Michael Sailer - Der Endlager-Experte der Kanzlerin rechnet ab

Michael Sailer ist Merkels Mann fürs Atomklo. Für die Regierung bearbeitet der Experte die Endlagerfrage.  Aber die Sache stockt

Michael Sailer
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Christian Schägerl arbeitet als freier Journalist in Berlin.

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Michael Sailer hat Einiges unternommen, um sich von der beängstigenden Last abzulenken: Er hat sein Zuhause von Büchern gesäubert, die von Atomkraft handeln. Er hat eine Modelleisenbahn gebaut, die – so erzählt er es – eine historische Kulturlandschaft zeigt. Sailers kleine Flucht ist das, er beamt sich in eine Zeit ohne Kernkraft. „Das Atomthema hält man eigentlich nur aus, wenn man sich auch mit anderen Sachen beschäftigt“, sagt er.

Doch trotz aller Bemühungen schafft Sailer es nie lange, jene verflixten Reizwörter aus dem Kopf zu kriegen, die die meisten Deutschen so effektiv verdrängen: Atommüll, Entsorgung, Gorleben. Während Umweltschützer, Stromerzeuger und Verbraucher über erneuerbare Energien diskutieren, gerät die Hinterlassenschaft der Kernkraft-Ära aus dem Blick. Knapp 18.000 Tonnen stark strahlenden Mülls werden in provisorischen Zwischenlagern verstaut sein, wenn 2022 der letzte Reaktor vom Netz geht. 225 Gramm pro Bundesbürger. Ob der Salzstock in Gorleben zum Endlager taugt, bleibt umstritten. Und die Öffentlichkeit entsorgt ihre Sorgen bei Sailer, denn er leitet die „Entsorgungskommission“ der Bundesregierung, eine Expertengruppe, und die soll es richten.

An Sailer fallen die langen, wallenden Haare auf. Andere Umweltbewegte mögen mittlerweile im glatten Businesslook unterwegs sein, er tritt mit seinen 59 Jahren noch auf, als käme er gerade aus dem Tipi. Es ist eine Reminiszenz daran, dass sein Leben, privat und in seinem Beruf als technischer Chemiker, untrennbar mit der ökologischen Subkultur verbunden ist. Er war früher einer der schärfsten Atomkritiker, später machte er sich als Forscher im Darmstädter Öko-Institut einen Namen, das einst als wissenschaftlicher Flügel der deutschen Umweltbewegung entstand. Inzwischen leitet er das Institut mit knapp 150 Mitarbeitern, die ihr Geld mit Gutachten und Beratungsarbeit verdienen.

Im Februar 2011 berief ihn der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen zum Chef der Entsorgungskommission. Es war – noch vor Fukushima – ein Friedensangebot des CDU-Politikers an die Anti-Atom-Bewegung. „Wissenschaftlich, unabhängig, effizient“, sagt Sailer, wolle er den Weg für ein deutsches Endlager ebnen. Wenn nur die Politik mitmachen würde. SPD und Grüne haben im Oktober eine parteienübergreifende Einigung darüber verhindert, wie die Suche nach einem Endlager ablaufen soll.

Eigentlich waren die Chancen auf einen Konsens hoch wie nie. Den Boden bereitet hatten der Grüne Wilfried Kretschmann für Baden-Württemberg und der Schwarze Horst Seehofer für Bayern, als sie einwilligten, dass auch in ihren Ländern nach einem Endlagerstandort gesucht wird. Die Fixierung auf Gorleben wäre beendet gewesen. Dann blockierten SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Beide haben als Bundesumweltminister keinen Konsens gefunden. Nun wollten sie ihrem Nachfolger Peter Altmaier von der CDU den Erfolg kurz vor der Wahl im Gorleben-Land Niedersachsen wohl nicht gönnen.

Seite 2: Sailer sitzt zwischen allen Stühlen

Sailer spricht darüber in einem ruhigen, fast gemächlichen Ton. Aber der äußere Eindruck täuscht. Gerade weil es um Jahrmillionen geht, über die der Müll sicher im Untergrund eingeschlossen sein muss, geht er ungeduldig an das Thema heran. „Dass nun politische Manöver von SPD und Grünen dazwischenkamen, hätte aus meiner Sicht nicht sein müssen.“ Die Fragen, deretwegen die Verhandlungen gestoppt sind, würden in einigen Jahren nur Kopfschütteln auslösen. Seine Analyse fällt hart aus: „Manche leben und denken zu sehr von einem Tag auf den anderen und sind zu sehr darauf konzentriert, was ihnen kurzfristig zum Beispiel vor Wahlen nützt.“ Die deutschen Zwischenlager seien „völlig ungeeignet“. An der Erdoberfläche sei das Risiko am höchsten: „Jeder Umweltpolitiker, der sich nicht darum kümmert, dass es zu einer guten Lösung kommt, macht sich schuldig, wenn die Abfälle irgendwann in der Umgebung verstreut sind.“

Er schlägt sich also auf die Seite des Umweltministers von der Union. Dessen Gesetzentwurf zur Endlagersuche hält er für eine gute Grundlage. Die Kritik von Gabriel und Trittin, Gorleben werde darin fokussiert, weist Sailer zurück. Am Anfang werde die ganze Republik gescannt, dann würden die besten Standorte in Ton-, Granit‑ und Salzgestein vom Schreibtisch aus untersucht, und schließlich werde an wenigen Standorten gebohrt. „Gorleben ist mit im Pool, aber es kann in der ersten, zweiten oder dritten Runde rausfliegen“, sagt er. Für den zweiten Entsorgungs-Hotspot, das havarierte Lager Asse, fordert er Vorbereitungen dafür, den Müll unter Tage zu lassen, statt ihn zu bergen.

Mit diesen Positionen erzürnt er die Anti-Atom-Szene. „Bei der Entsorgung trennen uns Welten“, sagt Jochen Stay, einer der Wortführer der Szene. Das Altmaier-Papier gebe Gorleben faktisch Vorrang. Der frühere Mitstreiter bei Anti-Atom-Protesten? Das kann Stay sich nicht mehr vorstellen. „Der würde ausgepfiffen.“

Sailer sitzt zwischen allen Stühlen. „Irgendwann wird man sich bei der Entsorgung einigen müssen“, sagt er, „ich will auf jeden Fall noch miterleben, dass es eine vernünftige Lösung gibt.“

Es muss eine Lösung sein, die eine Million Jahre trägt.

Reiner Szepan | Mi, 4. Oktober 2017 - 15:59

Bedaure festzustellen, dass Cicero sich auch hat anschmieren lassen. Dazu ist ein Buch in Vorbereitung. Es gibt dringende Hinweise, dass
zumindest Hahn und Sailer auf der Gehaltsliste der Kernkraftwerksbetreiber stand ( steht ).

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