Corona-Infektionen in Schlachthöfen - Heils Aufräumaktion in der Fleischindustrie wird ausgebremst

Der Ruf der Fleischindustrie ist schon lange ramponiert, doch die Corona-Krise macht besonders deutlich, unter welch schlechten Bedingungen dort gearbeitet wird. Arbeitsminister Heil wollte in der Branche aufräumen. Doch so leicht macht es ihm der Koalitionspartner nicht.

Schlachthöfe wie hier im niedersächsischen Dissen werden immer wieder zu Corona-Hotspots / dpa

Autoreninfo

Rainer Balcerowiak ist Journalist und Autor und wohnt in Berlin. Im Februar 2017 erschien von ihm „Die Heuchelei von der Reform: Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt (edition berolina). Er betreibt den Blog „Genuss ist Notwehr“.

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Inmitten von allgemein rückläufigen Infektionszahlen hat sich in Deutschland ein neuer Hotspot der Corona-Pandemie herauskristallisiert. In immer mehr Schlachthöfen und Zerlegebetrieben haben sich größere Gruppen von Arbeitern mit dem Virus angesteckt. Betroffen sind vor allem Schwergewichte der Branche wie Vion, Westfleisch, Danish Crown und in kleinerem Umfang auch Tönnies, die zusammen fast zwei Drittel des Schweineschlachtmarktes abdecken, aber auch kleinere Betriebe.

Einige Betriebsstätten wurden bereits geschlossen, weitere könnten folgen, da nunmehr in die Wege geleitete Testreihen noch nicht ausgewertet sind. Am Sonntag kam ein weiterer spektakulärer Fall dazu. 92 Mitarbeiter eines „Westfleisch“-Schlachthofs im niedersächsischen Dissen wurden positiv getestet, wie der Landkreis Osnabrück mitteilte.

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AliceFriedrich | Mo, 18. Mai 2020 - 14:28

"Von Belangen des Tierschutzes ganz zu schweigen."

Wieso eigentlich schweigt man immer von den Belangen des Tierschutzes?
Wäre das nicht der Augenblick, das gesamte Paket auf den Tisch zu bringen? Denn alles hängt doch miteinander zusammen.

Tomas Poth | Mo, 18. Mai 2020 - 14:36

Das Thema ist komplizierter, rd. 600Tsd. Tonnen Fleisch gehen in den Export. Hier liegt der Wettbewerbsmaßstab, was Fleisch kosten darf. Die günstigen Preise für den lokalen Verbraucher sind ein SpinOff des Exportes.

Der deutsche Fleischexport kann nur durch klare und harte Auflagen zum Tierwohl und zur deutlich besseren Entlohnung der Fleisch-Arbeiter gedrosselt oder sogar gänzlich gestoppt werden.
Ein solcher Exportstopp käme auch unserer Umwelt zu Gute.

Heidemarie Heim | Mo, 18. Mai 2020 - 14:51

Kammerjäger Heil gegen die Artenschutzbeauftragte Klöckner;)? Da hält sich die Spannung bei mir allerdings in engen Grenzen. Am Wochenende erfuhr man so nebenbei auch davon, das ein anderer Markt mit Lohn-Sklavenpotential wieder mal das kurze Licht der Öffentlichkeit streifte. Den der Zusteller-Branche nämlich,wo man ein ganzes Verteilerzentrum in Quarantäne-Urlaub schicken musste. Ich denke ein Großteil der Mitarbeiter dort schuftet auf 450€-Basis und kann noch nicht mal zum Arbeitsamt. Und natürlich gehört es nun zur schön formulierten "Neuen Normalität" kurz NN, das die alten, in dem Fall wortwörtlichen Schweinereien keineswegs im Orkus der alten Normalität verschwunden wären. Im Gegenteil weisen diese aktuell das unangenehm hohe Risiko aus, der vergangenen Politik nun täglich mittels R-Faktor in den Hintern zu beißen! Als Verbraucher sitzt man wie immer blöd daneben, da man ebenfalls einen gut Teil dazu an diesen widrigen Umständen beitrug. Essenstechnisch wie politisch!FG

Christa Wallau | Mo, 18. Mai 2020 - 16:01

Es ist tatsächlich allerhöchste Zeit, in diesem Bereich hart durchzugreifen.
Niemandem ist mit Billigstfleisch gedient:
weder den Produzenten noch den Konsumenten -
n u r den Zwischenhändlern.
Diese sollten sich jedoch möglichst bald eine andere Verdienstmöglichkeit suchen.

Menschen brauchen nicht jeden Tag Fleisch bzw.
Fleischprodukte - im Gegenteil: zu viel Fleischverzehr ist sogar ungesund.
Wenn wir erreichen könnten, daß z. B. der Verzehr um die Hälfte zurückginge, dafür aber die Preise um die Hälfte zulegten, dann wäre allen geholfen.
Ich kann nur hoffen, daß es hier endlich bald zu vernünftigeren (tier- u. menschenwürdigeren) Lösungen kommt.

Dagmar Kluth | Mo, 18. Mai 2020 - 17:08

der Drohung: Dann verlagern wir ins Ausland! Ich bin ganz sicher, Frau Klöckner würde die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften bezüglich der Tiertransporte dann aber penibel genau überwachen! Die Frage darf erlaubt sein: welches Land würde sich um die Ansiedlung solch widerlicher Unternehmen reißen?

Wolfgang Dubbel | Mo, 18. Mai 2020 - 17:26

man gönnt dem koalitionspartner keinen erfolg
...darum gehts...,der versuch, aus jedem thema
pol. kapital zu schlagen ist durchsichtig und wird möglichst vereitelt. wem es wirklich um die sache geht, sollte signalisieren, dass er sich nichts ans revers heften will.

Ernst-Günther Konrad | Mo, 18. Mai 2020 - 18:24

Sollte darüber nicht mal öffentlich geredet werden? So, so. Nur noch bei den Firmen mit regulärem Arbeitsvertrag beschäftigte Arbeiter sollen sich um die Produktion kümmern? Hohe Bußgelder sollen abschrecken?
Was ist eigentlich mit anderen Branchen? Schröder hat doch diese Missstände eingeführt und ihr Sozis habt sie jahrzehntelang gefeiert und wollt heute nichts mehr davon wissen. Anstatt dem schon damals absehbaren Ausbeutungsproblem entgegen zu treten habt ihr was gemacht? Genau. Nichts. Heute wollt ihr davon nichts mehr wissen und der "Hubertus" gibt also den Aufräumer. Darf das Parlament angehört werden oder erlaubt das IfSG auch jetzt solche Gesetzesvorhaben in der Regierung allein abzuwickeln?
Ich meine, Ihr habt Euch ja alle schon mollig eingerichtet, via "Ermächtigung" und besonderer Umstände den Parlamentarismus auszuhebeln. Die EX-Justizministerin soll bei WILL gesagt haben, das Virus kenne das GG nicht. Ich sage, nicht nur das VIRUS, auch die Regierung kennt es nicht.

Nicole güldner | Mo, 18. Mai 2020 - 19:18

Das alles ist seit mindestens 20 Jahren bekannt. Und es ist schlimmer als beschrieben.
Es lebe das subunternehmertum und das Waschen der Hände in Unschuld. Und der Lobbyismus.
( habe auf einem solcher Betriebe 4 Wochen lang am Band gestanden und den gesamten Prozess erlebt)
Und mit den ausländischen Mitarbeitern gesprochen, soweit sie überhaupt deutsch sprachen oder den Mut hatten was zu sagen. Tja.

Yvonne Walden | Di, 19. Mai 2020 - 09:51

In reply to by Gast

Es gab in Vechta im Oldenburgischen Münsterland einen Prälaten namens Peter Kossen. Der setzte sich seit Jahren dafür ein, daß die skandallösen Machenschaften in der Fleischwirtschaft beendet werden. Er war seinerzeit Stellvertreter des Weihbischofs Timmerevers im Offizialat Vechta.
Nachdem es offenbar massive Proteste der Fleisch-Industriellen beim katholischen Bistum in Münster gab, wurde Prälat Kossen einfach nach Lengerich zwangsversetzt. Er arbeitet dort nicht mehr als bischöflicher Amtsvertreter, sondern als "einfacher" Gemeindepfarrer.
Und Weihbischof Heinrich Timmerevers wurde zum Bischof von Dresden-Meißen befördert. Während sich Prälat Peter Kossen weiterhin für menschen- und tierwürdige Verhältnisse in den Schlachthöfen einsetzt, genießt Bischof Heinrich Timmerevers die Würden eines Bischofs in der Diaspora.
Die CDU wird vermutlich weiterhin von der Fleischwirtschaft gesponsert, während die Leiharbeiter im Gegenzug rigoros ausgebeutet werden. Vom Tierwohl ganz zu schweigen.

Yvonne Walden | Mi, 20. Mai 2020 - 16:41

In reply to by Gast

Arbeitsminister Heil konnte sich durchsetzen, dank der Unterstützung durch Agrarministerin Klöckner. Gut so.
Jetzt ist der Gesetzgeber am Zuge. Hoffentlich gehören Zeitarbeit und Leiharbeit in der Fleischbranche bald der Vergangenheit an.
Auch andere Branchen müssen folgen. Denn es geht am Ende immer nur um die Ausbeutung der Schwächsten am unteren Ende der Arbeitnehmerkette.
So etwas brauchen wir nicht. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert und nicht mehr im üblen Mittelalter.

Christoph Kuhlmann | Di, 19. Mai 2020 - 10:00

Wir haben das im Rahmen der EU Wettbewerbsfreiheit in vielen Branchen, Bau, Fleischindustrie, Logistik und die sogenannten Arbeiterstriche. Von der Gastronomie mal ganz zu schweigen. Nicht organisierte Interessen nimmt in diesem Land halt keiner wahr. Damit sind niedrige Löhne auch für Deutsche in vielen Branchen garantiert.

Karl Eberhard | Mi, 20. Mai 2020 - 04:38

Bei Massentierhaltung und Fleischverarbeitung scheinen sich ähnliche Probleme zu wiederholen wie früher in der Kohleindustrie, als man Tausende von Gastarbeitern nach Deutschland geholt hat um subventionierte Kohle aus der Erde zu holen. Der Nutzen für Deutschland per Saldo? Zumindest fraglich.

Was im Artikel gar nicht angesprochen wurde, betrifft allerdings auch die vorgelagerte Massentierhaltung, ist das enorme Gülleproblem. Wer einmal in Regionen mit großer Viehhaltung gewandert ist, weiß, dass man stellenweise nur mit Schal vor der Nase den Gestank der Gülle aushalten kann, die auf den Wiesen ausgebracht wird. Wobei das gegenüber der Nitratbelastung des Trinkwassers noch das kleinste Problem ist. Wer rechnet hier mal Kosten und Nutzen für das Land unter dem Strich aus?