Daniel H. aus Chemnitz - Vom „Negi“ zum Märtyrer

Trauermärsche, Gedenkminuten, Proteste und Konzerte - der gewaltsame Tod von Daniel H. bewegt Chemnitz. Aber wer war dieser Mann? Tatsächlich wurde er selbst von rechten Hooligans verprügelt und als „Negi“ beschimpft. Eine gute Freundin von ihm berichtet uns davon

Wie der Tod eines Menschen den Rechtsstaat in Chemnitz in Bedrängnis brachte / picture alliance

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

So erreichen Sie Antje Hildebrandt:

Blumen, alles voller Blumen. Sie erinnern daran, dass hier, in der Brückenstraße im Zentrum von Chemnitz, ein Mann gestorben ist an den Folgen von Messerstichen. Regelrecht „niedergemetzelt“ sei er von südländisch aussehenden Männern worden, hieß es in rechten Internetforen. Von 55 Stichen war die Rede. Dies war nur ein Gerücht, die Polizei hat es später dementiert, doch es reichte, um die Stimmung in der Stadt zur Explosion und den Rechtsstaat an den Rand seiner Handlungsfähigkeit zu bringen.  

Am Tag nach dem Tod von Daniel H. gingen Tausende auf die Straße. Aus Trauer um das Mordopfer, einen 35-jährigen deutschen Familienvater, behaupteten die Organisatoren der Demo, der rechtsextreme Fußballclub „Kaotic Chemnitz“. Doch nicht alle kauften ihnen diese Begründung ab. Denn bei dem vermeintlichen Trauermarsch entluden sich Hass und Fremdenfeindlichkeit. Es gab Bilder, die zeigten, wie einzelne Männer den Hitlergruß zeigten oder Jagd auf Menschen machten, die ausländisch aussehen. Es entbehrt nicht der bitteren Ironie, dass das Todesopfer allein wegen seiner Hautfarbe selbst jahrelang Zielscheibe für rechte Gewalt war. „Negi“, so nannte man ihn in Chemnitz. 

Wer war Daniel H.?

Wer aber ist der Mann, dessen gewaltsamer Tod eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt auslöste? Der die Chemnitzer Band Kraftclub auf die Idee brachte, mit den Toten Hosen und anderen Gruppen ein Konzert in der Innenstadt zu geben, um ein Zeichen gegen Rassismus und Hass zu setzen? 65 000 Menschen aus ganz Deutschland folgten dieser Einladung. Diesmal war die Polizei mit Hundertschaften aus dem ganzen Land zur Stelle. Diesmal blieb alles ruhig.  

Wer war der Mann, dessen Freund gleich nach der gewaltsamen Demo am Sonntag auf Facebook postete, sein Tod sei von Rechten bloß instrumentalisiert worden um die Bundeskanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik zu geißeln? „Mit diesen Rechten mussten wir uns früher prügeln, weil sie uns nicht als deutsch genug angesehen haben. Ich bitte Euch, lasst Eure Trauer nicht in Wut und Hass umwandeln“, schrieb er.

Fremde, die Fremde bleiben

Daniel H., 35 Jahre alt, gelernter Maler, geschieden, ein Kind. Ein Mann, der in Chemnitz wegen seiner Hautfarbe auffiel: „Negi“. Sein Vater war Kubaner, die Mutter Deutsche. Eine gute Freundin von ihm erzählt das. Ihren Namen sollen wir nicht nennen, wir nennen sie Maren. Man trifft sie an der Stelle, wo Daniel H. in der Nacht zum Sonntag blutüberströmt zusammenbrach. Eine zierliche Frau, die schnell spricht. Ohne Punkt und Komma sprudeln die Worten aus ihr heraus. Sie muss die Trauer irgendwie loswerden. 

Maren ist Deutsch-Kubanerin wie Daniel H. Sie sagt, sie kennen sich schon seit Kindertagen. Ihre Väter seien beide in den siebziger Jahren als Vertragsarbeiter aus Kuba gekommen. Chemnitz war damals ein florierender DDR-Industrie-Standort – und die Männer aus den sozialistischen Bruderländern willkommene Arbeitskräfte. Wer sie waren, hätte keinen interessiert. Einquartiert wurden sie in einem Haus am Stadtrand. Fremde, die Fremde blieben. 

Maren sagt, erst nach der Wende hätten sie sich über das ganze Stadtgebiet verteilt. Sie werde nie vergessen, wie überrascht sie gewesen sei, als sie Daniel H. zum ersten Mal getroffen habe. „Ich habe ihn gefragt, warum bist Du schwarz und ich weiß?“

Es geht um mehr

Über Daniel H. will Maren sich eigentlich nicht äußern – aus Rücksicht auf seine Familie, wie sie sagt. Die wolle nicht, dass die Medien noch mehr über Daniel H. berichteten. Sie habe schon genug gelitten.  

Aber wie es ist, in einer Stadt aufzuwachsen, auf die jetzt die ganze Bundesrepublik schaut, mit einer Mischung aus Angst, stummem Entsetzen und Sorge um die Demokratie, das möchte Maren schon erzählen. Hier geht es schließlich nicht nur um Daniel H., hier geht es auch um sie und alle anderen Menschen, die längst einen deutschen Pass haben, aber immer noch die Frage beantworten müssen, woher sie kommen. Maren sagt, daran habe sich seit den neunziger Jahren kaum etwas geändert. „Auch damals gab es in Chemnitz schon gewaltbereite Rechte.“ 

Sie sei jedesmal nur komisch angeguckt worden, wenn sie ihren kubanischen Familiennamen nannte. Aber Daniel H., der habe es schwer gehabt. „Die Leute sind immer erst einen Meter zurückgetreten, wenn sie ihn gesehen haben.“ Maren sagt, sie erinnere sich noch gut daran, wie es war, als sie Ende der neunziger Jahre zusammen mit Klassenkameraden einen Ausflug zu einer Bowling-Bahn machten. „Vor dem Eingang standen Hooligans und sagten: Wenn Daniel reingeht, holen wir Verstärkung.“ Gut vernetzt seien die damals schon gewesen, auch ohne Internet. „Ruckzuck, standen da hundert Männer vor der Tür.“ Es habe sie einige Überredungskunst gekostet, um die Hooligans umzustimmen.

Polizei hat oft weggeschaut

So friedlich gingen Auseinandersetzungen nicht immer aus. Maren sagt, Daniel H. sei mehrfach von Rechten verprügelt worden. Kahlgeschorene Männer, die Bomberjacken und Springerstiefel trugen und auch sonst dem Klischee rechter Dumpfbacken entsprachen. Sie habe das ja erlebt, sei einige Male dabei gewesen, als Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken eskalierten. Sie sagt, was viele Bürger auch heute noch in Chemnitz oder im Rest von Sachsen beklagen. Dass nämlich die Polizei bei solchen Auseinandersetzungen gerne weggeschaut habe. 

Wie hat Daniel H. diesen Druck ausgehalten? Als lebenslustig und hilfsbereit, so beschreiben ihn andere Freunde. Als einen, der Musik von Bob Marley liebte und gerne mal eine Tüte geraucht habe. Auf seiner Facebook-Seite hat er wenig Persönliches über sich gepostet. Ein Foto seines verstorbenen Hundes oder die Nachricht von seiner Hochzeit. Wie es in ihm aussah, lässt ein Kalenderspruch erahnen. „Lieber auf einem steinigen Weg durchs Leben gehen als auf einer Schleimspur durchs Leben rutschen“, steht da. Oder: „Die Nationalität ist völlig egal. Arschloch ist Arschloch.“ Fotos zeigen einen glatzköpfigen Mann, der seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Entspannt wirkt er nicht. Kämpferisch hat er den Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen gereckt. 

Zum ersten Mal sicher gefühlt

Wie wurde aus „Negi“, dem Opfer rechter Gewalt, ein Märtyrer? Eine Figur, wie geschaffen, um von der rechten Szene als Held verehrt zu werden? Dass er sich nachts um drei Uhr nach dem Stadtfest schützend vor eine Frau gestellt haben, soll, die von jungen Arabern belästigt worden sein soll, passt gut zu dem Bild, das Rechte von ihm verbreitet haben. Doch so war es nicht. Die Polizei hat das inzwischen dementiert. Auch von 55 Messerstichen ist nicht mehr die Rede, nur noch von fünf. Das Schreckensszenario eines Gemetzels, alles nur erfunden. Die Polizei hat zwei junge Männer festgenommen, der eine soll aus dem Irak stammen und der andere aus Syrien. Ein dritter Mann wird jetzt noch gesucht. Die Hintergründe der Tat liegen immer noch im Dunkeln.  

Das hat die Gerüchteküche befeuert. Mal ist von Streit um Zigaretten die Rede, mal davon, dass die Araber versucht haben sollen, H. eine Kreditkarte zu klauen. Verschwörungstheoretiker behaupten sogar, der Mord an Daniel H. sei von langer Hand geplant worden, um den Bands einen Vorwand für das Konzert gegen Rechts zu liefern. 

Eine völlig absurde Spekulation. Aber in Zeiten, da sich viele Chemnitzer zu Unrecht als Rechte an den Pranger gestellt fühlen und eher irgendwelchen Blogs als den Medien vertrauen, fällt sie auf fruchtbaren Boden. Maren will die Spekulationen nicht kommentieren. Sie sagt, sie sei froh, dass das Konzert mit 65.000 Besuchern friedlich und ohne Ausschreitungen verlaufen sei. So viele Polizisten in der Stadt, wann habe es das jemals gegeben? Sie sagt, sie habe sich zum ersten Mal richtig sicher in ihrer Stadt gefühlt. „Ich hoffe, dass das so bleibt.“