Coronavirus und Sportindustrie - Wettbewerb um jeden Preis

Das Coronavirus schränkt das öffentliche Leben weiter ein. Auch der Sport ist betroffen. Es drohen Milliardenverluste und die Rufe nach Kompensation werden lauter. Den Funktionären geht es dabei weniger um den Sportsgeist als vielmehr ums knallharte Geschäft.

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Erst gab es Geisterspiele, inzwischen wurde die Saison der Bundesliga ausgesetzt / picture alliance

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Allmählich wird zumindest in Umrissen erkennbar, welche dramatischen ökonomischen und sozialen Verwerfungen die Corona-Krise mit sich bringen könnte. Und prompt entfaltet sich ein gigantischer Verteilungskampf um Kompensationen für bereits akute oder zu befürchtende materielle Einbußen, die in vielen Fällen tatsächlich existenzbedrohende Ausmaße annehmen können.

Ganz schlecht sieht es dabei für viele kleine Gewerbetreibende, Solo- und Scheinselbstständige sowie prekär beschäftigte Arbeitnehmer aus, für die Instrumente wie unbegrenzte Kreditvergabe, Steuerstundungen und Kurzarbeitergeld wenig bis gar keinen Effekt haben. Es ist die Stunde der Lobbyisten, deren Aufgabe es vorrangig ist, die große ökonomische und gesellschaftliche Relevanz ihrer jeweiligen Klientel ins rechte mediale Licht zu setzen.

Das hässliche Gesicht der Verantwortungslosigkeit

So berechtigt und nachvollziehbar die jeweiligen Anliegen in vielen Fällen auch sein mögen, aber in einigen Branchen zeigen Manager und Funktionäre angesichts der Krise nichts weiter als ein hässliches Gesicht der Verantwortungslosigkeit und der hemmungslosen Gier. Besonders deutlich wird dies beim professionellen Leistungssport.

Noch am Sonntag sprach der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, in der ARD-Sportschau angesichts der Aussetzung des Spielbetriebs von einer „Übertreibung“ und einem „vertretbaren Risiko“, wenn man die Spiele ohne Zuschauer austragen würde.

Die Gesundheitsgefahr sei „nicht so gravierend“

Alleine das ausgefallene Schlagerderby Dortmund gegen Schalke 04 schlage schließlich mit Mindereinnahmen von 75 Millionen Euro zu Buche. Das hätte man „abwägen“ müssen, denn „die Gesundheitsgefahr für eine Profi-Mannschaft würde ich als nicht so gravierend einstufen“ so Watzke.

Ungeheuerliche Aussagen angesichts der Tatsache, dass bereits einige Spieler aus der 1. und 2. Bundesliga positiv auf Corona getestet wurden, und sich einige europäische Spitzenteams komplett in Quarantäne befinden. Auch Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, warnte noch am Freitag vor Spielabsagen.

Es drohen Milliardenverluste

„Es ist sinnvoll, dass der Spieltag stattfindet, da es auch um Finanzen geht. Es steht noch eine Zahlung von den TV-Sendern aus und wenn diese ausbleiben würde, könnte das für viele Vereine sehr problematisch werden", erklärte Rummenigge auf einer Pressekonferenz. Weiterer ökonomischer Schaden entstünde durch entgangene Sponsoren- und Eintrittsgelder. Werden dann auch noch – wie derzeit wahrscheinlich – Wettbewerbe wie die Champions Leguane und die Fußball-EM – abgesagt, drohen der Branche Milliardenverluste.

Doch es geht nicht nur um Fußball, auch die Politik gibt in ihrer Unterwürfigkeit gegenüber den Interessen des gewinnorientierten Spitzensports ein erbärmliches Bild ab. So werden zwar Sportanlagen und Schwimmbäder flächendeckend geschlossen, davon ausgenommen werden allerdings Kaderathleten und deren Trainer, wenn es um die Vorbereitung auf die bevorstehende Olympiade in Japan geht, die nach dem Willen der Sportfunktionäre unbedingt stattfinden soll.

Die Branche und ihr System stehen auf dem Prüfstand

Es mag zynisch klingen, aber die Corona-Krise böte auch die Chance, das gesamte System des professionellen Leistungssports gründlich auf den Prüfstand zu stellen. Die Branche generiert Jahr für Jahr Milliardengewinne, wobei Korruption, Steuerhinterziehung und Formen der organisierten Kriminalität eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Erfolgreiche Spitzensportler, Vereine und Nationalteams sorgen für regionale oder nationale Identifikation und sind somit optimale Projektionsflächen für Werbebotschaften aller Art.

Erfolge oder Misserfolge können sogar die politische Stimmung in einem Land beeinflussen. Mächtige Sportverbände sind sich dessen bewusst und spielen schamlos ihre Macht aus. Bei der Vergabe von Großereignissen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen pochen sie auf die Gewährung eines weitgehend rechtsfreien Raumes in den Ausrichterländern.

Ein rechtsfreier Raum?

Das betrifft unter anderem Steuerbefreiungen, die partielle Aussetzung von arbeitsrechtlichen, sozialen und Umweltstandards, unbegrenzte Geldtransfers und ein wettbewerbswidriges Monopol bei der Vermarktung dieser Events bis hin zu den in Stadien angebotenen Getränkemarken. Auch in Deutschland stecken Bund, Länder und Kommunen Jahr für Jahr enorme Summen in diesen Zirkus.

Finanziert werden unter anderem „Sportkompanien“ der Bundeswehr sowie zahlreiche Stellen bei der Bundespolizei und anderen Behörden, wo Spitzensportler als freigestellte Mitarbeiter ihrer Profession nachgehen können. Direkt aus dem Haushalt finanziert werden rund 20 Olympiastützpunkte sowie diverse Leistungszentren. Ferner werden Großereignisse mit erheblichen Summen subventioniert, sei es durch kostenfreie Bereitstellung von Sportstätten, Infrastruktur und Logistik oder den Einsatz von Polizeikontingenten zur Absicherung der Veranstaltungen.

Die „Vorbildfunktion“ des Spitzensportes

Begründet wird dies alles mit der herausragenden Bedeutung des Spitzensports und der wichtigen „Vorbildfunktion“ erfolgreicher Sportler. Das treibt mitunter skurrile Blüten. Eine eigentlich Abscheu erregende Kultur der Selbstverstümmlung wird dabei zum bewundernswerten Heroismus umgedeutet. Ein gewisser Andreas Toba avancierte in Deutschland zum Nationalhelden, als er bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro trotz Kreuzbandriss den Mannschaftswettkampf zu Ende turnte, um der Mannschaft die Finalteilnahme zu ermöglichen.

Als Ikone wurde auch der Diskuswerfer Robert Harting verehrt, dessen zerschlissene Bänder und Sehnen jahrelang multimedial inszeniert wurden. Eine Lachnummer ist der viel beschworene „Kampf gegen Doping“ für einen „sauberen Sport“, der längst zu einem albernen Wettlauf zwischen „innovativen“ Pharmaproduzenten und Kontrolleuren geworden ist, mit immer raffinierteren Verschleierungsmethoden nebst massiven Eingriffen korrupter Verbandsfunktionäre.

Ein reformresistenter Milliardenzirkus

Für den Profisport wurde eine – ebenfalls öffentlich geförderte – Spielart der „Sportmedizin“ entwickelt, der es nicht um Heilung und Prophylaxe geht, sondern um monströse Formen der „Leistungsoptimierung“. Reformieren lässt sich dieser globale Milliardenzirkus nicht. Daher wäre ein harter, kompromissloser Schnitt notwendig: die komplette Privatisierung des Profisports. Werbetreibende Konzerne sollen ihre kostbaren Zirkuspferde, also auch deren Ausbildung, „Optimierung“ und ökonomische Absicherung marktwirtschaftlich selbst finanzieren, ohne zugeschossenes Steuergeld.

Nationale und globale Vermarkter müssten sich so ein freiwillig zahlendes Publikum suchen. Dort, wo das nicht gelänge, würden sie vom Markt verschwinden. Die Trennung vom Profisport müsste auch für die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Medien gelten, die nach wie vor große Summen für Übertragungsrechte ausgeben, selbst für so übel beleumdete Veranstaltungen wie die „Tour de France“.

Kompromissloses Handeln ist gefragt

Wer das noch unbedingt anschauen will, möge bitte auf das reichhaltige kostenpflichtige Angebot von Privatsendern und Streaminganbietern zurückgreifen. Natürlich muss die Sportförderung besonders beim Schul- und Breitensport eine möglichst auskömmlich finanzierte Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge bleiben.

Und natürlich sollte der Wettkampfgedanke einen angemessenen Platz einnehmen, so wie ihn zehntausende Amateursportler in Deutschland an fast jedem Wochenende zelebrieren. Wer dieses Hobby zum Beruf machen möchte, sollte dies auch tun können, hat aber keinerlei Anspruch auf öffentliche Alimentierung. Und so wäre die radikale Privatisierung des Profisports ein gelungenes Beispiel für die Kompatibilität von freier Marktwirtschaft und Sozialstaatsorientierung.

Tomas Poth | Mo, 16. März 2020 - 17:09

Vielleicht würden die Spiele sogar fairer ablaufen, weil jeder Spieler darauf achtet nicht direkt in Kontakt mit den anderen Spielern zu geraten!?
Wir sollten nicht allzu schnell mit heftigen Verurteilungen daher kommen.

Rob Schuberth | Mo, 16. März 2020 - 18:56

Nun zeigt sich (nicht zum 1. Mal) wie es die Großen u. Mächtigen des SportGESCHÄFTS halten.

Vorbildhaft sind sie jedenfalls nicht.

Ich weiß schon warum ich nie ein Fan dieser so radikal vermarkteten Sportarten war u. auch nie werde.

Meinetwegen kann man diese ganze Spitzenfußballer, die zwar Mio.gehälter beziehen, aber nicht verdienen, kpl. einsparen.

Wir leben leider immer noch wie zu Cäsars Zeiten. Brot u. Spiele um die Massen ruhig zu stellen.

Bin gespannt wie sich diese nun nicht mehr befriedeten Massen in den kommenden Wochen verhalten werden.

Uli Wiegand | Mo, 16. März 2020 - 20:02

Keinen Cent aus Steuermitteln für den Profisport! Ich nenne die Entwicklung in diesem Bereich pervers. Die Funktionäre der Bundesliga, IOC usw sehen Mafiosi zum Verwechseln ähnlich....Die Zustände in diesem Land müssen mit klaren Aussagen benannt werden. Sei tun das . Ihre Artikel gefallen mir sehr sehr !

Kurt Walther | Mo, 16. März 2020 - 21:18

Ein durchaus recht informativer Artikel von Rainer Balcerowiak, sogar für mich als Sportverweigerer und am Sportgeschehen weitgehend Uninteressierten. So manche Diskussion um hohe Geldbeträge, die im Sportbereich gehandelt werden, auch Einkommen mancher Spitzensportler, hat mich nie gestört. Mein Geld war bzw. ist es nicht, sondern lediglich das Geld der Stadien-Besucher und Käufer diverser Produkte inkl. Übertragungsrechte. Das glaubte ich zumindest meist. Herr Balcerowiak weist aber darauf hin, dass immer auch staatliches Geld auf vielfältig verschlungene Art und Weise involviert ist. Betreffs Massen- und Amateursport ist das ja sogar in Ordnung, nicht so für den Profisport.
Ich stimme voll zu: Wer sein sportliches Hobby zum Beruf macht, hat "keinerlei Anspruch auf öffentliche Alimentierung" Insofern ist "radikale Privatisierung des Profisports" angebracht. Die von mir entrichteten Steuergelder sollten jedenfalls nicht für den Profisport missbraucht werden.

dieter schimanek | Di, 17. März 2020 - 08:48

Als ehemaliger Leistungssportler finde ich den Vorschlag gut. Global ist es aber wie in der Wirtschaft, man muß mithalten. Beim Breitensport sind wir sehr gut aufgestellt, viele Vereine und alle sportlichen Möglichkeiten. Was besser sein könnte ist der Schulsport und die Talentsuche in den Schulen. Corona wird nichts ändern, danach geht der Zirkus weiter, in Sport, Wirtschaft und Politik.

Ernst-Günther Konrad | Di, 17. März 2020 - 09:08

Viele Menschen im aktiven, wie im passiven Bereich des Sports kritisieren seit Jahrzehnten, das Sport nur noch kommerzialisiert und als Wirtschaftsbetriebe, als Geschäftsmodell egal in welcher Geschäftsform mit Milliardenumsätzen betrieben wird. Nur, jetzt ist nicht die Zeit darüber zu diskutieren, ob und wie Fußball und andere Sportarten "weiterleben" können, auch wenn das dort natürlich auch Arbeitsplätze kosten könnte. Wo letztlich nicht, bangen Menschen um ihre Arbeitsplätze, Altersversorgung, sind besorgt über die bereits vor Corona gefährdete Wirtschaft? Liebe Sportfunktionäre. Risikopatienten haben ganz andere Sorgen. Da geht es ums Überleben. Da geht es derzeit um Isolation, um Angst vor Ansteckung, um Reduktion ihrer sozialen Kontakte. Tafeln werden geschlossen, Altenheime sind gesperrt mit Ausnahmen usw. Und ihr jammert wegen Geld das Euch fehlen könnte. Habt Ihr sie noch alle?
Jahrelang Milliarden verdient und dann angeblich in Pleitegefahr? Schämt Euch ihr Jammerlappen.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di, 17. März 2020 - 09:44

so wie ich es herauslese, NICHT.
Wirkt auf mich wie "Nachtreten".
Erinnert mich auch ein bisschen an die Kritik in Bezug auf Rettungsmassnahmen anlässlich der Finanzkrise.
Jetzt sind wir doch wohl alle froh, dass der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft gestützt werden und hoffentlich massiv.
Und im Sport ist niemand beschäftigt?
Ich korrigiere mich, klingt ein bisschen geschrieben von jemand, für den Sport, wenn überhaupt, ein Hobby wäre.
Es ist aber eine gesellschaftliche Verkehrsform der spielerischen Art mit Gott sei Dank STRUKTUREN und EBENEN.
Ich bin selbst sehr viel weniger als ein Hoppysportler - eigentlich ist Denken für mich auch eine Art Sport - aber ich liebe Sport anzusehen und eher die Übertragungen der öffentlichen Sender, die um Gesellschaftlichkeit wissen sollten.

Joachim Werner | Di, 17. März 2020 - 09:47

Ein aus meiner Sicht richtiger, die Missstände deutlich aufzeigender Artikel, dem ich vollumfänglich zustimme.
Neben der berechtigten Kritik ist auch der Lösungsansatz nachvollziehbar.
Leider fehlt bei den Entscheidungsträgern jedwedes Interesse an Veränderungen.

gabriele bondzio | Di, 17. März 2020 - 10:23

Sport sollte ja positiv besetzt sein, aber hier (stimme ich mit ihnen überein, Herr Balcerowiak) ist in den Führungsetagen nur noch Jagd nach fetter Beute zu beobachten. Der Mensch wird hier nur als Ein-und Verkaufsobjekt abgeschätzt und eingesetzt. Das man hier Ach-und-Weh schreit, wundert mich überhaupt nicht.

Auf Corona gesehen, werden Verteilungskämpfe folgen, die bis in die Mittelschicht hineinreichen. Wie auch das Aufbegehren der abnehmenden Zahl derer, die hauptsächlich zur Finanzierung staatlicher Defizite herangezogen werden.