Verteidigung - Das Freiwilligen-Dilemma der Bundeswehr

Erst kamen weniger als gewollt, dann gingen bereits zahlreiche Freiwillige wieder. Das Personalproblem der Bundeswehr spitzt sich zu.

Bundeswehr-Rekruten beim Gelöbnis
(picture alliance) Strammstehen fürs Vaterland – seit neuestem freiwillig.

Die Bundeswehr hat den Beginn ihrer neuen Epoche, den Start der Berufsarmee, mit großem Aufwand inszeniert: Verteidigungsminister Thomas de Maizère begrüßte in der Berliner Julius-Leber-Kaserne mehr als 100 der neuen Freiwilligen Wehrdienstleistenden persönlich per Handschlag. Er lobte ihren Einsatz für das Vaterland, ihre Bereitschaft, Deutschland zu dienen. Und beim öffentlichen Gelöbnis vor dem Reichstag sprach der Bundespräsident zu den Rekruten. "Unser Land hat Ihren Einsatz verdient, unser Land ist Ihren Einsatz wert", gab Christian Wulff den 450 angetretenen Freiwilligen mit auf dem Weg.

Doch dieser Einsatz begeisterte längst nicht alle Freiwilligen: Die Grundausbildung, mit Wecken um fünf Uhr, Morgenappell im rauem Kasernenton, Marschieren üben, sonstiger Drill, Waffen und Stuben reinigen führten zu einer Kündigungswelle unter den neuen. Nach wenigen Tagen in der Truppe quittierten Hunderte schon wieder den Dienst: An manchem Standort habe bereits jeder fünfte Freiwillige die Ausstiegsklausel der Probezeit genutzt, um wieder Zivilist zu werden, berichtete der NDR. „Natürlich gab es Freiwillige, die das gemacht haben“, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. „Zahlen können wir nicht nennen. Die Probezeit geht bis Ende Dezember, erst dann wissen wir endgültig, wie viele Freiwillige bleiben.“

Genug kamen von Anfang an nicht. Schon jetzt lässt sich das Fazit ziehen, dass die Truppe vor einem Freiwilligen Dilemma steht. Freiwilligenarmee nennt sich die Bundeswehr seit dem Ende der Wehrpflicht. Das klingt besser als Berufsarmee, meint aber nichts anderes. Dem neuen Namen macht die Truppe bisher keine Ehre, denn gerade die Rekrutierung der Freiwilligen stellt die Bundeswehr, die bislang daran gewöhnt war, dass in jedem Quartal automatisch junge Männer in die Kasernen einzogen, vor große Probleme. „Die Gewinnung von Freiwilligen für den Dienst in den Streitkräften ist ein wichtiger Aspekt zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr“, heißt es beim Verteidigungsministerium. „Insbesondere seit dem Aussetzen der Wehrpflicht kommt der Gewinnung von Freiwilligen ein besonderer Stellenwert zu.“

Mit dem Slogan „Pflicht wird zur Chance“ warben die Wehrberater um Freiwillige, in der Bild-Zeitung wurden vom Verteidigungsministerium Anzeigen geschaltet, Werbung im Fernsehen gebucht, zehntausende Abiturienten wurden angeschrieben – mit mäßigem Erfolg. 3375 junge Männer und 44 Frauen traten am 4. Juli ihren Dienst als freiwillige Wehrdienstleistende an.

5.000 Freiwillige hätte es werden sollen. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte am Anfang seiner Reformpläne gar noch von 15.000 Freiwilligen gesprochen. Zwar meldete die Bundeswehr stolz, dass es Anfang Juli 14.000 Freiwillige ihren Dienst leisteten. Doch mehr als 10.000 davon waren bereits Soldaten: Sie gehörten zu den letzten Wehrpflichtigen, die im Januar 2011 oder davor eingezogen worden waren und ihren Dienst um einige Monate oder ein Jahr verlängerten.

Die Freiwilligen – wie zuvor die Wehrpflichtigen – werden vor allem für Hilfs- und Unterstützungsaufgaben gebraucht. Viele werden Fahrer oder Logistiker – aber auch die Kampftruppe, etwa Jäger und Grenadiere greifen auf Freiwillige zurück. Wer sich länger als ein Jahr verpflichtet kann auch in den Auslandseinsatz geschickt werden. Wichtig sind die Freiwilligen für die Truppe aber vor allem, weil unter ihnen Zeitsoldaten rekrutiert werden sollen. Mehr als ein Drittel der Zeitsoldaten wurden bisher unter den Wehrpflichtigen gewonnen. „Besorgnis erregend sei die Personalentwicklung nicht“, versichert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. „Die Probezeit ist schließlich ein Teil der Attraktivität, die den Freiwilligendienst ausmacht.“

Für die Freiwilligen macht die Probezeit Sinn. Die Soldaten, die heute in den Kreiswehrersatzämtern rekrutiert werden, kennen den Alltag des Militärs nur von Erzählungen von Freunden und Verwandten - oder aus dem Fernsehen. Doch Hollywood und Hammelburg haben wenig miteinander gemein. Zwar bietet die Bundeswehr ein Schnupperpraktikum in der Truppe an, von der Offerte machen viele künftige Soldaten aber kein Gebrauch.

Auch die Freiwilligen des Wachbataillons, die de Maizière persönlich begrüßte, hatten sich mit der Bundeswehr wenig beschäftigt. „Warum haben Sie sich für uns entschieden?“, fragte sie der Minister. Nicht Vaterlandsliebe, die Sehnsucht nach Kameradschaft oder Disziplin, nannten die meisten als Entscheidungsgrund. Stattdessen sagte mancher Rekrut, er habe keine Lehrstelle bekommen, andere wussten nicht, was sie nach dem Abitur machen wollten. Ein Jugendlicher, der sitzen geblieben war hätte sonst sowieso zum „Bund“ gemusst und war einfach dabei geblieben. Die Antworten dürften de Maizière nachdenklich stimmen. Die Konjunktur ist gut wie lange nicht mehr, manche Branche hat Probleme, Lehrstellen zu besetzen, die Arbeitslosigkeit schrumpft. Die Bundeswehr muss um „die besten Köpfe kämpfen“, wie de Maizière immer wieder betont.

Hohe Offiziere und Politiker aus allen Parteien beäugen skeptisch die Personalentwicklung bei der Bundeswehr, die Sorge vor einer „Prekariatsarmee“ macht die Runde. Den Begriff prägte Michael Wolffsohn, Historiker an der Bundeswehruniversität in München. Er warnt davor, dass die Armee im Einsatz die Gutausgebildeten abschrecke, die in der freien Wirtschaft Stellen finden könnten, und die jungen Leute ohne Abschluss anzöge. Wolffsohn verweist darauf, dass in der Bundeswehr junge Soldaten aus strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands überrepräsentiert seien. Last Exit Bundeswehr, sozusagen.

Vor kurzem griff Verteidigungsminister de Maizière den Professor scharf an und bestritt dessen Thesen. Doch ein Blick ins Ausland zeigt, dass andere Streitkräfte nach dem Wechsel von der Wehrpflichtigen- zur Berufsarmee große Rekrutierungsprobleme bekamen. Amerikanische und britische Rekrutierungsoffiziere streifen durch Einkaufszentren, stehen vor Fastfood-Restaurants und sollen gelegentlich durch die Gefängnisse ziehen, um künftige Infanteristen zu finden.

Die Antwort des Ministers auf die Rekrutierungsprobleme sind drei Wörter: „Wir. Dienen. Deutschland“. Stolz stellte de Maizière vor wenigen Tagen die Kampagne seines Hauses vor. Der Slogan sei ohne die Hilfe einer professionellen Agentur entwickelt  worden. Auf den Fotos der Broschüren lächeln junge Soldaten in Flecktarn begeistert. Doch ob die Lust am Dienen reicht, um den Kampf um die besten Köpfe zu gewinnen bezweifelt sogar mancher Verteidigungspolitiker der Union.

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