- „Es gibt keinen kulturellen Sonderfall Osten“
Alexander Prinz ist YouTuber, Bestseller-Autor und Unternehmer aus Ostdeutschland. Im Interview spricht „der dunkle Parabelritter“ über sein Buch „Oststolz“, prekäre Lebensverhältnisse in der Provinz – und den Vorwurf vom „Jammer-Ossi“.
„Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.
Alexander Prinz ist Content Creator, Autor und Unternehmer. Bekannt ist er vor allem unter seinem Internet-Pseudonym „Der Dunkle Parabelritter“. Sein Erstlingswerk „Du kannst sie nicht alle töten. Überleben unter Idioten – ein Ratgeber“ ist 2021 direkt in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. 2025 ist von ihm „Oststolz – Apelle eines Wendekinds“ bei Droemer-Knaur erschienen. Interviewer und Interviewter haben sich auf das „Du“ verständigt.
Alexander, bevor ich das Aufnahmegerät einschalten konnte, hast du gesagt, dass du nicht „verarscht“ werden möchtest. Was meinst du damit?
Ich meine das inhaltlich, also auf Content bezogen. Welche Kommunikationsstrategien werden angewendet, um Menschen zu führen und zu manipulieren? Wenn ich das mitkriege, habe ich einen Aufhänger – sei es wegen irgendwelcher Marketingstrategien von Proteindrink-Herstellern oder Podcast-Bros, die eigentlich nur einen Funnel brauchen, um ihre Krypto-Schemes zu verkaufen. Oder eben auch Politiker, die nach außen das Beste für die Bevölkerung versprechen, aber nur ihre eigenen Immobilien-Deals oder Aktienpakete pushen.
Was ich besonders gruselig finde, ist das Gurueske, das uns mittlerweile überall im Internet begegnet. Wenn aus Followern regelrecht Jünger werden. Ich bin ein großer Fan der Aufklärung. Aber an einem Punkt hatte der deutsche Philosoph Hegel wahrscheinlich recht: Wenn die Religion geht, verschwindet das Religiöse nicht. Es verlagert sich bloß zugunsten von allerlei Scharlatanerie und Ersatzreligionen.
Rein statistisch ist gerade im Osten – wo der Glaube durch die politische Agenda der DDR stark gewichen ist – der Hang zu Ersatzreligionen und Spiritualität sehr hoch. Ich denke, das zeigt vor allem, dass der Mensch nach Antworten auf die großen Fragen strebt. Ich habe nichts gegen Spiritualität. Das Problem ist, dass der Übergang fließend ist: In der Natur gibt es vieles, das funktioniert. Heilkräuter zum Beispiel. Daraus sollte man aber nicht ableiten, dass auch Mondsteine funktionieren.
Lass uns über dich sprechen. Du bist Jahrgang 1994. Wie und wo bist du aufgewachsen?
Ich bin in Halle geboren, aber gut 40 Kilometer südlich auf der sogenannten „Querfurter Platte“ aufgewachsen. Das ist eine sehr ebene Gegend. Eine Kulturlandschaft, in der es außer Ackerbau in den letzten 10.000 Jahren nichts gab. Ab und zu ist mal irgendeine Armee durchmarschiert, aber sonst war da nie wirklich viel los.
Entsprechend war auch die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Man hatte seinen Ort, dann kam eine Weile nichts, dann kamen Felder, und dann kam der nächste Ort, in dem vielleicht ein Freund wohnte. Jedes Treffen war mit einem ungeheuerlichen Aufwand verbunden: sich fahren lassen, mit dem Fahrrad unterwegs sein. Dieses Alleinsein hat mich geprägt. Zumal mein Jahrgang der bis dahin geburtenschwächste im Dorf war.
Weil viele Menschen nach der Wende weggegangen sind?
Ja. Die Kinder, die im Osten nicht geboren wurden, sind im Westen geboren worden. Anfang der 2000er-Jahre war Ostdeutschland bei der Reproduktionsrate sogar das Schlusslicht Europas. Das hat sich mittlerweile immerhin wieder etwas gebessert.
Hast du dieses Alleinsein damals als Defizit erlebt?
Es hat Vor- und Nachteile. Einerseits lernt man, mit sich selbst im Reinen zu sein und Alleinsein nicht mit Einsamkeit zu verwechseln. Andererseits wirkt sich das schon auf die soziale Kompetenz aus. Um es konkret zu machen: In meinem Dorf lebten damals 800 Seelen – und ich war der einzige Bewohner, der 1994 geboren wurde. Es gab eine Nachbarin, die ein Jahr jünger war, und im Nachbardorf noch eine. Das zeigt im Kleinen den großen demographischen Bruch nach der Wende.
Wie haben die Älteren bei dir im Dorf diesen Bruch erlebt?
Ich glaube, der hat viele, die heute um die 50 oder 60 sind, sehr stark beeinflusst: Viele ihrer Freunde sind gegangen, ihre sozialen Gruppen wurden einfach aufgesprengt. Und die, die zurückgeblieben sind, haben sich zurückgelassen gefühlt. Wenn dann noch die einzige Kneipe schließt, ist der Ort tot. Dann fällt man in eine große Einsamkeit. Erst recht, wenn man weiß, wie es früher war.
Wie war es denn davor?
Vor der Wende war das Dorf lebendig. Man wollte – kein Witz – neben unserem Wohnort sogar ein Jugendzentrum bauen, weil so viel los war. Dieser Ort hatte in den 1970er-Jahren die modernste Schule im Landkreis – mit Hallenbad sogar. Man kann wirklich sagen: Da steppte der Bär. Innerhalb einer Generation veränderte sich aber alles.
Strukturwandel in a nutshell.
Genau. Dieser Strukturwandel im Kleinen hat letztlich auch dazu geführt, dass ich „Oststolz“ geschrieben habe. Auslöser war ein Gespräch mit meinem Vater. Er sagte, er bereue, im Osten geblieben zu sein. Da dachte ich: „Moment, das können wir so nicht stehen lassen.“
Nimm unsere Leser mit. Worum geht es in deinem Buch?
Das Buch heißt „Oststolz“, der Untertitel lautet: „Appelle eines Wendekinds“. Im Grunde enthält es drei Appelle. Einer richtet sich an die Menschen, die im Osten leben. Von ihnen muss der erste Impuls ausgehen. Unser Problem ist die fehlende Gemeinschaft. Gemeinschaft lässt sich aber nur herstellen, indem man bleibt. Das ist ein aktiver Prozess. Eine Entscheidung, die man treffen muss.
Was den Osten betrifft, sprechen die Fakten leider oft dagegen, zu bleiben. Das lässt sich nicht schönreden. Deshalb braucht es diesen „Oststolz“. Man muss sich bewusst machen, was die Menschen vor einem in diesem ostdeutschen Raum bereits geleistet haben – in einer Ausgangslage, die nach der Wende noch viel katastrophaler war als heute. So lässt sich eine Verbindung zur eigenen Heimat aufbauen, die bestenfalls dazu führt, dass man in dieser Heimat etwas schaffen will.
Klingt gut, passt aber nicht so recht zur aktuellen Stimmung, oder? Die scheint mir eher von Zukunftsängsten statt von Optimismus geprägt zu sein. Nicht nur, aber auch im Osten.
Es gibt eine Studie des Berlin-Instituts aus dem Jahr 2019. Darin wird verglichen: Wie ist die allgemeine Zukunftsperspektive in verschiedenen Regionen – im Vergleich zu Wahlabsichten, Wahlergebnissen und der aktuellen Einkommenssituation? Das Ergebnis: Es sind nicht unbedingt die Räume, denen es wirtschaftlich schlecht geht, in denen die Stimmung schlecht ist. Sondern die, in denen die Zukunftsperspektive schlecht ist.
Nehmen wir Halle an der Saale – wo wir gerade miteinander sprechen – als Beispiel. Die AfD-Ergebnisse sind in Vierteln mit niedrigem Einkommen sehr hoch. Aber auch in den Siedlungen mit den Einfamilienhäusern. Weil das die Menschen sind, die innerhalb ihres Lebens einen gewissen Status erreicht und heute Angst haben, ihn nicht mehr halten zu können.
Das spüre ich auch bei meinem Vater sehr deutlich: Er hat seine Firma von null aufgebaut und erlebt nun eine Situation, in der die Zukunft dieser Firma bedroht ist. In unserem Umkreis können sich immer weniger Menschen Handwerker leisten, oder sie halten aus Angst vor weiterer wirtschaftlicher Verschlechterung das Geld zusammen. Deshalb ist die Krisenresilienz für mich der Dreh- und Angelpunkt in „Oststolz“.
Stellt sich die Frage, wieviel Krise real ist und wieviel Krise nur gefühlt: Wie lautet dein Statusbericht für den Osten?
Wir glauben, dass der aktuelle Zustand ein historischer Tiefpunkt ist. Das stimmt aber nicht. Im Osten war der Tiefpunkt Anfang der 2000er-Jahre. Das weiß ich noch aus meiner Kindheit. Die Firma meines Vaters startete in den 90er Jahren mit hohen Krediten in den Kapitalismus. Er wollte endlich vorankommen, wie viele andere Menschen im Osten auch. Nach den ersten Jahren hat sich dann allerdings gezeigt: Diesen großen Sprung nach vorne gibt es leider nicht. Da setzte bei vielen Ostdeutschen eine Phase der Resignation ein. Vergleichbar mit dem, was wir gerade erleben.
Als ich das erste Mal den Buchtitel „Oststolz“ las, musste ich an die berüchtigten Ultras von Dynamo Dresden denken. An Szenen, wo die ganze Kurve „Ost! Ost! Ostdeutschland!“ skandiert, und alle „Wessis“ übel beschimpft werden. Wie schafft man ein ostdeutsches Wir-Gefühl, ohne anti-westdeutsche Ressentiments?
Das ist, was ich mit dem Buch versucht habe. Vielleicht habe ich mich mit dem Buchtitel ein bisschen verkalkuliert, weil der überraschend viele Abwehrreflexe ausgelöst hat. Das Buch ist grob zweigeteilt: Der erste Teil ist eine Bestandsaufnahme der Situation, mit Daten und Fakten, erzählt an Eckpunkten meines Lebens. Der zweite Teil erklärt, dass gewisse Phänomene nicht ostspezifisch sind. Es gibt keinen kulturellen Sonderfall Osten. Es geht um Milieufragen. Alle Zusammenhänge und Phänomene, die ich im Buch beschreibe, lassen sich auch in anderen westlichen Regionen mit ländlicherem Einschlag beobachten.
Hast du ein Beispiel?
Das erste Interview für das Buch führte ich mit Journalistinnen aus dem Saarland. Die sagten: Wir haben das so gefühlt, was du geschrieben hast, weil wir genauso aufgewachsen sind. Das trifft es eigentlich ganz gut: In „Oststolz“ geht es nicht nur um den Osten, es geht um ein bestimmtes Milieu. Es geht um den ländlichen Raum, um prekäre Lebensverhältnisse – und darum, diesen Verhältnissen eine Stimme zu geben, ohne eine künstliche Trennung nach Himmelsrichtung zuzulassen.
Im Osten gibt es wenige Ausländer – und trotzdem wird dort besonders viel AfD gewählt. Warum?
Ich glaube nicht, dass Migration der entscheidende Faktor im Osten ist, weshalb Menschen ihr Kreuz bei der AfD machen. Eine Rolle spielt das Thema aber schon. Weil der prozentuale Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Stärker als anderswo in Deutschland. Und das macht sich natürlich auch im Alltag bemerkbar.
Gibt es diesen Gedanken: „Erst kamen die Wessis und haben uns unsere Heimat weggenommen. Und jetzt kommen die Ausländer und tun das Gleiche“?
Ja. Aber dieses Narrativ existiert seit den 90er Jahren. Es war auch damals schon ein starkes Motiv – in Rostock-Lichtenhagen und allgemein in den Baseballschlägerjahren. Ich glaube, das kommt immer dann, wenn die eigene Unsicherheit groß ist oder größer wird: Man sucht nach den Faktoren, die die Situation noch unangenehmer machen. Am Ende dreht alles nach unten. Man sucht den, dem es noch schlechter geht, und versucht, ihn abzuschütteln.
Es gibt aber auch ganz reale Probleme mit Migration und Integration.
Wir haben ein Migrationssystem ohne Systematik, und das hat strukturelle Probleme nach sich gezogen. Im Westen wollte man es immer so handhaben, dass niemand dauerhaft bleibt: Die Italiener kommen, arbeiten, und dann tschüss. Die Türken kommen, arbeiten, und dann tschüss. Man wollte diese Menschen gar nicht langfristig integrieren, sondern hat konsequent ein möglichst unangenehmes Umfeld geschaffen.
Dass das große Probleme nach sich gezogen hat – spätestens seit 2015 –, ist offensichtlich. Und dass über die Probleme, die bei Migration und Integration entstanden sind, zu lange nicht offen gesprochen wurde, war ein großer Fehler. Man hat gesagt: Nein, diese Probleme gibt es nicht. Und wer anderes behauptet, verbreitet rechte Narrative.
Als Pegida anfing, in Dresden gegen zu viel Migration zu demonstrieren, hat das Magazin Der Spiegel den Osten als „Dunkeldeutschland“ markiert.
Schon Anfang der 2000er Jahre wurde ein solches Bild gezeichnet. Die NPD war damals das Aushängeschild des Ostens in den Medien. Dann kam Pegida, und das Muster wiederholte sich: Der Osten als das Rückschrittliche, das Gefährliche. Für die vielen Verbesserungen oder gar die großen Lebensleistungen vieler Ostdeutscher nach der Wende interessierte sich dagegen niemand. Nicht einmal dafür – was bei Pegida die eigentliche journalistische Aufgabe gewesen wäre –, was einen Menschen dazu treibt, morgens aufzustehen, sich ein Schild zu nehmen und auf eine solche Demo zu gehen, obwohl er weiß, dass überall Kameras sind. Diese Frage wurde einfach nicht gestellt.
Der Journalist Nikolaus Blome hat ebenfalls im Spiegel mal eine Kolumne geschrieben über die Popularität der AfD im Osten. Im Jahr 2023 war das. Darin forderte Blome die „Ossis“ auf, für die Wende gefälligst etwas dankbarer zu sein.
Ich kann mir vorstellen, woher dieser Anspruch kommt. Wer heute durch die großen ostdeutschen Städte spaziert, sieht restaurierte Innenstädte, renovierte Altbauten und schicke Neubauten. Was er nicht sieht: Über 90 Prozent aller Wohnungen in Leipzig gehören Menschen, die nicht aus dem Osten kommen. In der Regel sind das Westdeutsche. Ich habe mal ein Video dazu gemacht, das eine Viertelmillion Aufrufe hatte. Aus dem Westen war immer wieder vor allem ein Kommentar zu lesen: „Ich höre zum ersten Mal davon.“ Dabei ist der aktuelle Vermögensunterschied viel relevanter als der Einkommensunterschied, wenn es darum geht, die Lebensbedingungen in Ost und West anzugleichen.
Manch ein Wessi würde jetzt vom „Jammer-Ossi“ sprechen.
Der Begriff transportiert ein tiefes Unverständnis. Allein wenn man sich den Unterschied beim vererbten Vermögen zwischen Sachsen-Anhalt und Bayern anschaut – Faktor 15. Ich würde daraus aber nicht ableiten, den Bayern jetzt mehr wegzunehmen. Meine Antwort wäre: Strukturen schaffen, damit sich jemand im Osten Eigentum aufbauen kann.
Ich sage Ostdeutschen aber auch ganz offen: Ihr könnt nicht auf den einzelnen Westdeutschen sauer sein. Hättet ihr damals die gleichen Möglichkeiten gehabt – Firmenanteile über die Treuhand erwerben, renovierungsbedürftige Innenstadthäuser in Leipzig kaufen –, hättet ihr genauso zugegriffen.
Was ich damit sagen will: Das Feindbild darf nicht der einzelne Mensch sein. Das Systematische ist das Problem: die Seilschaften, der Ausverkauf ostdeutscher Zeitungen, Betriebe, Vermögen. Wir Ostdeutschen wurden ins kalte Wasser geworfen, waren nicht vorbereitet und konnten deshalb nicht in einer Art und Weise an dieser historischen Chance partizipieren, wie wir das gerne getan hätten.
Was macht die AfD im Osten also so stark?
Das Muster ist dasselbe wie in den frühen 2000er-Jahren. Damals war das Vehikel für Protest die NPD. Heute ist es das Internet und eine andere Partei. Die Grunddynamik ist aber die gleiche geblieben: wirtschaftliche Unsicherheit, fehlende Zukunftsperspektive, das Gefühl, nicht gehört zu werden. Was sich verändert hat, ist die Reichweite – durch das Internet ist die Sichtbarkeit heute eine ganz andere.
Wie stehst du zur AfD?
Ich bin kulturkonservativ eingestellt, und es gibt durchaus Punkte, die die AfD anspricht, die ich valide finde. Meine größte Kritik ist, dass dort viele Menschen sitzen, die keine Erfahrung im politischen Geschäft haben. Man hat als politisches Kapital gerade die Hoffnungen der Leute – und spielt damit nicht seriös. Den Menschen falsche Hoffnungen zu machen, die dann wieder enttäuscht werden: Das finde ich problematisch. Ich mag eben nicht, wenn Leute verarscht werden. Das hatten wir schon.
Wie bist du überhaupt zu politischem Content gekommen? Du hast ja ursprünglich vor allem Musikthemen gemacht, oder?
Politik hat mich aber von Anfang an interessiert. Als Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, habe ich darüber mein drittes oder viertes Video überhaupt gemacht. Aber es gab damals keine Zielgruppe dafür. Das änderte sich stark durch Corona. Alternative Informationsquellen wurden gesucht, die Zielgruppe kam verstärkt auf YouTube. Und während die Musikthemen verschwanden – es gab keine Konzerte, keine neuen Alben –, gab es politisch viel zu besprechen. Also bin ich nahtlos von dem einen ins andere Metier gewechselt. Mitte 2021 war die Reichweite allerdings im Keller – und ich an einem Punkt, wo ich dachte, ich höre jetzt auf, mache mein Studium fertig und werde Lehrer.
Lehrer?
Ja, Deutsch und Geografie. Und dann habe ich mir gedacht: Ich experimentiere nochmal. Ich mache etwas, was nicht meinem normalen Metier entspricht – nicht Rock und Metal, sondern etwas, worauf ich sonst noch Bock habe. Und das hat funktioniert.
Wirst du eigentlich als ostdeutscher YouTuber wahrgenommen?
Schon. Es gibt einfach wenige von uns. Die YouTuber, die wirklich groß geworden sind, kamen aus Netzwerken in Köln, Hamburg, später Berlin. Das waren Gruppen, die sich gegenseitig hochgezogen haben. Währenddessen saß ich ohne Netzwerk auf der „Querfurter Platte“. Vor etwa zehn Jahren war ich sogar mal auf Rang sechs der größten Influencer im Osten. Einfach deshalb, weil die so selten sind.
Wie spiegelt sich dein Ostdeutschsein bei deinen Zuschauern?
Die Verbindung zu Menschen aus dem Osten ist natürlich stärker – allein schon durch den Akzent, den viele Nutzer heimelig finden. Gleichzeitig ist er nicht stark genug, um Leute abzuschrecken. Ich habe meinen Dialekt über die Zeit auch angepasst – nicht vollständig, aber in den Videos spreche ich anders, als wenn ich zu Hause bin.
Große ostdeutsche Zeitungstitel wie Leipziger Volkszeitung oder Thüringer Allgemeine sind seit Jahren in westdeutscher Hand. Wird aus dem Osten denn ausreichend über den Osten berichtet?
MDR und regionale Zeitungen machen einen soliden Job, was Regionalität angeht. Regionale Zeitungen kämpfen aber immer mit demselben Problem: den Ausgleich zwischen Relevanz und Regionalität zu finden. Was ich von überregionalen Medien mitbekomme – etwa von der Berliner Zeitung –, sind dagegen oft Artikel, die wohl bewusst gegen den Mainstream geschrieben sind. Das wirkt erzwungen. Als ob Ostdeutsche immer nur dagegen sein dürften. Als ob man das Oppositionelle des Ostens als USP vermarktet, anstatt es wirklich ernst zu nehmen.
Siehst du ein Bedürfnis nach einer eigenständigen ostdeutschen Medienstimme?
Das eigentliche Bedürfnis ist nicht, dass Ostdeutsche mehr Informationsquellen bekommen. Es ist, dass der ländliche Raum mehr Mitspracherecht im gesamtgesellschaftlichen Diskurs bekommt – unabhängig von der Himmelsrichtung. Ich habe gute Freunde in Franken, die haben die gleichen Themen, die gleiche Haltung, ähnliche Lebenserfahrungen. Und die sind in dem, was in Berlin oder Hamburg medial produziert wird, genauso wenig abgebildet.
Was meinst du?
Ich lese quer durch alles – von der Zeit über das Handelsblatt bis zur FAZ. Und jedes Mal, wenn ich zum Beispiel die Zeit aufschlage, denke ich: Kommt ihr auch manchmal aus diesem Berliner Blickwinkel heraus? Es gibt diesen eher konservativen und traditionell eingestellten Teil der Bevölkerung, der weniger an schnellen kosmopolitischen Trendentwicklungen interessiert ist. Der findet aber kaum ein Medium, das für seine Perspektive da ist. Im Gegenteil: Diese wird von vielen Journalisten sogar als rückschrittlich abgetan. Diese Arroganz gegenüber anderen Lebensrealitäten stört mich im deutschen Journalismus sehr.
Holger Friedrich, Verleger der von dir bereits erwähnten Berliner Zeitung, hat vor wenigen Monaten die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung gegründet. Als einen Versuch, eine explizit ostdeutsche Stimme überregional zu etablieren. Was hältst du davon?
Ich verstehe den Gedanken dahinter und finde den Ansatz grundsätzlich gut. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass dadurch kein Tribalismus befeuert wird, um die Marke zu verkaufen. Denn das hilft uns nicht weiter. Es geht nicht darum, in Lagern zu denken. Deshalb versuche ich im Buch ja auch, diese Brücke zu den milieuübergreifenden Themen zu schlagen: ländlicher Raum, Deindustrialisierung, fehlende Krisenresilienz. Letzteres ist das eigentliche Grundproblem, das in Deutschland zu wenig bedacht, aber ständig in medienwirksame Konflikte verpackt wird.
Was wäre also dein zentraler Appell an die Politik?
Dabei zu helfen, Zukunftsperspektiven zu schaffen. Im östlichen Raum sitzen nur 16 Prozent aller deutschen Stiftungen. Das hat Folgen. Mein Vater war an derselben Schule wie ich, damals noch eine Erweiterte Oberschule. Als Klassenbester bekam er eine gezielte Förderung, um im Ausland zu studieren. Das war ein echtes Programm für Leistungsträger. Als ich selbst Klassenbester war und meinen Abschluss machte, hat mir dagegen niemand einen Hinweis gegeben, wo ich Unterstützung finden könnte. Keine Stiftung, kein Programm, keine Ansprechperson. Ich habe es das „Maisfeld“ genannt: Ich kannte nur das, was auf der „Querfurter Platte“ sichtbar war. Das hat mich in meinen Möglichkeiten stark limitiert.
Auch das ist ein Milieu-Problem. Da spreche ich aus eigener Erfahrung.
Genau – da sind wir wieder beim Milieu. Man ist gefangen in den Umständen, in die man hineingeboren wird. Jedes vierte Kind in Sachsen-Anhalt lebt unter oder an der Armutsgrenze. Das hat sich nicht verändert. Es geht nicht darum, Menschen permanent an die Hand zu nehmen – aber in diesen entscheidenden Momenten, wo ein Leben komplett aus den Bahnen geworfen werden kann, braucht es Strukturen, die auffangen.
Das Gespräch führte Ben Krischke.
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