Clankriminalität: Ein Aussteiger packt aus - „Wenn du jemandem die Nase brichst, bist du der King“

Wer als Clan-Mitglied aus der Organisierten Kriminalität aussteigen will, hat es schwer. Khalil O. hat es geschafft. Wie, darüber hat der ehemalige Betreiber eines Koks-Taxis ein Buch geschrieben. Ein Gespräch über prügelnde Väter, die Macht des Koks und die Frage, wie man die Clans erreichen könnte.

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„Razzien sind reine Schikane“: Khalil O. / dpa

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin für CICERO.

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Antje Hildebrandt

Eine Bar in Neukölln. Auf dem Podium sitzt ein Mittdreißiger im Hoodie und beantwortet die Fragen von Journalisten. Ernst, reflektiert – und schonungslos offen. Fotografieren darf man ihn nicht, und auch sein richtiger Name bleibt sein Geheimnis. Er ist mehrfach vorbestraft wegen Drogenhandel, schwerer Körperverletzung und schwerem Diebstahl, aber das war in seinem früheren Leben. Mit 23 stieg Khalil O., der Spross einer der bekanntesten arabischen Clans in Berlin, aus der Szene aus. Er holte sein Abitur nach und studierte Sozialarbeit. Heute arbeitet er als Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche. Jetzt ist seine Geschichte erschienen: „Auf der Straße gilt unser Gesetz.“ Christine Kensche, Nahost-Korrespondentin der „Welt“, hat sie mit ihm zusammen aufgeschrieben. 

Herr O., bei Clans denken die meisten Deutschen an Drogenhandel, Gewalt, teure Autos, dicke Goldketten und die Gangsterserie „Four Blocks“. Woran denken Sie?
Ich denke eher an Chancen und Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung.

Sie meinen das Sprichwort: „Blut ist dicker als Wasser?“
Ja, aber im positiven Sinne. Ich hatte in meiner Familie auch ein, zwei Leute, die haben studiert. Das waren zwar keine Vorbilder. Aber man wusste: Okay, es geht auch irgendwie anders. Zu meinem Clan zu gehören, kann Fluch sein. Es kann aber auch Segen sein. 

Aber Ihr Buch liest sich eher so, als sei der Clan ein Gefängnis gewesen. Sie waren Regeln und Ritualen unterworfen, die ihre Familie aus ihrem türkischen Ursprungsdorf mitgebracht hat. Freiheit blieb da kaum. Sogar bei der Partnerwahl redet die Familie mit. 
Na ja, wenn du in Gaza aufwächst, ist Gaza für dich nicht unbedingt ein Gefängnis. Das sagen Leute, die von außen darauf gucken. Selber reflektierst du das nicht so in diesem Moment. Du lebst in diesem System und merkst erst später, dass du so bevormundet wurdest. Es ist ja auch sehr viel Liebe innerhalb dieser Familie.

Wenn man Ihr Buch liest, spürt man davon eher wenig. Sie beschreiben die Härte, mit der Sie erzogen wurden. Ihr Vater hat Sie und Ihre Brüder regelmäßig mit dem Stock verprügelt.
Ja, das stimmt. Wir haben uns nach jedem Elternabend zwei, drei Hosen und einige Pullover übereinander angezogen, weil wir wussten, dass wir Schläge kriegen. Aber die Erziehung hat bei uns eben anders stattgefunden. Die anderen Kinder in der Schule  kriegten Stubenarrest, wir Schläge. Das war bei uns eine andere Normalität. Wir haben uns darauf vorbereitet.

Sie beschreiben Ihren Vater als einen Mann, der für sein Geld auf dem Bau schwer gearbeitet hat und nach der Scheidung von Ihrer Mutter alleine für die Kinder gesorgt hat. Er wollte verhindern, dass Sie auf die schiefe Bahn geraten. Er hat genau das Gegenteil damit erreicht.
Diese Härte hat nach der Scheidung nachgelassen. Er musste uns ja auch die Mutter ersetzen. Er hat sich ohnmächtig gefühlt. Er hat uns versorgt, aber mehr auch nicht. Natürlich wollte er nie, dass wir so werden. Aber er hat immer an uns geglaubt. Und einige Kinder haben es geschafft, und andere machen immer noch dummes Zeug.

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Heidemarie Heim | Mo, 14. September 2020 - 15:23

Welches Fazit sollte man als Bürger angesichts derart offen gelegter Versäumnisse von Politik und Staat ziehen liebe Frau Hildebrandt? Noch dazu, wenn man Dinge, wie Ihre Nachfrage bezüglich der völlig unterschiedlich besetzten Rolle eines Lehrers*In, schon vor geraumer Zeit feststellte und bei passender Gelegenheit versuchte anzumahnen.
Was jedoch ebenso verhallte wie die verzweifelten, als Einzelfälle abgetanen Aufrufe von Lehrkräften in einem nicht geringen Teil unserer Bildungsinstitutionen. Die dem gleichen Autoritätsverlust anheim fielen wie Polizei,Justiz oder Rettung. Die ständig sozusagen an der Front das ausbaden dürfen, was Politik und Gesellschaft gemeinsam versäumten bzw. nicht einzufordern in der Lage waren. Wir sind doch selbst schuld, das man sich von den Verantwortlichen beschwichtigen ließ unter dem Deckmantel des must have! gelungener Integration. Bei erkennbarer Unwilligkeit dazu droht jedoch bis dato der pc-selbstgerechte Maulkorb oder SPD- Parteiausschluss;) MfG

Brigitte Simon | Mo, 14. September 2020 - 17:28

In reply to by Heidemarie Heim

Was soll ich noch schreiben liebe Frau Heim? Sie nahmen mir jedes Wort, jeden Punkt, jedes Komma aus dem Mund. Ich freue mich auf Ihren nächsten Kommen-
tar oder schreiben Sie diesen bereits?!
MfG

Heidemarie Heim | Mo, 14. September 2020 - 18:50

In reply to by Brigitte Simon

Besten Dank liebe Frau Simon! Zuviel der Ehre! Ich hingegen erfreue mich ebenfalls regelmäßig an Ihren und anderen Kommentatoren-Fähigkeiten! Ich bin zugegeben nicht wenig stolz auf unser Forum hier im Cicero, weil man es schafft einen zivilen, wie regen Austausch auch kritischer Geister zu vereinen! Wenn ich mir da andere soziale Medien anschaue...
Alles Gute! Grüße an die Redaktion und alle Anwesende!

Manfred Sonntag | Mo, 14. September 2020 - 15:32

Ein großartiges Interview, Frau Hildebrandt. Ihr Gesprächspartner gibt sehr aufschlussreiche Antworten auf das größte Dilemma unserer Zeit in unserem Land. Seine Erkenntnisse könnten im Handbuch für die Entkriminalisierung ganzer Viertel Eingang finden. Am bedeutsamsten finde ich seine Aussagen zu den Kindern. Auch sie gehören zur Zukunft Deutschlands und Europas. Aber was machen wir? Wir schrauben die Anforderungen in Schule und Gesellschaft zurück (siehe Berlin & Bremen). Die Demagogen unter den Linken und Linksliberalen ruinieren die Zukunft dieser Kinder und die unseres Landes. Stattdessen säen sie Hass und Niedertracht gegen diejenigen, deren Einsatz wir so dringend benötigen, auf die Polizisten (siehe https://www.cicero.de/innenpolitik/polizeigewalt-deutschland-racial-pro…). Lieber poussieren diese "Würdenträger" mit den "Grauen Wölfen" als das sie sich wirksam um das Wohl der Frauen und Kinder der Migranten in unserer Mitte kümmern.

Yvonne Stange | Mo, 14. September 2020 - 15:50

... der Bereicherung hätte ich gut und gerne verzichtet. Probleme, die man ohne den Buntheitswahn nicht hätte. Aber das werden die "neuen Deutschen" auch wenn sie selber Deutsche verachten.... ich mag nicht mehr. Wie gut, daß sich meine Kinder bewußt gegen eigene Kinder entschieden haben - genau aus diesem Grund.

Birgit Hanika | Mi, 16. September 2020 - 10:29

In reply to by Yvonne Stange

ich wünsche mir auch keine Enkel mehr - noch dazu wohnen wir im Münchner Norden, zwar im eigenen EFH, aber um uns herum wird verdichtet, was das Zeug hält. Und dreimal darf man raten, wer denn da einzieht....Da kämen sowieso nur der kath. Kindergarten und Privatschulen in Frage. Wie sich unser Land verändert ist kaum noch zu ertragen - ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben muss und bin zum 1. Mal froh, bald 60 zu sein!

Urban Will | Mo, 14. September 2020 - 18:33

Und das vor... wie vielen Jahren?
Ich stamme aus einem kleinen Winzerbetrieb. Als die Preise irgendwann in den 80ern oder sogar davor ins Bodenlose fielen, musste mein Vater nebenbei als Lagerist für ein Mini Gehalt 50kg – Säcke herum wuchten (damals wogen Dünger-, Zucker- oder sonstige Säcke noch 50 kg), damit er uns ernähren konnte. Und dazu noch die Weinbergsarbeit, für quasi nichts. Ok, es gab auch gute Jahre, aber eben auch Jahre ohne Gewinn.
Hätte man ihm 5000.- pro Monat angeboten für nichts, hätte er wohl aus Scham abgelehnt. Und es eh nicht geglaubt oder gar etwas Unredliches vermutet.

D ist und war ein Land, das man nicht verstehen muss...
Und manchmal ist es gut, dass man nicht weiß, was hier so alles abläuft und wer wo wie viel Geld absahnen kann.

Welche Gefühle da aufkommen, schreibe ich nicht hin, vermutlich reicht obiges schon, damit mal wieder mein Beitrag im Nirwana verschwindet.

Klaus Peitzmeier | Mo, 14. September 2020 - 19:40

Der ganze Bericht beschreibt detailliert, wie unwahrscheinlich es ist, daß Integration in großem Stil aus gewissen Herkunftsländern gelingen kann.
Und wenn es aufgrund vieler Zufälle einmal gelingt, muß die Person sich verstecken und seinen Namen ändern. Geht`s noch deutlicher?

ursula keuck | Di, 15. September 2020 - 09:50

Man stelle sich vor Peter Scholl-Latour würde im Jahre 2020 noch leben und den Satz öffentlich äußern: „Wer halb Bangladesch aufnimmt, der rettet nicht Bangladesch sondern wird selbst zu Bangladesch“; die gesamte mediale Macht der grünen multikulturellen Asyllobby würde ihn als Nazi und Populisten verteufeln und öffentlich hinrichten.