Cicero-Wahlkampfindex - Für wen geht noch was auf der Zielgeraden?

Eine Woche vor der Bundestagswahl sind viele Wähler noch unentschieden. Der Cicero-Wahlkampfindex zeigt, vor allem die Oppositionsparteien SPD und Grüne haben noch Potenzial. Entscheidend bleibt: Wer erreicht die schwer erreichbar Unentschlossenen?

Uni Mainz

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Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Eine Woche noch bis zum Wahltag. Die jüngste Welle des Cicero-Wahlkampf-Index hat gezeigt: Der Wahlkampf kommt inzwischen bei den Menschen an; zugleich schreitet der Entscheidungsprozess der Bürgerinnen und Bürger voran – auch wenn er bei vielen noch längst nicht abgeschlossen ist. Aber für wen geht eigentlich noch etwas auf der Zielgeraden des Wahlkampfes? Wo  ist noch Musik drin? Wo ist der Ofen schon aus?

Seit Ende Juli misst Cicero in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut den Cicero-Wahlkampfindex. Er besteht aus zwei Werten. Der Dynamik-Index bildet ab, wie sich der Wahlkampf entwickelt. Der Volatilitäts-Index zeigt, wie unentschlossen die Wähler noch sind. Für den Index werden regelmäßig 2.000 Wahlberechtigte im Rahmen des YouGov-Bundestagswahlpanels befragt. Mittlerweile liegen die Ergebnisse der 7. Welle vor.

Wie die Grafik zeigt, gehen die Parteien mit sehr unterschiedlichen Startpositionen in die letzte Woche vor der Wahl: Wenig bis gar nicht überraschend ist dabei die Tatsache, dass die Gruppe der unentschlossenen Wähler den mit Abstand höchsten Wert auf unserem Volatilitätsindex zeigt. Aufschlussreich ist bezogen auf die Unentschlossenen aber der Blick auf den Dynamikindex. Nie war diese Gruppe für Wahlkämpfer wichtiger als heute (und in den kommenden Tagen) – aber der Wahlkampf geht an dieser Gruppe noch immer relativ weit vorbei. So hoch wie ihr Wert auf dem Volatilitätsindex ausfällt, so niedrig ist ihr Wert auf dem Index der Wahlkampfdynamik. Weder finden sie den Wahlkampf hilfreich noch sprechen sie darüber. Das Paradoxon des Wahlkampfes, über das wir an dieser Stelle vor einiger Zeit schon berichtet hatten – es besteht auch eine Woche vor der Wahl noch fort:

Einerseits sind viele Menschen bereits entschieden sind und brauchen keine neuen Impulse. Bei diesen Wählern kommt der Wahlkampf zwar an, aber er verhallt. Auf der anderen Seite erreicht der Wahlkampf diejenigen nicht ausreichend, die sich wenig für Politik interessieren und ihre Wahlentscheidung noch nicht getroffen haben.

Es ist wohl – leider – davon auszugehen, dass am Ende viele aus dieser Gruppe der noch Unentschlossenen letztendlich nicht zur Wahl gehen werden. Aber alle werden es nicht sein, einige werden doch gehen: Und für die gilt: Welcher Partei auch immer es auf der Zielgeraden des Wahlkampfes noch gelingt, diese Wähler zu erreichen und zu überzeugen, für den geht noch was. Dabei genügen oft kleine Impulse (am Arbeitsplatz, im Internet, in der Eckkneipe), um den entscheidenden Ausschlag in die eine oder andere Richtung auszulösen. Und deswegen bleibt es spannend.

Mit gemischten Gefühlen müssen auch die Anhänger und Kandidaten sonstiger Parteien in den Schlussspurt gehen. Piraten und AfD – sie liegen in den Umfragen derzeit zwischen 2,5 und 4 Prozent, aber die Abbildung zeigt: Gesichert ist das keineswegs. Ihre Wähler schwanken eine Woche vor der Wahl noch mehr als die Wähler anderer Parteien. Beim Volatilitätsindex liegen die Wähler sonstiger Parteien auf Platz 2, bei der Dynamik auf dem vorletzten Platz. Auch hier ist also noch viel Unsicherheit im Spiel. Hoffen können sie darauf, dass der eine oder andere aus der Gruppe der Unentschlossenen noch bei ihnen landet, denn die Bande zwischen Nichtwahl und Wahl einer nicht-etablierten Partei („Protestwahl“) sind oft eng.

Wirklich überraschend – aber dann doch wieder passend zum Verlauf der vergangenen Tage und Wochen und auch des heutigen Wahlabends in Bayern – ist der Blick auf die Grünen. Auch für ihre Wähler zeigt sich noch ein relatives hohes Maß an Volatilität. Und auch bezogen auf die Dynamik des grünen Wahlkampfs ergeben sich im Vergleich zu Union, SPD und FDP eher geringe Werte. Die grüne Wählerschaft scheint verunsichert. Dies wird auch deutlich, wenn man sich die Ergebnisse nicht bezogen auf die Wahlabsicht 2013, sondern auf das tatsächliche Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2009 anschaut.

Das ist ungewöhnlich. Denn eigentlich stehen die grünen Wähler in Treue fest an der Seite ihrer Partei. Schaut man sich die Ergebnisse im Detail an, finden sich Hinweise, dass die Grünen-Wähler zwischen rot und grün schwanken und vor allem mit den Themen des grünen Wahlkampfes weniger zufrieden sind. Hier mag die Akzentuierung der Energiewende auf der Zielgeraden noch einmal einiges ins Lot rücken – aber das scheint durchaus auch nötig.

Am wenigsten schwankend in ihrer Wahlabsicht sind die Wähler von FDP und vor allem Union. Das mag auf die beiden Parteien beruhigend wirken. Aber ist es das wirklich? Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass eine Leihstimmenkampagne, von denen derzeit vielerorts zu hören und zu lesen ist, es schwer haben wird zu zünden. Doch angesichts der aktuellen Umfragewerte der FDP genügen vermutlich einige wenige taktische Wähler im bürgerlichen Lager, um den Liberalen den Einzug in den Bundestag zu sichern. Nach dem Wahlergebnis scheint das nötiger denn je – aber wird es dazu kommen?

Die meisten Dynamik im Wahlkampf spüren derzeit die SPD-Wähler. Das ist sicherlich kein schlechtes Zeichen für die letzte Woche. Sind es die Hausbesuche? War es das TV-Duell? Oder am Ende gar der Stinkefinger? Jedenfalls kommt der Wahlkampf der SPD bei ihren Wählern an. Jetzt müssen daraus aus Sicht der Strategen im Willy-Brandt-Haus nur noch Wählerstimmen werden. Vielleicht gerade auch aus dem Lager der Unentschlossenen.

Vieles ist also noch möglich eine Woche vor der Wahl. Und wie immer gilt dabei: Entscheidend ist auf dem Platz – und das ist der 22. September 2013.

Die Daten für die 7. Welle des Cicero Wahlkampf-Index wurden in der Zeit vom 9. bis 13. September erhoben. Sie sind representaiv für die Wahlbevölkerung.

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