Das „Überraschungspaket“

In Vietnam geboren, unter Bundeswehroffizieren aufgewachsen, erst Landesminister in Niedersachsen, jetzt mit 36 Jahren Bundesgesundheitsminister: Philipp Rösler.

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Plötzlich ist Philipp Rösler Hoffnungsträger im doppelten Sinn: „Schön, dass es einer von uns zum Bundesminister gebracht hat“, sagt ein im Reichstag beschäftigter Schwarzer dem nun für Gesundheit zuständigen Kabinettsmitglied kurz nach der ersten Fraktionssitzung. Da wusste der erst 36-Jährige, der bereits als Prototyp für den neuen FDP-Politiker steht, endgültig, wie sehr er für viele Menschen mit Migrationshintergrund zum Vorbild für den Aufstieg in diesem Land geworden ist. Dabei fühlt sich Rösler als Deutscher durch und durch. Dass er mit neun Monaten als „Überraschungspaket“ aus Vietnam bei seinen deutschen Adoptiveltern ankam, spielte für ihn nie eine Rolle. Das Gefühl von Fremdheit oder Verlassenheit kannte er nicht, schließlich war da der Vater, den der Sohn noch heute liebevoll „mein Papa“ nennt. Uwe Rösler ist der Grund dafür, dass der Junge nie nach seinen leiblichen Eltern suchen wollte. Nach der Trennung von seiner Frau zog der Fluglehrer bei der Bundeswehr den Sohn allein groß, widmete ihm viel Zeit. Abends las er dem kleinen Jungen regelmäßig aus Grimms Märchen und den deutschen Heldensagen vor. Nach der Schule aßen die beiden im Offizierskasino zu Mittag. Später ermunterte der Vater den Teenager, das Fliegen zu lernen. Mit der Adoption war Uwe Rösler offensiv umgegangen, hatte sich mit dem kleinen Philipp vor einen Spiegel gestellt und ihm gezeigt, dass Augen und Nase des Großen und des Sprosses anders aussehen. Entscheidend war dann die Botschaft: Du bist mein Sohn. Das lebten die beiden. Die daraus resultierende innere Standfestigkeit paarte sich mit einem wachen Verstand und Redetalent. Diese Mischung dürfte eher der Grund dafür gewesen sein, dass Philipp Rösler unter Jugendlichen nie zum Außenseiter wurde, als die gern verbreitete Geschichte, die Altersgenossen hätten alle befürchtet, er sei fit in asiatischen Kampfsportarten. Politisch zu denken, lernte der Sohn ebenfalls durch seinen Vater. Der war zunächst überzeugter Sozialdemokrat, landete aber später bei der FDP, da die SPD zur Anti-Atom-Partei geworden war, was Vater Rösler als falsch ansah. Früh bekam Philipp politische Vorgänge erklärt. Das führte allerdings 1982 nach dem Wechsel der FDP in eine unionsgeführte Regierung zunächst dazu, dass der Junge die Partei, in der er später Karriere machen sollte, als Truppe von Verrätern ansah. Sucht man nach einem Schlüsselerlebnis, das Philipp Rösler den Weg in die Politik wies, so ist es die Empörung über einen Lehrer an seiner Lutherschule in Hannover, der sich bei den Republikanern engagierte. Rösler organisierte den Protest der Schüler, landete schließlich in der Schülervertretung und lernte dort ein Mitglied der Jungen Liberalen kennen. Parallel dazu faszinierte ihn der Geschichtsunterricht, insbesondere die Aufklärung. „Cool“ fand er die Idee, die Vorgaben von Gott oder Kaiser nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen. Seine Begeisterung für diese Themen führte schließlich dazu, dass er vier Semester Philosophie und Geschichte studierte und sich intensiv mit Politikern wie Ludwig Windthorst und Karl Rudolf von Bennigsen beschäftigte. Spätestens aber, als Rösler Kant belegen wollte, wurde ihm klar, das funktioniert nicht mal eben nebenbei. Denn sein eigentliches Ziel war die Medizin. Er folgte dem Vater, trat als Sanitätsoffiziersanwärter bei der Bundeswehr ein und wurde 2003 zum Doktor der Medizin promoviert. Auf diesem Weg fand Philipp Rösler zum Glauben. Als er im Friederikenstift in Hannover arbeitete, fragte er die Kollegen und Schwestern dort, wie sie täglich mit Leid und Tod umgehen könnten. Die Antwort lautete, man sei schließlich ein christliches Haus. Seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Wiebke, die in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen war, spielte eine maßgebliche Rolle bei Röslers Entscheidung, sich taufen zu lassen. Er sei der ungewöhnliche Mensch, der seine Taufpatin geheiratet habe, erzählt er gern. Mit diesem Schritt schließt sich für Rösler ein Kreis, denn er war nach seiner Geburt 1973 zunächst in einem katholischen Waisenhaus in Khánh Hung aufgenommen worden. Der Glaube gebe Trost und Kraft und lehre Bescheidenheit und Demut, sagt der neue Minister, der auch dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört. Wie das Grundgesetz den Menschen vor weltlicher Gewalt schütze, bewahre der Bezug auf Gott den Menschen vor sich selbst – damit er nicht glaube, er sei das Maß aller Dinge. So sucht der Mann die Erdung, der im Schnelldurchlauf die politischen Karrierestufen vom Generalsekretär zum Vorsitzenden der FDP in Niedersachsen nahm, vom Fraktionsvorsitzenden zum Wirtschaftsminister des Landes bis hin zum Bundesminister. Hier ist die Basis für sein Verständnis von einer liberalen Partei zu verorten, die auch eine wirkungsvolle Sozialpolitik verfolgen müsse. In seinem neuen Amt sieht er eine zentrale Aufgabe darin, ein zukunftsfähiges und zugleich solidarisches Gesundheitssystem zu schaffen. Skeptiker verweisen gern darauf, Rösler sei so schnell durch alle Ämter gelaufen, dass er nirgends Spuren hinterlassen habe. Er selbst weiß, dass die Attribute jung und exotisch nicht lange tragen, dass er künftig durch Inhalte überzeugen muss.

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