Das Leben der anderen

Am 9. November 1989 fiel die Mauer, doch das Politbüro regierte weiter. Einen Tag zuvor, am 8. November, neu gewählt, hielt es sich noch 26 Tage an der Macht. Wer knipste damals in der DDR das Licht aus? Eine Spurensuche.

Wie die anderen lebten, zeigte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck 2006 im Kino
() Wie die anderen lebten, zeigte Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck 2006 im Kino
Wir sind das Volk“, rufen bereits die Massen auf den Straßen, als am 9. November 1989 das Leit-organ der Deutschen Demokratischen Republik, das Neue Deutschland, elf Mitglieder und sechs so genannte Kandidaten (Mitglieder ohne Stimmrecht) des Politbüros vorstellt. Die DDR-Veteranen Erich Mielke, Günter Mittag, Willi Stoph und Harry Tisch sind schon gar nicht mehr aufgestellt. Und bereits am 10. November 1989 müssen vier weitere Funktionäre das SED-Führungsgremium wieder verlassen, weil ihnen das Vertrauen der Partei fehlt: Hans-Joachim Böhme, Johannes Chemnitzer, Inge Lange und Werner Walde. Wie all die Jahre zuvor, tagt die nun 13-köpfige Runde wöchentlich unter der Leitung des neuen Generalsekretärs Egon Krenz – und redet in der Zeit des historischen Umbruchs an den Problemen und am Volk vorbei. 26 Tage lang. Am 3. Dezember 1989 schließlich streicht das letzte Politbüro der DDR die Segel und tritt geschlossen zurück. Für die Menschen im Land ist das Politbüro längst ein Synonym für Misswirtschaft und Machtmissbrauch, noch Jahre später werden seine Mitglieder offen auf der Straße angefeindet. Selbst die SED-PDS geht auf Distanz und schließt im Januar 1989 zehn Mitglieder und Kandidaten des letzten Politbüros aus der Partei aus. Was ist aus den Führungskadern von einst geworden? Für Wirbel sorgen in den neunziger Jahren die Strafprozesse, in denen sich Politbüro-Mitglieder wegen ihrer Mitverantwortung für das Grenzregime der DDR vor Gericht verantworten müssen, darunter Egon Krenz, Heinz Keßler, Günter Schabowski, Siegfried Lorenz und Hans-Joachim Böhme. Der letzte DDR-Generalsekretär Egon Krenz wird 1997 vom Landgericht Berlin zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Wie die anderen sieht er sich als Opfer einer „Siegerjustiz“. Ende 2003 – nach knapp vier Jahren in Haft – kommt Krenz frei und zieht sich nach Dierhagen zurück. In dem Örtchen direkt an der Ostsee bewohnt er heute ein kleines, reetgedecktes Haus, der Strand liegt nur wenige Schritte entfernt. Ein Interview mit Cicero lehnt er, ebenso wie Siegfried Lorenz, ab. Egon Krenz zieht es vor, seine Sicht der Dinge in Buchform zu präsentieren, gerade erschienen ist „Widerworte“ (edition ost, 14,90 Euro) mit Reden und Briefen, unter anderen an Richard von Weizsäcker, Gerhard Schröder und Michael Gorbatschow. Bis zuletzt hohes Ansehen in der PDS genießt Werner Eberlein. Im November 1989 hatte er noch einen brisanten Auftrag übernommen: Für drei Wochen war er Vorsitzender der Zentralen Parteikontrollkommission. „Ich bekam jeden Tag über hundert Briefe mit der Forderung, das ganze Politbüro aus der Partei zu schmeißen“, erzählt er 2000 dem Neuen Deutschland; gegen Mittag und Honecker leitet er die Parteiausschluss-Verfahren ein. Im Oktober 2002 stirbt Werner Eberlein beim Rasenmähen an einem Herzinfarkt. Werner Jarowinsky, seit 1984 Mitglied des Politbüros, stirbt im Oktober 1990. Der PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow leitet bis zur Wahl am 18. März 1990 als Vorsitzender des Ministerrates die Geschicke der DDR, später ist er auch Mitglied des Bundestages und des Europaparlaments. Wie Günter Schabowski lebt er heute im Zentrum Berlins in einem Plattenbau. Sonst haben sie allerdings wenig gemein. Günter Schabowski steht mit dem Eingeständnis moralischer Mitschuld an den Mauertoten allein, für seine ehemaligen Genossen ist er ein „Verräter“. Typischer ist die Haltung von Johannes Chemnitzer. „Ich bin Strafrentner“, beschwert er sich bei einem kurzen Interview am Telefon. „Parteifunktionäre, die sich für die Entwicklung der DDR eingesetzt haben, kriegen doch die Rente gekappt.“ Er lebt in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Land, im Naturpark Feldberger Seenlandschaft. „Ich habe Enkelkinder, ich kümmere mich um Haus und Garten –ich habe zu tun.“ Die Mitglieder und Kandidaten des letzten Politbüros: Sie sind heute Bürger in einem Staat, der den meisten von ihnen fremd bleibt. Im Herbst 1989 waren sie im Schnitt 60 Jahre alt, heute sind sie Rentner, die sich nur vereinzelt in Büchern oder Aufsätzen zu Wort melden. Zu den Werktätigen gehört noch Gerhard Schürer . Der frühere Vorsitzende der Staatlichen Plankommission ist unermüdlich: Mitte achtzig ist er und arbeitet noch immer in der Pressestelle des Dienstleisters „Dussmann“. 1993 kommt er mit Peter Dussmann ins Gespräch. „Ich habe Herrn Dussmann geholfen, seine Firma zu erweitern“, erzählt Schürer. Der ehemalige DDR-Chefplaner nutzt seine alten Verbindungen und öffnet dem West-Unternehmer Türen in Russland, China und Vietnam. Auch Hans-Joachim Willerding, mit 37 damals der Jungspund des Politbüros, ist noch aktiv. Er berät als Geschäftsführer der Firma Picon deutsche Firmen in Russland und China. Über sein knapp vierwöchiges Gastspiel als Kandidat will er nicht reden: „Ich fürchte, ich bin kein Partner dafür“, antwortet er knapp per E-Mail aus China. Am Telefon fügt er hinzu: „Ich beschäftige mich im Moment mit den Dingen nicht.“ Die DDR ist Geschichte, sein letztes Politbüro kaum mehr als eine Fußnote. Dirk von Nayhauß ist Journalist und Fotograf. Zuletzt erschien von ihm „7 Fragen an das Leben“, Edition Braus im Wachter Verlag, Heidelberg

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