ZDF - Die späten Zahlen und die Folgen

Mit Umfragen kurz vor der Wahl reagieren die Meinungsforschungsinstitute darauf, dass sich die Wähler immer später entscheiden. Dabei können die die Last-Minute-Zahlen den Wahlausgang massiv beeinflussen, schließlich sind sie vor allem eine ultimative Aufforderung zur taktischen Wahl.

ZDF-Politbarometer
Screenshot ZDF

Autoreninfo

Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Es war eine demoskopische Sensation und die Aufkündigung einer stillschweigenden Selbstbeschränkung. Erstmals hat das ZDF am Donnerstag und damit in der letzten Woche vor einer Wahl noch ein Politbarometer veröffentlicht. Und das ZDF steht damit nicht allein – auch Forsa und Allensbach haben noch einmal Zahlen nachgeschossen. Emnid wird sogar am Sonntag – dem Wahltag – via Bild am Sonntag neue Zahlen präsentieren. Ihre tägliche Dosis Demoskopie bekommen die Wähler bis zum bitteren Ende.

Der Politbarometer-Abend war wohl choreografiert. Vor dem Heute-Journal drangen keine Zahlen nach außen. Entsprechend groß war die Spannung. Und dann das: ein Fauxpas. Die Länge der Balken für die einzelnen Parteien passte nicht zu den Prozentwerten, die die Balken schmückten. Der AfD-Balken stieg höher als der Balken der FDP, dabei sollte ersterer nur 4% repräsentieren, letzterer dagegen 5,5%. Ein Fehler im Grafikprogramm, erklärt das ZDF. Eine bewusste Täuschung wittert AfD-Chef Bernd Lucke; eine Täuschung, die daraufhin deute, dass die Demoskopen vor der Bundestagswahl gegen die AfD opponieren würden. Lucke – erst kürzlich in einem Rechtsstreit mit Forsa unterlegen – spielt also weiter die Anti-Demoskopen-Klaviatur.

Das ZDF und die Forschungsgruppe Wahlen haben dem AfD-Vorsitzenden mit einer zweiten Premiere am Donnerstag durchaus aus in die Hände gespielt. Normalerweise veröffentlicht das ZDF zwei Werte. Einerseits die politische Stimmung, andererseits die Projektion. Beide Werte – Stimmung wie Projektion – basierten dabei auf der Sonntagsfrage. Aber während die Stimmung im Prinzip den gemessenen Rohdaten aus der Umfrage entsprach, fließen in die Projektion auch „längerfristige Grundüberzeugungen“ und „taktische Erwägungen“ ein. Diese Transparenz durch Differenzierung war oft sehr hilfreich.

Doch diese Transparenz fehlte nun überraschenderweise. Das ZDF verzichtete im letzten Politbarometer vor der Wahl auf jegliche Informationen zur politischen Stimmung. Einer gewissen Ironie entbehrte das nicht, schließlich war bei der Präsentation der Zahlen mehrfach davon die Rede, dass die als Projektion publizierten Werte nur ein „Stimmungsbild“ zeigten (wenn auch nicht die politische Stimmung). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Inzwischen werden sich die Verantwortlichen beim ZDF vermutlich ärgern. Der Vorwurf von Seiten der AfD, die in Balkenform dargestellten Werte seien wohl die Rohdaten (also die politische Stimmung) und in diesen Rohdaten schneide die AfD offenkundig viel besser ab, lässt sich zumindest nicht mit Zahlen entkräften. Es bleibt nur der müde Verweis auf einen Fehler im Grafikprogramm. Manchmal wäre mehr Transparenz sogar für die demoskopischen Institute von Vorteil – für uns Konsumenten der Umfragen gilt das ohnehin.

Stattdessen hat in der letzten Woche vor der Wahl die Nachkommaritis zugeschlagen – eine Krankheit, die schon länger in demoskopischen Kreisen grassiert. Statistik hat ihre Tücken, wer nur einige Hundert Menschen befragt, aber etwas über mehrere Millionen Menschen aussagen möchte, der muss mit Schwankungen leben. Vor allem an der Fünf-Prozent-Hürde führt dies zu Problemen. (Siehe auch: Das FDP-Problem der Demoskopen). Auf das statistische Problem der Schwankungsbreite hat Theo Koll bei der Präsentation der Zahlen im ZDF mehrfach hingewiesen, es ging sogar eine – letztlich etwas gezwungen wirkende – Visualisierung diese Problems über den Sender. Aber hängen bleibt letztlich doch – und das zeigt nicht zuletzt auch die anschließende Berichterstattung über das Politbarometer – die Marke von 5,5%. Die damit suggerierte Präzision ist aber ein Scheinriese. Auch hier wäre weniger mehr – für alle.

Apropos Scheinpräzision: Theo Koll hat mehrfach auf besagte statistische Schwankungen hingewiesen, die das Ergebnis der Umfrage beinhalte und die letztlich auch nur ein Fazit mit Blick auf den Sonntag zuließe: too close to call. Aber eine Idee scheint noch immer nicht wirklich bei den Instituten angekommen zu sein: Dass nämlich ihre veröffentlichten Zahlen selbst dafür sorgen, dass diese am Ende falsch aussehen könnten und die ganze Demoskopen-Branche am Ende blamiert dasteht. Warum?

Gerade in Zeiten, in denen die Parteien massiv zu strategischem Wahlverhalten aufgerufen, gewinnen Umfragen für die Menschen im Land ziemlich schnell eine unmittelbare praktische Relevanz. Sie fragen sich: Wie muss ich wählen, damit meine Koalition siegreich im Ziel ankommt? Muss ich meine Stimme verleihen oder nicht? Genau dafür sind Umfragen wichtige Signale.

Je mehr Menschen jedoch mit einem geänderten Verhalten in einer bestimmten Richtung auf eine Umfrage reagieren, je größer wird die Diskrepanz zwischen den Umfragen und dem Ergebnis sein. Und dieser Effekt könnte auf keine Umfrage stärker zutreffen als auf jene, die am Sonntag – also am Wahltag – veröffentlicht wird. Schließlich ist sie die vermeintlich ultimative Aufforderung zur taktischen Wahl. Trotzdem – oder gerade deshalb – könnte das Wahlergebnis um 18 Uhr ganz anders aussehen. In diesem Fall sei den Demoskopen viel Kraft und Mut für den Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Montag gewünscht. Einen von zwei Vorwürfen werden sie dann kaum entkräften können: Entweder jenen, dass ihre Zahlen falsch waren, oder jenen, den Wahlausgang massiv beeinflusst zu haben. Eine Lose-lose-Situation.

Und auch noch über einen weiteren Punkt könnten die Meinungsforscher dann aufklären: Täglich wird über Umfragen mit Nachkommapräzision und über jede Veränderung der Stimmungslage (bzw. Projektionslage) berichtet. Aber eine Lücke klafft tief: Bis heute versucht kein Meinungsforschungsinstitut, die Höhe der Wahlbeteiligung für den Wahlsonntag zu projizieren. Ist die Frage der Wahlbeteiligung das nicht wert?

Im Gegenteil: Gerade in diesem Wahlkampf ist viel über die Wahlbeteiligung und über Nichtwähler diskutiert worden. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass die Mobilisierung den Ausgang der Wahl entscheiden wird. Statt Umfrageergebnisse mit scheinpräzisen Zahlen zu veröffentlichen, sollten die Institute sich trauen, auch zur Wahlbeteiligung eine Prognose zu wagen.

 

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