualifiziert ist, dann kann der in einer Woche ranklotzen, weil er sein Kind in guten Händen weiß. In der darauffolgenden Woche wiederum kann er sich mehr mit dem Kind beschäftigen. So etwas ließe sich mit einer Tagesmutter besser aushandeln. Wir übernehmen jetzt das schwedische System und nicht das französische. Und da ist die Variationsbreite, die Flexibilität gering. Ich denke, auch darüber müssten wir eine Debatte führen.

Herr Bertram, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Marie Amrhein

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