Demokratie - Mehr Mut zur Bürgerlichkeit!

Demokratie erscheint uns mittlerweile als selbstverständlich. Schlagwörter wie „Postdemokratie“ und „Meritokratie“ symbolisieren die Abkehr des Bürgers von seinem wichtigsten Gut. Dem Journalismus kommt dabei die bedeutende Aufgabe zu, mehr demokratische Alltagskultur zu schaffen – unter dem Vorzeichen der Bürgerlichkeit

Auch der Philosoph Odo Marquard fordert mehr Demokratie im Alltag
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Frank A. Meyer ist Journalist und Kolumnist des Magazins Cicero. Er arbeitet seit vielen Jahren für den Ringier-Verlag und lebt in Berlin.

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Wofür sind wir Journalisten zuständig? Selbstverständlich für alles: von Politik bis People, von Kultur bis Sport. Wir verstehen uns aufs Formulieren, schriftlich oder mündlich oder beides. Wir geben dem Lauf der Dinge die Sprache: dem Alltag mit seinem Glück und Unglück, den Krisen und Katastrophen.

Wir verknüpfen die Ereignisse zum wundersamen Teppich der Wirklichkeit. Also schaffen wir Wirklichkeit: durch unsere ganz eigene Sicht auf das Geschehen, durch unsere Wertungen, nicht zuletzt durch unseren Stil.

Für Sprachbilder und Denkbilder sind wir zuständig. Das ist viel, eigentlich zu viel. Fast anmaßend ist unsere Zuständigkeit. Aber eben doch selbstverständlich. Wir tun einfach, was getan werden muss; wir tun es, weil es unser erlernter Beruf ist, unser Handwerk, im besten Fall unsere Leidenschaft.

Doch die Zuständigkeit der Journalisten erschöpft sich nicht im Ausüben des Metiers.

Denn all das Selbstverständliche unseres Berufs ist nur denkbar im Rahmen von etwas ganz Besonderem: der Demokratie.

Freilich, auch Demokratie erscheint uns selbstverständlich. Doch wer genau hinhört und hinsieht, der stößt auf Demokratieskepsis und Demokratieunlust.

Es kursieren verschiedene Begriffe zu diesem Phänomen: zum Beispiel „Postdemokratie“ und „Meritokratie“, auch „marktkonforme Demokratie“.

Die Demokratie wird neuerdings mit Attributen versehen. Sie wird umbenannt. Die Doppelbegriffe sind doppelbödig und doppeldeutig. Sie laufen hinaus auf halbierte Demokratie. Denn der abgewandelte Demokratiebegriff weist darauf hin, dass da jemand nach dem Steuerruder greift, dass da eine Minderheit mehr als ihren demokratischen Anteil an der Macht zu erringen sucht.

Zum Beispiel „die Eliten“, die sich heute unverhohlen fordernd in den Vorzimmern der Politik tummeln, oder „die Märkte“, die sich bereits unverfroren greifen, was ihnen nicht gehört: politische Macht.

Was aber haben die neuen Begriffe für Demokratie zu tun mit dem journalistischen Alltagshandwerk? Vor allem dies: Wir sind auch – wir sind wieder! – zuständig für Demokratie.

Natürlich waren wir schon früher dafür zuständig, seit je sogar, denn ohne das frei formulierte Wort ist Demokratie nicht möglich. Doch diese Selbstverständlichkeit war schon einmal selbstverständlicher. Etwa in den Zeiten des Kalten Krieges, zwischen 1945 und 1989. Damals war die Demokratie das Selbstverständnis der freien Welt.

Denn sie war die Alternative zum Kommunismus – weshalb sich auch der andere Begriff des Westens, der Kapitalismus, hinter der Demokratie verschanzte.

Die Globalisierung der vergangenen 20 Jahre hat Mächte und Märkte von demokratischen Fesseln befreit – von der Aufsicht durch die Bürger und ihre Politiker. Die neu gewonnene, die unbändig ausgelebte Freiheit des Kapitals aber weckt die Gier nach mehr Macht. Das ist der Hintergrund der Gedankenspiele, die darum kreisen, ob es nicht an der Zeit wäre, die Demokratie neu zu definieren, sie auszurichten
auf eine „Elite“, die sich gern selbst so nennt. Statt Volksermächtigung soll neu gelten: Selbstermächtigung.

Die Demokratie, das eine klare Wort, ist herausgefordert. Also ist auch unser Beruf herausgefordert, der seinen ganzen Sinn, seine ganze Berechtigung aus diesem einen klaren Wort bezieht.
 
Deshalb schlägt jede Relativierung der Demokratie jäh um in eine Relativierung des Journalismus.

Wie aber wehren wir uns für die eine und unteilbare und darum einzige Demokratie?

Mit „Mut zur Bürgerlichkeit“, wie der Philosoph Odo Marquard es formuliert. In seinen Schriften legt der Philosoph aus Gießen dar, dass Bürgerlichkeit die Kultur der Demokratie ist: Wenn Bürgerlichkeit im Alltag gelebt wird, also auch in der Politik, also auch in den Medien, dann herrscht demokratische Kultur.

Und wie sieht sie aus, diese demokratische Alltagskultur? Odo Marquard sagt es so: „Die liberale Bürgerwelt bevorzugt – gut aristotelisch – das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber der großen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen, das Individuum gegenüber der (...) Heilsgemeinschaft."

So zurückhaltend, so bescheiden ist also Bürgerlichkeit? So schlicht soll die Kultur der Demokratie sein? So unattraktiv für uns Journalisten, die wir wöchentlich und täglich, im Netz sogar stündlich, das Erhabene, das Charisma, das Enorme suchen – und es auch finden: bei den Mächtigen, die mit ihrer Grobheit, mit ihrer Hybris, mit ihrer Herrschsucht unser Journalistenherz höher schlagen lassen – welche Storys!

Was kümmert uns dagegen der Kampf der Kandidaten jenseits der großen Bühne von Berlin, was interessieren die Wettbewerbe in den 16 Bundesländern und unten in den 299 Wahlkreisen der Republik?

Was hat uns der Politiker zu bieten – in seinen Ortsverbänden und Fraktionsvorständen, seinen Kreiswahlen und Wahlkreisen? Mit seinen kleinen Schritten, zwei nach vorn, einer zurück, mit dem kleinen Ziel von Kompromiss und Konsens?

Direktmandate, Listenmandate, Überhangmandate, Ausgleichsmandate – ja, was hat das bloß mit uns zu tun? Alles.

Denn in diesem politischen Unterholz versteckt sich die große Story, die größte: die Demokratie.

Freilich, der Journalist braucht Mut zur Bürgerlichkeit. Und Können. Aus dem Geregelten, aus der Geschäftsordnung, aus dem Normalen soll er Geschichten machen, die den Leser, Hörer und Zuschauer fesseln; aus bürgerlicher Biederkeit soll er Wirklichkeit schöpfen, die dem Leser, Hörer und Zuschauer Respekt abnötigt für die Demokratie. Da wird das journalistische Handwerk zum Kunst-Handwerk.

Die Demokratie ist eine Werkstatt. Für diese Werkstatt sind wir Bürger zuständig – wir Journalisten. Es ist die einzige, die wir haben.

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