Cicero-Wahlkampfindex - Europawahl lässt die Wähler bislang völlig kalt

Nur jeder fünfte Deutsche freut sich auf die Europawahl. Nur jeder Zehnte redet darüber. Das ergibt sich aus dem Cicero-Wahlkampfindex. Die Distanz zwischen Bürgern und der Wahl ist groß. Das TV-Duell könnte neue Impulse setzen.

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Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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In zwei Wochen ist Europawahl. Aber die Wahlen zum europäischen Parlament sind bestenfalls Wahlen zweiter Ordnung. Wir erleben das gerade wieder. An den meisten Menschen zieht der Wahlkampf spurlos vorüber. Das ist überall greifbar. Jetzt ist es sogar messbar. Ähnlich wie im Vorfeld der Bundestagswahl hat Cicero Online in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov versucht, die Dynamik des laufenden Wahlkampfs in Deutschland zu messen. Informieren sich die Menschen über die Wahl und den Wahlkampf? Sprechen sie darüber? Sind sie gespannt auf den Ausgang der Wahl? Diese und weitere Fragen haben wir in dieser Woche in einer repräsentativen Umfrage rund 2200 Menschen gestellt. Aufbauend auf Fragen misst der Index, in welchem Ausmaß der Europawahlkampf überhaupt bei den Wählern im Lande ankommt. Der Cicero-Wahlkampfindex hat eine Spannweite zwischen 0 und 100 und misst die Wahlkampfdynamik. Aktuell liegt der Wert bei gerade einmal 38 Punkten. Zum Vergleich: Zum gleichen Zeitpunkt vor der Bundestagswahl lag der Wert immerhin bei 46 Punkten.

Betrachtet man die Antworten im Detail, so wird schnell deutlich, wie weit weg der aktuelle Wahlkampf von den Menschen entfernt ist. Nur 11 Prozent der Befragten sprechen derzeit viel über die Wahl, nur 12 Prozent finden ihn hilfreich für die eigene Wahlentscheidung, nur 16 Prozent haben im Internet nach einschlägigen Informationen gesucht und nur 20 Prozent der Deutschen freuen sich auf die Europawahl. Es ist nicht zu übersehen, die Distanz zwischen Bürgern und der Wahl ist groß.

Allerdings gibt es auch einen Hoffnungsschimmer. Viele Wähler sind noch nicht entschieden. Die Volatilität, also die Erreichbarkeit und Offenheit der Menschen für Impulse zur Europawahl noch höher als sie zu selben Zeitpunkt vor der Bundestagswahl war. Da geht noch was, ließe sich also sagen. Wünschenswert wäre es. Denn bei diesen Wahlen steht wirklich mehr als früher auf dem Spiel. Alle großen europäischen Parteifamilien haben einen Spitzenkandidaten nominiert. Und einer dieser Spitzenkandidaten – aller Voraussicht nach Martin Schulz von den Sozialdemokraten oder Jean-Claude Juncker von den Christdemokraten – soll der nächste Kommissionspräsident der EU werden.

An diesem Donnerstag könnte daher gerade für den Wahlkampf in Deutschland ein Aufbruchsignal ertönen. Am Abend treffen die beiden Spitzenkandidaten zum ersten TV-Duell aufeinander. Dass ein solches TV-Duell ein wichtiges, ja vielleicht sogar das wichtigste Einzelereignis ist, ist aus Bundestagswahlkämpfen bekannt. TV-Duelle bringen den Wahlkampf zu den Menschen, diese wiederum können etwas über die Wahl, die Parteien, die Kandidaten und ihre Positionen lernen auch. Und solche Duelle mobilisieren. An diesem Abend könnte der Wahlkampf also losgehen. Es wäre an der Zeit.

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