Coronavirus-Krise - Wir brauchen eine klare Exitstrategie

Dass die politisch Verantwortlichen angesichts der Corona-Pandemie auf die Notbremse gestiegen sind, war richtig und angemessen. Doch jetzt kommt es darauf an, einen Weg aus dem Shutdown zu finden. Alles andere ist nicht zu verantworten.

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So leer wie jetzt darf der Marienplatz in München nicht auf Dauer bleiben / dpa

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Deutschland steht still. Am vorletzten Freitag verkündete Markus Söder eine Ausgangsbeschränkung für Bayern. Am Sonntag folgte der Rest der Republik. Zu diesem Zeitpunkt gab es gut 18.610 Coronavirus-Infektionen. Am Tag darauf gut 4.000 Neuinfizierte, also einen Anstieg von knapp 20 Prozent. Am vergangenen Donnerstag stieg die Zahl der Infizierten um etwa 15 Prozent auf 36.058 Personen.

Zahlen sind wahnsinnig trocken. Aber in der aktuellen Situation ist es hilfreich, sie genauer anzuschauen
Dann stellt man fest, dass in der Woche vom 15. auf den 22. März die Zahl der Infizierten von 4.838 Personen auf schon erwähnte 18.610 gestiegen ist, also um etwa 284 Prozent. Rechnet man in diesem Modus weiter kommt man zu dem Ergebnis, dass Deutschland ohne Gegenmaßnahmen zu Ostern mindesten 570.000 Infizierte gehabt hätte. Gehen wir davon aus, dass 10 Prozent davon einen schwereren Verlauf genommen hätten, so kommen wir auf 57.000 zu hospitalisierende Personen.

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Hans Jürgen Wienroth | Sa, 28. März 2020 - 10:51

Corona ist ein Zauberwort für eine Zeit, die es der (Regierungs-)Politik so einfach macht: Keine Alternative. keine echte Opposition und ein Freibrief für die Regierung. Warum soll man das schnell beenden? Unsere Wirtschaft muss wieder in Gang kommen, das ist richtig, weil wir sonst die Versorgung der Bevölkerung nicht aufrechterhalten können. Aber wo wurde festgelegt, wann dieser Zeitpunkt ist? Wieder ist alles von der Regierung abhängig.
Sie hat uns am Anfang beruhigt, Corona wäre weit weg. Dabei hat man – anders als in Asien – den Import des Virus nicht begrenzt (z. B. durch „Fibermessungen“ bei der Einreise, die es bis heute nicht gibt!). Atemmasken und anderes Schutzmaterial (aus China?) wurde schnell verschenkt und wird heute zu Wucherpreisen zurückgekauft.
Beim Exit wird vorrangig an die Wirtschaft gedacht. Was ist mit all den anderen „Wohltaten“, die gerade eingeleitet werden? Gibt es auch hierfür ein Exit und wie kann man das der Bevölkerung „verkaufen“?

in jüngste Umfragen bescheinigt eine Mehrheit der Deuschen unserer Regierung, einen guten Job bei der Corona-Bekämpfung. Amüsant: Selbst eine Mehrheit der AfD-Wähler sieht das so. Nun ja, die AfD-Cyberbrigade hier im Forum hinkt halt noch ein wenig hinterher..
Was eine "Exitstrategie" angeht: Der Mensch hatte keine Strategie, um Corona zu verhindern. Er wird auch jede Strategie daran messen müssen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.
Anzunehmen, man könne an Tag X zum Normalzustand zurückkehren und bis dahin entspechende Vorbereitungen treffen, kann man höchstens als "optimistisches Wunschdenken" einschätzen.
Wenn die Zahl der Toten in Deutschland irgendwann in die Tausende oder gar Zehntausende gehen sollte, was - Gott bewahre - hoffentlich niemals eintritt, kann man nicht einfach zur "Normalität" zurückkehren.
Nicht die Regierung bestimmt die Strategie, sondern das Coronavirus. Der Mensch hat die Kontrolle verloren.

Zur Frage der Festlegung eines Exitzeitpunkts sagt Anthony Fauci, Leiter des US-amerikanischen Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten: "Wir bestimmen nicht den Zeitplan, das Virus bestimmt den Zeitplan."

Zitiert in: https://www.faz.net/aktuell/

Die Ausgangsbeschränkungen können grundsätzlich genauso schnell rückgängig gemacht werden wie sie verhängt wurden. Und wer glaubt, die Bundesregierung nutze die Corona-Krise, um eine Art Diktatur zu installieren, der hat weder den Ernst der Lage verstanden noch das politische System der Bundesrepublik Deutschland.

Coved-19 hat der Menschheit einen weltumspannenden Krieg erklärt. Seine Waffen sind die Unvernunft, Uneinsichtigkeit und Rücksichtslosigkeit der Menschen. Die Pandemie löst eine Reihe von schwersten Verwerfungen aus, die die Nachkriegsgenerationen noch nicht erlebt haben. Viele Selbstverständlichkeiten sind ins Wanken geraten sind.
Die Bevölkerung zeigt sich bisher weitgehend solidarisch.
Lockerungen der Maßnahmen sind in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, weil für die Politik das Risiko zu hoch ist, dass das Virus ähnlich aggressiv mutieren könnte wie bei der „Spanischen Grippe“, die weltweit 60 Millionen Todesopfer forderte. Diese Jahrhundertkrise hat das Potenzial, ein ökonomisch elementar geschwächtes und schwer traumatisiertes Land zurückzulassen. Die Politik muss innerhalb der kommenden Wochen den historischen Spagat schaffen, auf der einen Seite Menschenleben zu schützen, andererseits aber nicht einen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Super-GAU zu begünstigen.

,dass eine Diktatur errichtet wird mit Hilfe von Corona. Die Ansätze zur totalitären Einheitsmeinung jedoch, die sind gefährlich. Sieht man leider hier. Wer ausschert wird verächtlich gemacht. Schade.

gerhard hellriegel | Sa, 28. März 2020 - 11:09

Wirtschaft ist kein selbstzweck. Ihre aufgabe ist die güterversorgung. Was fehlt? Ja, im medizinischen bereich fehlen pflegekräfte und diverse utensilien. Dann fehlen tests, ein neuer impfstoff, ein neues medikament. Aber sonst? Stürzen häuser ein, so dass wohnungen verloren gehen? Mangelt es an energie, frieren Sie? Haben Sie nichts anzuziehen? Nichts zu essen? Wasser und luft knapp? Klar, wenn das noch lange so geht, dann kommt es bestimmt irgendwann, irgendwo zu engpässen.
Aber gelle, darum geht es nicht. Um was dann?

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 28. März 2020 - 11:22

in den Vordergrund stellt, wie schütze ich meine Mitmenschen (Mund- und Handschutz), gekoppelt an besonderen Schutz der Risikogruppen, könnte es gelingen.
Ein hochinteressanter Artikel für einen Philosophen.
Danke dafür.
Ohnehin muss man doch eine """Durchseuchung""" hinnehmen, um eine Herdenimmunität zu erreichen?
Man stelle sich eine Gruppe von Menschen vor, in denen risikobehaftete Teilnehmer nicht jedesmal auf Infizierte und also Überträger sondern auf Immune treffen.
Gleichzeitig sind wir aber auf medizinische Fortschritte angewiesen, die dann auch denen zugute kommen, die nicht überlegt in der Krise handelten.
Ich erwarte mir, bei auch nur leisen Hinweisen, dass eine Grippeimpfung auch ein bisschen vor Corona schützen könnte, eine Impfpflicht für Risikogruppen.

Christa Wallau | Sa, 28. März 2020 - 11:35

Sie haben recht, lieber Herr Grau: Es wäre unverantwortlich, wenn nicht alles dafür getan würde, den wirtschaftlichen u. gesellschaftlichen Schaden, den diese Corona-Krise anrichtet, möglichst klein zu halten.
An einer speziellen Entscheidung im Zusammenhang mit der Eindämmung der Infektionen, die ich hier kurz ansprechen möchte, kann man übrigens erkennen, daß bei weitem nicht alles Gut-Gemeinte, auch wirklich gut i s t .
Das totale Besuchsverbot in Altenheimen bewirkt zum Beispiel, daß sehr viele alte Menschen, die bisher täglich von einem nahen Angehörigen besucht wurden, nun in Depression, ja Verzweiflungszustände, verfallen und nicht mehr
gut versorgt werden können, weil den Pflegern
(ohnehin viel zu wenige!) die Mithilfe der Angehörigen bei ihrer Arbeit fehlt (Zuwendung aller Art, Füttern, Waschen usw.)
Unser Sohn, der zur Zeit in einem Heim tätig ist, sagt: "Die alten Menschen leiden furchtbar. Es ist kaum auszuhalten. Ich glaube, sie wären lieber tot, als so allein zu sein."

Ernst-Günther Konrad | Sa, 28. März 2020 - 12:06

Ich schrieb schon oft, es ist jetzt nicht an der Zeit, einzelne Maßnahmen an sich zu kritisieren. Ob zu spät oder angemessen, alles kann später nachbereitet werden. Nur eines zeigt eben die derzeitige Situation ganz klar. Streit um Zahlen, Streit um richtigen Umgang, Streit um Dauer der Maßnahmen, Streit darüber, wie lange das wirtschaftlich durchzuhalten ist usw. Bei allen Gedanken die jetzt, nicht erst seit 2013 vorbereitet, ad hoc diskutiert und entschieden werden müssen, habe ich schon einmal davor gewarnt, dass behördliche Maßnahmen, je länger sie dauern, an Akzeptanz aus unterschiedlichsten Gründen verlieen kann. Ich bin mir nicht sicher, auch wenn ich persönlich kaum davon betroffen bin, ob sich ein ganzes Volk bis zum 20.4.20 einsperren läßt. Wenn die Menschen das Vertrauen in die Maßnahmen verlieren wird es eben auch spannend. Da sind die "Problemlöser", diejenigen die Flashmops organsieren ganz schnell dabei. Dann bekommen wir auch mit inneren Sicherheit ernsthaft Probleme.

Gaza Edwin | Sa, 28. März 2020 - 12:50

Sehr geehrter Herr Grau,
Erlauben Sie : Grau ist alle Theorie.
Welches Institut liefert wem belastbare Zahlen mit Schwere und Verlauf, wer und wann wird getestet? Welches Gremium bewertet und zieht Schlüsse und macht der Exekutive Vorschläge. Welcher Ethikrat beschließt über das Wegsperren von uns Alten und dass medizinische Versorgung im Ernstfall unterbleibt? WIe lange sollen die Einschränkungen unter Berücksichtigung von 60% Durchseuchung und Immunitätszeiten dauern? Abwarten? Wo sind Antworten. Aussitzen geht nicht.
Ich kann noch kein Gesamtkonzept erkennen.
Ja und wann hört die Presse auf sensationslüstern über jeden einzelnen Toten irgendwo zu berichten?
Edwin Gaza

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa, 28. März 2020 - 13:05

wird man das behutsam überlegen müssen, solange, bis man eine medizinische Exitstrategie hat.
Viren können sich in unseren Zellen vermehren und erstaunlicherweise klappt das massiv nur bei etwa 20%.
Das macht die anderen 80% nicht automatisch ihr Leben lang immun, sie kommen auch einmal in gefährdete Bereiche, besonders die des Alters?
Lese gerade bei apo.net (Netz der Apotheken)
Demnach werden Impfungen gegen Pneumokokken (Bakterien) und Grippe (Viren) mittlerweile für ältere Menschen empfohlen.
Ich verlasse mich immer auf meine Hausärztin und empfehle das Hausarztprogramm.

helmut armbruster | Sa, 28. März 2020 - 14:03

wird der zweite Akt dieses Dramas sein.
Wenn erst die Ansteckungsgefahr vorbei sein wird und die Beschränkungen aufgehoben sein werden, wird man sehen, was von der Wirtschaft noch übrig geblieben ist.
Was und wie viel ist heute schwer abzuschätzen. Klar ist aber, dass, wenn keine Umsätze mehr kreiert werden können, kein Geld mehr reinkommt und ohne Geld muss die Firma schließen oder Insolvenz anmelden.
Wenn hier nicht ein Wunder geschieht werden wir eine zweite Epidemie erleben, nämlich den Virus corona economicus.

H.H. | Sa, 28. März 2020 - 14:09

Der shutdown war nötig, auch als Basis für ein Hochfahren der normalen Beweglichkeit. Diese muss von Nah nach Fern erfolgen. Haus um Hause, Straße um Straße, Stadtviertel um Stadtviertel, Stadt um Stadt, Landkreis um Landkreis, sobald per Tests gewährleistet ist, dass der jeweilige Bereich Corona-frei ist. Sind aneinander angrenzende Bereiche frei, so darf man sich im vereinigten Bereich wieder frei bewegen und wirtschaften.Ja, es gibt nicht genügend Testmöglichkeiten, darum sollten die Tests nicht im Gieskannenprinzip sondern konzentriert auf vorrangige Bereiche erfolgen, etwa bei den wirtschaftlich wichtigsten Städten. Und ja, es kann Rückschläge geben. Zurück auf Los. Auch da ist das von-Nah-nach-Fern-Prinzip hilfreich. Zudem könnte man am Abend per social media posten, wann man wo war u.dabei mit anderen Kontakt hatte. Dieses Konzept läßt sich sicherlich noch weiter ausformulieren, aber in diese Richtung muß es gehen.

Carola Schommer | Sa, 28. März 2020 - 15:12

ist interessant, was in Island gemacht wurde: neben 4.000 Personen, die Symptome zeigten, wurden auch 6.000 Einwohner getestet, die keine oder kaum Symptome hatten, bei einer Gesamtbevölkerung von 364.000 Menschen. Es zeigte sich, dass von der letzten Gruppe 1 % ebenfalls mit dem Coronavirus infiziert waren.
Sollte dass Rückschlüsse auf andere Länder zulassen und tatsächlich von einer Rate von ca. einem Prozent auszugehen sein, dann wären nicht nur Kontaktverbote zu hinterfragen, sondern es würde sich dadurch auch eine wesentlich geringere Sterberate ergeben.

Vorausgesetzt, dass erkennbar Infizierte isoliert werden, ist die Wahrscheinlichkeit, in der anderen Gruppe eben noch nicht so hoch, dass die Infizierung flächendeckend vonstatten geht.
Je höher aber der vielfältige Kontakt in der "nicht" infizierten Gruppe wäre, kann sich das schnell ändern, denn es gibt dieses 1% unerkannte Fälle.
Es geht darum, das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren und das beinhaltet auch ausgeruhte Ärzte* und Pfleger*.
Oder übersehe ich etwas?

Norbert Heyer | Mo, 30. März 2020 - 06:30

Noch kann die Politik sich bestätigt fühlen: Lt. einer ZDF-Umfrage tragen 95 % der Befragten die getroffenen Maßnahmen mit. Dieser Wert wird sehr, sehr schnell kippen, wenn die verordneten Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit nicht den gewünschten Effekt zeigen. Oder wenn die Betroffenen merken, dass die vollmundig verkündeten schnellwirkenden „Sofortmaßnahmen“ doch an dem langwierigen „Amtsschimmel“ nicht ohne längere Laufzeit der jetzt einsetzenden Antragsflut vorbeikommen. Es ist völlig unverständlich, wie Politiker in Krisenzeiten schnelle Hilfe versprechen, wo doch die Verwaltungen jahrzehntelang auf Abbau getrimmt wurden. Kein Staat kann es sich erlauben, das Wirtschaftsleben bis auf die Grundbedürfnisse womöglich monatelang stillzulegen. Denn so hart es klingt: Leistungsfähig und sozial kann ein Staat nur dann agieren, wenn die dafür erforderlichen Finanzen erwirtschaftet werden. Das ist die Realität, die Politik muss sich diesem Problem stellen und entsprechend entscheiden.

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