Volker Wissing
Volker Wissing / picture alliance/dpa | David Hammersen

Der Scheinliberale - Wie Volker Wissing Opportunismus zur Staatsräson erklärt

Im FAZ-Podcast stilisiert sich Volker Wissing zur Stimme staatspolitischer Vernunft – und erklärt die FDP für zu libertär. Ein absurder Vorwurf, der vor allem eines kaschiert: einen opportunistischen Kurs, der Machterhalt über liberale Prinzipien stellt.

Autoreninfo

Frank Schäffler, Jahrgang 1968, ist Geschäftsführer der Berliner Denkfabrik Prometheus - Das Freiheitsinstitut.

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Frank Schäffler war Bundestagsabgeordneter. Er ist stellvertretender FDP-Landesvorsitzender in NRW und Mitglied des FDP-Bundesvorstandes. Gerade erschien sein Buch „Generation Debts – Die Generation, die alles bezahlen muss“ im Langen Müller Verlag.

Im FAZ-Podcast inszeniert sich der ehemalige Verkehrsminister Volker Wissing als Stimme der staatspolitischen Vernunft und wirft seiner früheren Partei vor, in einer libertären, regierungsunfähigen Sackgasse festzustecken. Wer diese Aussagen jedoch kritisch hinterfragt, erkennt rasch das eigentliche Motiv: Was Wissing als edle Regierungsverantwortung deklariert, entpuppt sich als reiner Opportunismus. Wer den Erhalt seines Ministerpostens über ordnungspolitische Überzeugungen stellt und legitime inhaltliche Kritik als unkooperativ abwertet, übernimmt keine Verantwortung, sondern klammert sich schlicht an die Macht um jeden Preis.

Rückblickend lässt sich ein historischer Irrtum nicht leugnen: Die FDP hätte das Bündnis mit SPD und Grünen im Jahr 2021 gar nicht erst schmieden dürfen. Eine klassisch liberale Kraft und zwei dezidiert linke Parteien waren wirtschaftspolitisch von Beginn an inkompatibel. Aus dem nachvollziehbaren Drang, mitzugestalten, wurden liberale Kernprinzipien auf dem Altar der Macht geopfert. Die Notbremse wurde viel zu spät gezogen. Spätestens als das Bundesverfassungsgericht die Umgehung der Schuldenbremse mit dem Klima- und Transformationsfonds kippte und die verfassungswidrigen Sonderschulden untersagte, war die vertragliche und inhaltliche Geschäftsgrundlage der Ampel längst Makulatur.

Selbstinszenierung statt Verantwortung

Ein Paradebeispiel für diese ordnungspolitische Verirrung der vergangenen Jahre ist das Heizungsgesetz. Wenn der Staat seinen Bürgern bis ins letzte Detail diktieren will, welche Heizung in ihren eigenen Kellern stehen darf und wann funktionierende Anlagen herausgerissen werden müssen, ist das ein eklatanter Angriff auf das Privateigentum. In dieser Politik offenbarte sich ein konstruktivistischer Scheinliberalismus. Man unterlag der Anmaßung von Wissen und glaubte tatsächlich, technologischen Fortschritt und Klimaschutz aus einem Ministerium heraus zentral steuern zu können, anstatt auf die Entdeckungsverfahren des freien Marktes zu vertrauen. 

Friedrich August von Hayek hat diesen Irrweg bereits beschrieben: Wettbewerb ist kein statisches Ziel, sondern ein Entdeckungsverfahren – und keine zentrale Behörde ist in der Lage, den richtigen Preis, die richtige Menge oder die richtige Technologie zum richtigen Zeitpunkt bereitzustellen. Die Energiepolitik der Ampelzeit war der lebende Beweis. Deutschland wendet inzwischen rund 30 Milliarden Euro pro Jahr für die sogenannte Energiewende auf, schickt sich an, bis 2030 rund 600 Milliarden Euro dafür aufzubringen, und hat gleichzeitig funktionierende Kernkraftwerke abgeschaltet, die Strom für 2,5 Cent pro Kilowattstunde, CO₂-frei, produzierten. Wissing selbst stand in der Regierung sinnbildlich für diesen falschen Pragmatismus, indem er Kernanliegen wie die Digitalisierung vernachlässigte und die planwirtschaftlichen Tendenzen im eigenen Ministerium lautlos vorantrieb.

Planwirtschaft im liberalen Gewand

Doch die tiefen Wunden der jüngsten Wahlniederlagen lassen sich nicht allein mit den handwerklichen Fehlern der Ampelzeit erklären. Die Parteienlandschaft hat sich fundamental gewandelt. In der alten Bonner Republik der 1980er Jahre agierte die FDP in einem überschaubaren Drei-Parteien-System bequem als ordnungspolitisches Korrektiv und Königsmacher. Heute konkurrieren bis zu sieben Parteien um die Macht, wodurch unsere historische Scharnierfunktion unwiederbringlich verloren gegangen ist. Diese prekäre strategische Lage zeichnete sich bereits 2009 ab. Obwohl die FDP damals ein Rekordergebnis von fast 15 Prozent einfuhr, beging die Parteispitze den fatalen Fehler, die zentrale Forderung nach einer radikalen Steuerreform für das Außenministerium preiszugeben. 

Als man kurz darauf in der Eurokrise auch noch die Bailout-Pakete mittrug und damit das marktwirtschaftliche Haftungsprinzip durchbrach, war der massive Verlust der liberalen Glaubwürdigkeit besiegelt. Dieser tagespolitische Opportunismus bereitete erst den Boden für den Aufstieg neuer politischer Konkurrenten. Dabei war das Haftungsprinzip keine abstrakte Forderung – es ist eines der konstitutiven Prinzipien einer funktionierenden Wettbewerbsordnung, wie sie Walter Eucken formuliert und Ludwig Erhard in der jungen Bundesrepublik gelebt hat. Wer Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert, zerstört das Vertrauen in die marktwirtschaftliche Ordnung – genau das geschah, als die Euro-Rettungspakete Gläubiger von jeder Haftung freistellten.

Der lange Verlust liberaler Glaubwürdigkeit

Demoskopische Auswertungen zeichnen heute ein klares, aber unbequemes Bild: Das Wählerpotenzial für eine echte marktwirtschaftliche, klassisch liberale Politik ist in Deutschland auf höchstens 25 Prozent begrenzt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass rund drei Viertel der Gesellschaft einem starken, intervenierenden Staat zuneigen. Wenn die FDP nun dem Irrglauben verfällt, sie müsse dieser antiliberalen 75-Prozent-Mehrheit durch einen weichen Wohlfühl-Liberalismus oder das Versprechen nach mehr staatlicher Fürsorge gefallen, wird sie niemanden hinzugewinnen, sondern lediglich ihre verbliebene Basis vergraulen. Wir sind keine libertäre Anti-Staat-Partei, sondern in einer langen Tradition von Recht und Freiheit. Wir wollen neben anderen Bereichen insbesondere einen starken Rechtsstaat zum Schutz von Eigentum, Vertrags- und Meinungsfreiheit, der den übergriffigen Subventionsstaat jedoch strikt ablehnt. Wir wollen den Einzelnen befähigen, seine Wünsche und Ziele im Leben zu erreichen, auch wenn er mal scheitert oder in Not gerät.

Die strategische Antwort auf diese Lage kann nur lauten: Die FDP muss aufhören, dem Mainstream hinterherzulaufen und allen alles zu versprechen. Stattdessen muss eine erneuerte FDP mutig die Rolle der Avantgarde übernehmen. Das bedeutet, den Kulturkampf für Recht und Freiheit aktiv und offensiv führen. Begriffe müssen zurückerobert werden: „Zivilgesellschaft” meint nicht staatlich finanzierte NGOs, sondern, wie John Locke es formulierte, die durch Vertrag und Recht zusammengehaltene Gesellschaft zum Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum. „Neoliberal” war nie ein Schimpfwort, sondern die Selbstbezeichnung von Denkern, die Wettbewerb, Eigenverantwortung und Rechtsstaatlichkeit gegen den Kollektivismus verteidigten. Und das sogenannte „Primat der Politik” ist für Liberale schlicht keine akzeptable Kategorie – es kann nur ein Primat von Recht und Freiheit geben.

Unbequeme Avantgarde statt Anpassung

Historische Wendepunkte wurden fast immer von entschlossenen Minderheiten erkämpft – man denke an Ludwig Erhards Durchsetzung der Marktwirtschaft 1948 oder Helmut Schmidts sicherheitspolitische Standhaftigkeit beim Nato-Doppelbeschluss. Die FDP muss zur unverrückbaren politischen Heimat all jener werden, die in diesem Land wirklich etwas aufbauen wollen, die vorankommen wollen, die gesellschaftlichen und persönlichen Aufstieg wollen. Dazu gehört auch eine klare Positionierung in den großen Zukunftsfragen: für einen echten Kapitalmarkt, der Unternehmensgründungen und Wachstum ermöglicht, statt für Subventionsprogramme, die mit geliehenem Geld Fehlinvestitionen finanzieren. Für eine grundlegende Reform der Altersvorsorge nach schwedischem Vorbild, die der jungen Generation endlich die Chance gibt, durch kapitalgedeckte Anlage echte finanzielle Unabhängigkeit aufzubauen, statt sie in ein demographisch zum Scheitern verurteiltes Umlagesystem zu zwingen. Wenn wir diesen Weg gehen, dann erleben wir auch wieder Wachstumsraten, die künftigen Wohlstand ermöglicht und nicht die Substanz aufzehrt.

Um diesen klaren, klassisch liberalen Kompass nach außen wieder unmissverständlich deutlich zu machen, wäre es ein starkes Signal, den Parteinamen wieder um den Zusatz „Die Liberalen“ zu ergänzen. Wir sind die Liberalen, sonst keiner. Wir sollten uns deshalb auch so bezeichnen – selbstbewusst und stolz. Politische Verantwortung bedeutet eben nicht Opportunismus oder das Festhalten an Posten in einer wirtschaftspolitisch gescheiterten Regierung. Vielmehr gilt das zeitlose Wort des liberalen Vordenkers und Parteiführers Eugen Richter aus dem Jahr 1884: „Den rechten Kämpfer jedoch für die Rechte und Freiheiten des Volkes erkennt man daran, dass er auch in den für den Liberalismus ungünstigen Zeiten auf dem Platze bleibt.“

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Heidemarie Heim | Mi., 1. April 2026 - 17:23

Ich teile alle Ihre Vorschläge geehrter Herr Schäffler! Doch hätte ich mir außer einer Idee der Rentenreform noch mehr Ausführungen bezüglich des ins Trudeln geratenen Sozialstaats, Wiederherstellung bzw. Verbesserung Innerer und äußerer Sicherheit, teilweise verloren gegangene Rechtsstaatsprinzipen Stichwort Grundrechtseinschränkungen während Corona, politische und soziale Ausgrenzung und fortdauernde Diskreditierung
Andersmeinender auch mithilfe von sog. Petzportalen oft in der Hand von geförderten NGOs und was sonst noch in einem freiheitlich gesinnten und demokratischen Staatswesen m.E. nach nichts zu suchen hat! Egal wie ich als Bürgerin meinen Bedarf an Eigenverantwortung oder Freiheit definiere, es muss für ALLE einigermaßen stimmig sein um das wertvollste Gut der Politik wie auch der Gesellschaft wiederherzustellen. VERTRAUEN darauf, dass die von uns "Gewählten" ihrem Eid
den sie gegenüber allen, auch jenen die sie nicht wählten, geschworen haben nachkommen werden. MfG

Angelika Sehnert | Mi., 1. April 2026 - 17:41

Dann Mut , Herr Schäffler, werfen Sie Ihren Hut in den Ring. Im Mai sind Vorstandswahlen. Suchen Sie sich Verbündete, ein paar Liberale wird es in der FDP ja wohl noch geben. Die beiden derzeitigen Aspiranten stehen ja nicht unbedingt für einen klar wirtschaftsliberalen, marktwirtschaftlichen Kurs. Henning Höne will zum Beispiel noch mehr gescheiterte Energiewende. Und Christian Dürr…, na ja, kein Kommentar.
Nichts bräuchte das Land derzeit mehr als eine vernünftige, liberale Partei ohne ideologische Scheuklappen. Das Wählerpotential ist groß, wie Sie selbst festgestellt haben. Politik hat auch was mit Wettbewerb der Ideen zu tun. Bessere Ideen zu vertreten dürfte doch angesichts des jämmerlichen Bildes, dass die übrigen Parteien abgeben, nicht so schwer sein.
Also, auf in den Kampf!

liebe Frau Sehnert.
Menschen mit klarer Ansage brauchen wir. Dazu gehören alle: Die Liberalen, die Konservativen, die Sozialen usw. Diese müssen aber auch bereit sein, für ihre Prinzipien einzustehen und nicht stattdessen nur noch faule Kompromisse im Sinne eines verrückten angeblichen Mainstreams zu machen. Sämtliche Parteien in Deutschland haben sich seit 30 Jahren von der Sekte der Grünen ihren Schneid abkaufen lassen, und das Ergebnis sehen wir nun.
Die AfD hätte sich gar nicht gegründet, wenn die CDU ihrem Programm treu geblieben wäre, und die FDP wäre noch glaubwürdig und stünde bei mindestens 7-8%, wenn sie in der "Ampel" (spätestens bei Habecks Heizungsgesetz!) aus der Regierung ausgestiegen wäre.
Unser Land braucht nichts dringender als realistische Politiker, die das Wohl der Bürger wieder über das der Parteien und ihrer Nutznießer stellen. M. E. sollten sich die Leute, die sich im "Team Freiheit" zusammengefunden haben, mit den Überzeugten aus der FDP vereinen.

Lisa | Mi., 1. April 2026 - 17:51

Ich erinnere mich noch gut an den Wahlkampf 2016 der FDP in RLP: Lindner war angereist, um mit Wissing auf jeder Bühne zu versichern, dass man auf gar keinen Fall mit den Grünen in eine Koalition gehen würde. Das Ergebnis: eine Ampel in RLP. Auch damals schon war Wissing der Mann, der sich an kein Wort gebunden fühlte und sehr ‚pragmatisch‘ – sprich einfach nur machtbewusst – mitregieren und den Ministerposten haben wollte. Das gleiche Spiel dann im Bund. Wissing war der Treiber hinter der Klüngelei mit den Grünen. Das Ende kennen wir: Ampel, FDP am Ende, Wissing bis zuletzt im Amt. ‚Opportunistisch‘ ist ein viel zu mildes Wort für das Verhalten dieses Mannes. Das, was Schäffler hier skizziert ist meine Vorstellung von politischem Liberalismus. Würde ich gerne wieder wählen. Aber solange solche wie MASZ, Dürr und andere das große Wort führen – NIEMALS. Es endet wieder in einer ‚Ampel‘. Wenn Schäffler die Wähler zurückhaben will, dann muss mehr passieren als eine Namensergänzung.

Volker Huber | Mi., 1. April 2026 - 20:41

was Frank Schäffler schreibt, inklusive FDP-Selbstkritik im Hinblick auf die Ampel und den Schwierigkeiten durch heutige fluide Parteienkonstellationen.
Richtig auch die Einsicht, dass Liberalismus nur ein Minderheitenprogramm ist. Hier sehe ich das Hauptproblem, nämlich dass das Gleichheitspostulat das Freiheitspostulat hierzulande immer mehr verdrängt. Durch die Wiedervereinigung hat sich dieser Trend noch verstärkt, indem der große Bruder den kleinen unter seine Fittiche genommen und in seiner etatistischen Prägung und in seinen sozialen Ansprüchen bestärkt hat.
Ein Blick auf die anderen osteuropäischen Länder nach der Wende zeigt, wie es erfolgreich anders geht.
Vielleicht muss der deutsche Subventions- und Sozialstaat erst an seine definitiven Grenzen kommen, bis ein Umdenken einsetzt.

Dr. Armin Schmid | Do., 2. April 2026 - 10:23

Nachdem Merkel das Land gründlich zerstört hat, dürfen wir feststellen: "Sie ist wieder da!". Ernsthaft wird sie nicht wieder an die Macht wollen, aber sie hatte schon immer eine sadistische Ader. Was aber reitet Wissing, eine der wegweisenden Fehlentscheidungen Lindners. OK, Teuteberg war in ihrer Rolle als FDP-Generalsekretär eine Fehlbesetzung, ihre ruhige, sachlich-kompetente Art, immer mit einem netten Lächeln zum Ausdruck gebracht. Und dann verabschiedete Lindner sie mit einem Altherrenwitz, der Brüderle zum Fremdschämen veranlasst hätte, zugunsten des pfälzischen Ampelmännchens Wissing! So ein Herr ist natürlich immer anschlussfähig dank seiner konsequenten Prinzipienlosigkeit. Und nun erklärt er uns die Welt. Da lob' ich mir die wenigen Standfesten, die wie Teuteberg die Traute hatten, sich bei der Verabschiedung des GEG wenigstens der Stimme zu enthalten, im Gegensatz etwa zu Kubicki, der am Vortag noch über das im Ansatz verfehlte Gesetz räsonierte, um ihm dann zuzustimmen.