Corona und Prostitution - „Man weiß nicht, wohin man sich wenden soll“

Die Corona-Krise trifft viele Berufsgruppen hart. Gerade in der Sexarbeit scheint die Situation nicht nur prekär zu sein, sondern auch ignoriert zu werden. Im Interview schildert eine Sexworkerin ihre Hilflosigkeit und die fehlende Unterstützung.

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Vergnügungsmeile für die einen, Arbeitsplatz für die anderen – die Große Freiheit in Hamburg / picture alliance

Autoreninfo

Rixa Rieß hat Germanistik und VWL an der Universität Mannheim studiert und hospitiert derzeit in der Redaktion von CICERO

 

So erreichen Sie Rixa Rieß:

Maria Bescht* (40) ist Sexworkerin im Geizhaus in Hamburg. Seit zwölf Jahren arbeitet sie in der Branche und bekommt die Folgen der Corona-Krise nun deutlich zu spüren.

Frau Bescht*, alle Bordelle haben derzeit geschlossen. Wie verdienen Sie Ihr Geld?
Im Moment gar nicht. Gerade arbeite ich gar nicht. So wie das aussieht, wenn es länger anhält, werde ich Grundsicherung beantragen müssen. Ein paar ganz kleine Ersparnisse habe ich, aber ansonsten halte ich mich immer von Monat zu Monat über Wasser.

In einem Interview mit dem Geizhaus Hamburg wurde erwähnt, dass viele Ihrer Kolleginnen trotz der Auflagen privat weiterarbeiten ...
In der jetzigen Situation würde ich nicht empfehlen. Ich mache das auf keinen Fall. Im Moment hauptsächlich wegen des Virus. Außerdem käme das für mich nicht in Frage. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste. In einem Bordell zu arbeiten, ist zudem sicherer. Ich würde mir das auch nicht zutrauen, an der Straße zu stehen.

Warum widersetzen sich einige Ihrer Kolleginnen den Auflagen und arbeiten trotzdem privat weiter?
Weil man eben keine staatliche Hilfe bekommt. Weil man nicht weiß, was man tun soll. Das ist brandgefährlich.

Mittlerweile gibt es viele Initiativen und Spendenaufrufe für Künstler und Freischaffende. Gibt es irgendeine Unterstützung für Sexworkerinnen?
Ich habe versucht, mich schlau zu machen. Aber in Bezug auf Prostitution gibt es da sehr wenig Information. Alle reden immer nur von Solo-Künstlern und Solo-Gewerbetreibenden. Prostitution ist das eben auch. Manche Organisationen und Stellen sind aber nicht mehr erreichbar und auf besetzt geschaltet. Man kommt da gar nicht mehr durch. Das fällt weg – man weiß nicht, wohin man sich wenden soll.

Einigen Sexworkerinnen droht jetzt auch die Obdachlosigkeit. Wie sieht es mit Ihrer Wohnsituation aus?
Ich habe eine Zwei-Zimmer-Wohnung seit 18 Jahren. Ich habe einen privaten Vermieter – da steht keine große Gesellschaft hinter. Man bekommt so wenig Informationen im Moment. Dass die Vermieter angehalten sind, einen nicht rauszuschmeißen, habe ich auch schon gehört. Aber wie das mit privaten Vermietern geregelt ist, weiß ich nicht. Der muss ja auch irgendwie über die Runden kommen. Ich glaube nicht, dass ich die Wohnung verliere, aber man hängt schon irgendwie in der Luft.

*Hinweis der Redaktion: Am 20. März erhielt das Geizhaus ein Schreiben des Bezirksamts mit dem Hinweis, dass die Bordelle zwar für den Pubikumsverkehr geschlossen sind, die Ausnahmesituation es aber zulasse, dass die Sexworkerinnen in den Bordellen wohnen dürften.

Wie lange können Sie denn überleben, ohne zu arbeiten?
Ich habe immer in einem offiziellen Laden gearbeitet; ich bin offiziell angemeldet. Ich habe seit 12 Jahren eine Steuernummer und mache jedes Jahr meine Einkommenssteuererklärung. Ohne Grundsicherung kann ich gerade so am 1. meine ganzen Sachen bezahlen. Danach ist finito. Und dann werde ich Grundsicherung beantragen, was ja momentan angeblich auch ganz unbürokratisch vonstattengehen soll. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert. Ich habe im Internet gefühlt 50 Dokumente ausgedruckt.

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Bernd Muhlack | Do, 26. März 2020 - 20:34

"Wer noch niemals in lauschiger Nacht, einen Reeperbahnbummel gemacht, ist ein armer Wicht, denn er kennt dich nicht, mein St. Pauli bei Nacht.
Ob du ein Mädel hast oder hast keins, denn das findet sich, auf der Reeperbahn nachts um halb eins"
Verkürzt, frei zitiert.

Die Reeperbahn, St. Pauli, die Landungsbrücken, die Binnenalster sind ein must-have.
Ja, HH ist eine schöne, "bunte" Stadt.

"Sexworker"?
"Home Office"?

Auch hier wird "Erntehilfe, Gedöns" erwähnt.
Warum?
Ich bin sehr konservativ, "law & order"!
Genau darum geht es doch wieder!

"Sollen diese Migranten doch endlich was tun!"
Aha, soso!
Bitte schlicht zeitnah die G anpassen!
Alles andere ist Stammtisch, Populismus.

"Spargelzeit", der Tatort Münster; Nadeshda under cover im Spargelbetrieb.
"Sie haben aber schöne Hände."
"Wie? Ah, das Arbeitsamt hat mich geschickt, vorher nur Bürojobs."

Das sind Knochenjobs, "Container"!

In Abwandlung von Udo Jürgens:
"Mit 40 J fängt das Leben an, hat man Spaß daran"

MB*
ALLES GUTE!

Helmut Bachmann | Fr, 27. März 2020 - 08:03

Es ist gut allen zu helfen, auch den Prostituierten. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass es sich eben nicht um einen Job wie jeden anderen handelt. D.h. helfen heißt, da heraushelfen.

helmut armbruster | Fr, 27. März 2020 - 10:39

aber ohne viele andere Dinge nicht.
Daher ist es mir ziemlich gleichgültig ob die Prostitution und das ganze damit verbundene Rotlichtmilieu den Bach runter gehen oder nicht.
Schlimm wäre nur, wenn Prostitution und Rotlicht jetzt staatliche Hilfen erhielten um die Corona Krise überleben zu können.
Wer weiß? Von unserem Staat kann man inzwischen wirklich alles erwarten.

Vermutlich gehen viele Prostituierte ihrem "Beruf" nicht nach, weil sie unbedingt Spaß daran haben. Dahinter gibt es Einzelschicksale von Menschen, die vermutlich keine Alternative sahen oder sehen.

Darüber hinaus hat Prostitution einen nachgewiesenen gesellschaftlichen Nutzen: Ist sie verboten, steigt die Zahl der Sexualdelikte.

Richtig ist: Dem "Milieu" darf man nicht helfen. Den betroffenen Menschen - also den Sexualarbeitern - muss man sehr wohl helfen.

Tomas Poth | Fr, 27. März 2020 - 12:17

Das sind doch auch Menschen. Klar nicht so geehrt wie andere Berufe. Aber geht es je ohne sie in einer Gesellschaft? Selbst in den sozialistischen/kommunistischen gab/gibt es sie.
Wir helfen doch aller Welt, laden alle zu uns ein (hier wird sie geholfen) und tragen sie auf unsere Kosten über Jahre durch das Leben.
Macht diese Moral jetzt vor den Damen des horizontalen Gewerbes halt?

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