von Klaeden - Ein schlechtes Gewissen ist unnötig

Eckard von Klaeden verlässt die Politik und tritt als Lobbyist in die Reihen des Daimler-Konzerns. Ein neues, immer häufiger anzutreffendes Karrieremuster

Eckard von Klaeden: Der Schritt vom Politiker zum Lobbyisten wird Normalität
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Dr. Hugo Müller-Vogg arbeitet als Publizist in Berlin. Der gebürtige Mannheimer war von 1988 bis 2001 Mitherausgeber der F.A.Z. Sein aktuelles Buch „Wolfgang Bosbach: Endspurt. Wie Politik tatsächlich ist – und wie sie sein sollte” ist im Herbst 2016 erschienen.

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„Tempora mutantur et nos mutamur in illis“. Das wussten schon die alten Römer: Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit den Zeitläufen. Weil das so ist, ist der Wechsel von Kanzleramts-Staatsminister Eckart von Klaeden zur Daimler AG der Beleg für ein neues, immer häufiger anzutreffendes Karrieremuster: erst Politik, dann Wirtschaft. Oder anders ausgedrückt: erst Fronarbeit für das Gemeinwesen, dann das große Geld.

Der CDU-Mann aus Niedersachsen hat in der Politik eine steile Karriere hinter sich. Der einflussreiche Job im Kanzleramt war der bisherige Höhepunkt, aber nicht zwangsläufig der Schlusspunkt. Doch mit 47 Jahren steigt er aus der Politik aus, weil sich plötzlich eine Chance ergibt für eine neue Laufbahn. Und weil dieser andere berufliche Weg viele Annehmlichkeiten verspricht, die die Politik nicht bieten kann: weniger Öffentlichkeit, keine Abhängigkeit von Parteizirkeln, mehr Zeit für die Familie und – nicht zuletzt – deutlich mehr Geld.

Auch wenn jetzt überall Vergleiche mit anderen Seitenwechslern angestellt werden: Mit Gerhard Schröder oder Joschka Fischer ist von Klaeden nicht zu vergleichen. Hier versilbert nicht ein abgewählter Ex-Politiker seine politischen Erfahrungen und Verbindungen. Hier sucht nicht jemand nach innerparteilichen Niederlagen und wegen fehlender Aussicht auf neue, höhere Ämter einen Neuanfang außerhalb des politischen Betriebs, wie das bei Friedrich Merz der Fall war. Nein, hier verabschiedet sich ein Politiker aus freien Stücken – ganz unabhängig von künftigen Wahlergebnissen.

Von Klaeden steht für eine neue Generation von Männern und Frauen, die relativ jung an Jahren aus der Politik ausscheiden. So wechselte Hildegard Müller (CDU), eine der Vorgängerinnen von Klaedens im Kanzleramt, 2008 zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Matthias Berninger von den Grünen, erst Gesundheits-Staatssekretär und später wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, zog 2007 den Schokoriegel-Hersteller Mars dem deutschen Volk als Arbeitgeber vor. In die Kategorie der freiwilligen Seitenwechsler fällt auch Roland Koch (CDU), der 2010 als hessischer Ministerpräsidenten zurücktrat und inzwischen als Vorstandschef den Baukonzern Bilfinger Berger recht erfolgreich lenkt. Was gerne vergessen wird: Ex-Umweltminister Norbert Röttgen stand einmal kurz vor dem Wechsel in die Wirtschaft. Im Nachhinein dürfte der Wahlverlierer von Düsseldorf es sehr bereut haben, dass er damals nicht gesprungen ist.

Unabhängig von den jeweils unterschiedlichen persönlichen und politischen Umständen:

In solchen Wechseln spiegelt sich die Verjüngung in der Politik wider. In den Zeiten, in denen sich überwiegend weißhaarige Herren an Kabinettstischen versammelten, blieben für die Dreißig- und Vierzigjährigen nur solche politischen Ämter, die sie für die Wirtschaft nicht interessant machten. Ein Staatsminister aus dem Kanzleramt bringt eben zum neuen Arbeitgeber ganz andere Verbindungen mit als ein ehemaliger stellvertretender Ausschussvorsitzender.

Von Klaedens Wechsel in die Wirtschaft wird auch deshalb keine Ausnahme bleiben, weil das politische Geschäft viel härter und aufreibender geworden ist als früher. Die Beobachtung durch die Medien ist gnadenloser denn je, die Neigung zur Skandalisierung jeglichen Fehlers so groß wie nie. Nicht jeder will sich das ein Leben lang antun. Auch sind die Belastungen bis hin zu Anfeindungen, denen die Familien von Politikern heute ausgesetzt sind, viel größer als in früheren Zeiten.

Noch etwas erleichtert den Wechsel von der Politik in die Wirtschaft: Die beiden Volksparteien stehen nicht mehr für diametral entgegengesetzte Weltanschauungen. Anders als zu Zeiten der großen ideologischen Auseinandersetzungen muss ein Politiker, der in die Wirtschaft geht, kein schlechtes Gewissen mehr haben. Er lässt vielleicht Freunde zurück, aber andere Kreuzritter nicht im Stich.

Was von Klaeden jetzt macht, ist in den Vereinigten Staaten gang und gäbe. Junge Leute gehen in die Politik oder in den Staatsdienst und wechseln dann in die Wirtschaft. Oder Ältere, die in der Wirtschaft Erfolg hatten, wechseln in die Politik, „um dem Land etwas zurückzugeben“, wie eine etwas pathetisch klingende, aber im Grunde schöne Begründung lautet. Der „Fall“ von Klaeden ist so besehen ein weiterer Schritt in Richtung Amerikanisierung der deutschen Politik. Was noch fehlt, sind einige Topmanager, die auch mal dem Staat dienen.

 

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