Online-Petition - Von wegen Homophobie

Die Online-Petition eines Schwarzwälder Lehrers gilt vielen mittlerweile als Beispiel für Homophobie, mitten in Deutschland. Zu Unrecht: Während die klassischen Medien skandalisieren, manifestiert sich in Social-Media-Foren ein wohltuender, selbstbewusster Bürgersinn

In Sachen Debatten-Kultur ist die Gesellschaft den Medien ein großes Stück voraus
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Katharina Schmitz ist freie Journalistin in Berlin. 

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Remember Laura Himmelreich! Die stern-Autorin schrieb vor fast einem Jahr das Skandal-Porträt über Rainer Brüderle. Der Text provozierte eine bis dahin nie da gewesene Twitterlawine (#Aufschrei). Es folgte eine unverhältnismäßig breite Debatte, sagen die einen, eine längst überfällige Diskussion über Sexismus in Deutschland, sagen die anderen. Kürzlich zog Himmelreich Bilanz, sie klingt nüchtern. Geblieben sei der Grimme-Preis für die Aufschrei-Aktivistinnen sowie ein Platz für das Wort „sexistisch“ in der Alltagssprache. Die Deutungshoheit habe jedoch niemand erlangt.

Und nun das Gleiche: Seit etwa einer Woche wird in allen Medien über Homosexualität diskutiert. Erst gab es ein gewaltiges mediales Echo auf das Hitzlsperger-Coming-Out, anschließend die Empörung über die Online-Petition eines Schwarzwälder Realschullehrers gegen die Akzeptanz sexueller Vielfalt als Querschnittsthema an Schulen in Baden-Württemberg. Vieles erinnert an den Sexismusstreit. Und vor allem in den Online-Medien gibt es einen differenzierten Widerstand gegen die Deutungshoheit durch die Leitmedien. Er wird nur nicht so recht wahrgenommen.

Die Medien sind wenig differenziert

Die großen Schlagzeilen spitzten diesen Fall so zu: homophobes Bürgerbegehren gegen Homosexualität als Unterrichtsfach. Der Vorwurf: Homophobie. Anspruchsvolle und differenzierte Beiträge gehen eher unter. Gustav Seibt listete beklemmend in der Süddeutschen Zeitung die gar nicht so alten Repressalien gegen Homosexuelle in der alten Bundesrepublik auf. Jürgen Kaube stellte in der FAZ mit sanfter Ironie fest, bezüglich der Inhalte der ominösen Baden-Württemberger Bildungsplanreform und der Petition gegen diese herrsche vor allem reichlich Konfusion.

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In der Social-Media-Welt, auf Twitter, bei Facebook und in Internetforen verläuft die Diskussion anders – spontaner, emotionaler, aggressiver und radikaler. Das ist natürlich dem Recht auf Anonymität des Verfassers geschuldet. Aber ist Deutschland wirklich ein Mob von Stammtischplauderern, die anonym so richtig aufdrehen?

„Ein erschütterndes Maß an Homo- und Transphobie“, wollen pawlowhaft die Grünen in den Wortmeldungen zur vermeintlichen Skandal-Petition erkannt haben. Doch zitiert als Beleg für diese These recht selektiv. Sehr viel weniger Beachtung findet jene kritische Leserschaft, deren Argumente sich nicht als homophob und rückwärtsgewandt brandmarken lassen.

Wer ideologisch nicht vernagelt ist, der kann in vielen Wortmeldungen der Online-Debatten ein hohes Maß an Differenzierung erkennen. Zum Beispiel ist zu lesen, dass die ganze Aufregung über diese Reform im Grunde auf einem internen Arbeitspapier fußt. Liest, dass in der Petition sehr wohl der Kampf gegen Diskriminierung als notwendig erachtet wird. Dass es dem Lehrer aber um die Überbetonung alternativer Lebensstile ging. Dass die Petition häufig falsch zitiert wird. Andere Kommentatoren verstehen wiederum die Aufregung nicht. Schließlich würde in vielen Bundesländern in den Schulen die sexuelle Vielfalt thematisiert, teilweise seit Jahrzehnten. Und teilweise so, dass „manch ein Erwachsener rote Ohren bekäme“. Gemeint war Nordrhein-Westfalen.

Auch selbstbewusster Bürgersinn bricht sich Bahn, schließlich stelle eine solche Petition eine Form direkter Demokratie da, heißt es. Eine Strafanzeige bzw. Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Lehrer könne darauf keine Antwort sein. Ein anderer Nutzer beschreibt den Reflex, der sich einstellt, wenn Politik, Lobbyverbände und Medien ihre kategorischen moralischen Urteile fällen: „Ich bekomme geradezu Lust, die Petitionsteilnehmer in Schutz zu nehmen.“ In solchen und weiteren Aussagen formiert sich die Gegenwehr auf ein zunehmend als paternalistisch empfundenes Gesellschaftsklima – wenn man so will: ein selbstbewusster Bürgersinn.

Abstimmung „Homophobie Ja oder Nein"

Vielsagend auch, dass nicht etwa in einem Leit- sondern nur in einem Nischenmedium das Prinzip der Demokratieplattform openPetition einmal grundsätzlich hinterfragt wurde. Immerhin hatte sie den umstrittenen Petitionstext – in der zweiten Version – freigegeben. Auf Missy Magazine wird dieser Aspekt gut aufgearbeitet, in einem Interview mit der lesbischen Aktivistin und Krimiautorin Nele Tabler. Sie hat die seit ein paar Tagen gestartete Gegenpetition zur Petition nicht unterzeichnet. Sie sagt, openPetition reduziere das Thema auf einen Wettbewerb „Homophobie Ja oder Nein“.

Da sind viele Menschen aber weiter, ohne „für“ Homophobie zu sein. Das sehen nun sogar die Betroffenen so.

 

 

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